Hoffnung

Eine Spaziergängerin vergräbt die Hände in ihrem dicken Mantel. Mit aufgestelltem Fellkragen und gesenktem Kopf eilt sie von dannen. Dorthin, wo dicke Wände, beleuchtete Fenster und qualmende Schornsteine von Behaglichkeit, Wärme und Licht künden.

Meine Blicke gehen ihr nach und schweifen schließlich über die abendliche Weite der Felder und Wiesen. Der Wind bläst mir seinen eisigen Odem ins Gesicht. Und lässt mich erschaudern. Bis auf die Knochen. Und tiefer. Mein Atem kondensiert zu kleinen Wölckchen, bevor der Wind ihn aufnimmt und in alle Richtungen zerstreut. Das Leben kauert unter einer undurchdringlichen Schicht aus Frost und Eis vor sich hin. Kein Grün kleidet die Bäume, Sträucher und Hecken. Kein Wild wagt sich aus dem Dickicht. Kein Vogel kreist am Himmel.

Während ich noch zusehe, wie die Sonne am Horizont einen langsamen Tod stirbt, erkennen es meine Augen. Mit einem Mal. Und ganz klar: Die dunkelste Stunde liegt endlich hinter uns. Und seither erobert die Sonne mit jedem Tag einen Augenblick des Lichts zurück. Tag für Tag. Moment für Moment.

Es ist noch so unscheinbar. Und doch reicht es aus, dass etwas in mir geboren wird: Hoffnung. In mitten der dunkelsten Stunde nahm sie ihren Anfang. Hoffnung auf Zeiten voll Licht. Hoffnung auf Zeiten voll Wärme.

Diese Zeiten kann ich noch nicht sehen. Ich kann sie lediglich erahnen. Doch die Abendsonne, die noch so schwach und gebrechlich über den Feldern und Wiesen prangt, erzählt mir bereits von der Hoffnung auf diese Zeiten. Sie erzählte mir von Hoffnung.

*BAM!* Jo, das ist Freimaurerei!

Der Artikel „Geistesblitz: *BAM!* Jo, das ist Freimaurerei!“ von dem freimaurerischen Blogger Philip Militz hat mich dazu inspiriert, folgende Begebenheit niederzuschreiben, die mir ein Freimaurer-Bruder meiner Loge mal beim Käffchen erzählte. Dazu muss ich jedoch zunächst kurz etwas ausholen.

Eine Achillesferse des Freimauertums ist seine institutionalisierte Organisationsform. Diese macht es notwendig, dass Ämter zu besetzen sind, Sitzungen abzuhalten sind, Protokolle zu fertigen sind und Formalien einzuhalten sind. Dazu muss sie auch den Ansprüchen des deutschen Vereinsrechtes gerecht werden. Wenn man Freimaurer wird und sich auch engagieren will, merkt man relativ schnell, dass ein nicht unwesentlicher Anteil der eigenen Zeit für organisatorische Fragen draufgeht. Und bei solchen Fragen geht es ab und an auch um persönliche Eitelkeiten oder knallharte Machtpolitik.

Das alles schiebe ich vorweg, um die Frustration des Bruders, von dem ich erzählen möchte, nachvollziehbar zu machen. Viele Stunden war er mit eben solcher „freimaurerischen Orga-Scheiße“, wie er es selbst nannte, beschäftigt gewesen und hatte manch Auseinandersetzung führen müssen. Jetzt saß er erschöpft und niedergeschlagen im Restaurant des Logengebäudes und starrte in seinen Kaffee. Dies fiel einem anderen Bruder auf. Dieser setzte sich zu ihm. Der übliche „Wie geht’s – ach ja, muss ja“-Smalltalk war schnell hinter sich gebracht, als dieser Bruder ihn bat, doch mal kurz mitzukommen.

Beide stiegen die Treppenstufen empor bis zum Tempel des ersten Grades. Dieser lag noch vollkommen im Dunklen. Dort angekommen, schaltete der andere Bruder die Lichter des Sternenhimmels an der Decke des Tempels ein. Und auch das Licht im Osten des Tempels. Jetzt setzten sich beide danieder. Und schwiegen einfach nur. Über ihnen strahlten die Sterne des Himmels. Und der Altar im Osten war in dämmriges Licht getaucht. Ansonsten war es dunkel. So saßen sie beide da. Stille legte sich über sie und breitete sich in ihnen aus.

Und mit dieser Stille wurden sie sich wieder bewusst. Sich selbst und auch dem Ort, an dem sie sich gerade befanden. Dieser Moment ließ sie sich ganz neu darauf besinnen, welche Plätze sie in der freimaurerischen Bruderkette einnehmen und ausfüllen. Ich weiß nicht, wie lange beide dort so gesessen hatten, als der andere Bruder schließlich meinte: „Ich gehe gerne hierher, wenn mir der ganze freimaurerische Orga-Trubel über den Kopf wächst. Ganz alleine. Um mich zu sammeln. Um mich zu erinnern, weshalb ich das alles hier überhaupt mache.“

Mein Bruder war derart berührt von diesem Moment, dass er mir Monate später, als ich meinen Unmut über die „freimaurerische Orga-Scheiße“ mit ihm teilte, mir diese Geschichte erzählte, als sei sie erst gestern geschehen…

#Gedanke: A Crack in Everything

„The birds they sang at the break of day:
„Start again.“, I heard them say,
„Don’t dwell on what has passed away
or what is yet to be.“

The wars, they will be fought again.
The holy dove, she will be caught again,
bought and sold and bought again,
the dove is never free.

Ring the bells that still can ring,
forget your perfect offering.
There is a crack in everything,
that’s how the light gets in.

We asked for signs, the signs were sent:
The birth betrayed, the marriage spent,
the widowhood of every government,
signs for all to see.

I can’t run no more with that lawless crowd
while the killers in high places say their prayers out loud.
But they’ve summoned a thundercloud
and they’re going to hear from me.

Ring the bells that still can ring,
forget your perfect offering.
There is a crack in everything,
that’s how the light gets in.

You can add up the parts but you won’t have the sum.
You can strike up the march, there is no drum.
Every heart to love will come
but like a refugee.

Ring the bells that still can ring,
forget your perfect offering.
There is a crack in everything,
that’s how the light gets in.“

(Leonard Cohen,
aus: Anthem)

Ein fragwürdiges Bild?

Wenn man sich als Außenstehender mit dem Freimaurertum beschäftigt, ist so ziemlich das Erste, worauf man stößt, das Bild vom „Rauen Stein“ und vom „Behauenen Stein“ (oder auch Kubus).

Verkürzt dargestellt soll es die Arbeit des Freimaurers an sich selbst ausdrücken. Der Raue Stein beschreibt den unvollkommen Ist-Zustand des Freimaurers und der Behauende Stein das Ideal. Im übertragenen Sinne ist es eine Lebensaufgabe des Freimaurers, alle Ecken und Kanten von sich selbst abzuschlagen, bis ein makellos behauender Kubus übrig bleibt. Ein Stein, der im großen Tempelbau Verwendung finden kann. Je nachdem, welcher Richtung man innerhalb des Freimaurertums angehört, kann dieser Tempel für den „Tempel Salomons“ oder den „Tempel der Humanität“ stehen.

Dieses Bild ist den mittelalterlichen Steinmetzen der Dombauhütten entlehnt. Deren Aufgabe war es, grobe Gesteinsbrocken so lange mittels Hammer und Meißel zu behauen, bis diese in einem sakralen Bauwerk Verwendung finden konnten.

Jeder Suchende, der bei unserer Loge anklopft, wird mit diesem Bild konfrontiert. Und gerne wird diesem Bild noch ein moderner Anstrich verpasst: Mit der wohlklingenden Formulierung, wonach der freimaurerische Weg folglich im Grunde genommen nichts anderes darstellt, als ein Persönlichkeitsentwicklungstraining. Das Exklusive daran, so wird dann gerne weiter angereichert, ist, dass es das wohl älteste bekannte Persönlichkeitstraining der Menschheit ist. In der Regel nicken die Suchenden dann immer genauso eifrig wie artig mit ihren Köpfen. Denn wer kann schon etwas dagegen haben, an sich selbst arbeiten zu wollen?

Auch ich nickte seinerzeit genauso eifrig wie artig, als ich dieses Bild vorgesetzt bekam. Doch je länger ich mich mit diesem Bild auseinandersetze, desto mehr stellt sich mir die Frage, ob es wirklich so glücklich gewählt ist.

Denn ich frage mich, ob dieses Abschlagen der Ecken und Kanten des Rauen Steins letztendlich nichts anderes ist, als das künstliche Abtrennen von Bereichen meines Selbst, die ich – aus welchen Gründen auch immer – als nicht „würdig“ oder nicht wünschenswert identifiziert habe.

Ich habe auf meinem bisherigen Lebensweg recht schmerzhaft lernen müssen, dass es genau das Gegenteil bewirkt, wenn ich Bereiche meines Selbst, denen ich mich nicht zu stellen vermag, einfach unterdrücke oder sie eben abtrenne. Ich habe lernen müssen, dass es allgemein gültige psychologische Gesetzmäßigkeiten sind, wonach alles, was ich von mir selbst als „unerwünscht“ unterdrücke oder abtrenne, an anderer Stelle und in viel mächtigerer und destruktiverer Weise wieder hervorbrechen und sich entladen wird.

Der kürzlich verstorben Sänger Leonard Cohen singt in seinem bemerkenswerten Lied „Anthems“ die Zeile „There is a crack in everything, that is how the light gets in“. Es geht ein Riss durch alles und genau durch diesen scheint das Licht herein.

Dieser Riss – meine Unvollkommenheit, mein Schmerz, mein Hass, meine Angst, mein Egoismus, meine Rastlosigkeit, meine Sucht, meine Wut, mein Neid – genau dieser Riss ist der Ort, an dem das Licht hereinbricht. Das alles gehört zu mir. Das alles hat mich etwas zu lehren und erfüllt seinen Zweck auf meinem Weg. Schlage ich etwas davon ab, schlage ich einen Teil von dem ab, was meine Person ausmacht.

Das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass ethisch-moralisches Handeln irrelevant wäre. Oder dass es keine Werte gäbe, an denen man sein Leben ausrichten sollte. Lediglich der Umgang mit den Anteilen von mir, die diesem Bemühen zuwider laufen, ist ein anderer.

Es geht nicht darum, diese Anteile zu unterdrücken oder abzutrennen. Sondern es geht zunächst darum, diese Anteile anschauen zu können, ohne sie bewerten zu müssen, und schließlich anzunehmen. Nur wenn das geschieht, lerne ich darauf zu hören, was diese Anteile mir über mich zu sagen haben.

In der Männerarbeit nach Richard Rohr bezeichnen wir dies als Schattenarbeit. Es geht darum, den eigenen „Dunklen Bruder“ zu umarmen, anstatt ihn zu bekämpfen.

Wenn ich dies vermag, werden die Ecken und Kanten meines Rauen Steins zu dem Ort, an dem das Licht hindurchbricht. Dann wird mein Dunkler Bruder zum Lehrmeister über mich selbst. Schlage ich hingegen die Ecken und Kanten meines Rauen Steines ab bzw. spalte meinen Dunklen Bruder von mir ab, bringe ich mich um ganz entscheidende Lektionen meines Lebens.

Das sind die Gründe, weshalb sich mir die Frage stellt, ob dieses freimaurerische Bild des Weges vom Rauen Stein zum Behauenen Stein wirklich so gut gewählt ist. Oder ob es nicht sogar zweifelhaft – oder besser: fragwürdig – ist… ?

dunkler-bruder
(Bild von cac.org)

(Einschränkend muss ich zu mir sagen, dass ich mich aktuell im 3. Grad – dem des Johannismeisters – befinde. Der Weg eines Ordensfreimaurers, den ich gehe, erstreckt sich über 10 Grade. Wohl ist in den ersten drei Graden die gesamte freimaurerische Lehre enthalten. Dennoch lernt man in jedem Grad weitere, vertiefende und erweiternde Aspekte der einzelnen freimaurerischen Symbole kennen. Daher kann ich nicht sicher sagen, ob ich diesen Text genauso schreiben würde, wenn ich mich in einem höheren Grad befände.)

#BlogAward – 6 Fragen an mich

Welch eine Ehre! Die Herrin des Wortes und des Bildes, Die Springerin, hat mich für den „Blog Award“ nominiert. Kaum jemand versteht es wie sie, durch die Kombination von Bild und Wort neue Dimensionen in beidem freizulegen. Viele ihrer Beiträge habe ich mit Sternchen überhäuft (sofern ich die Zeit fand, sie zu lesen). Daher war mir diese Nominierung auch eine ganz besondere Ehre!

Ich dachte, die Fragen, die sie mir stellte, so nebenbei beantworten zu können. Aber Pustekuchen! Ihre Fragen gingen dermaßen an die Substanz, dass es alleine schon das Ringen um die Antworten wert war, mich darauf einzulassen. Doch lest selbst. Hier sind ihre Fragen und meine Antworten darauf:

1. BIST DU DA, WO DU SEIN WILLST?
Rückblickend habe ich viele Weichen in meinem Leben so gestellt, dass ich in etwa da ankomme, wo ich jetzt auch bin. Einige Weichenstellung konnte ich mir nicht aussuchen, weil das Leben mich vor vollendete Tatsachen setzte. Und einige Weichenstellungen nahm ich anders vor, als ich es mir vorher je hätte vorstellen können. Doch auch, wenn ich bewusst und gewollt in etwa dort bin, wo ich bin, so reißt diese Frage in mir auch die Frage auf, ob es noch andere Orte gäbe, an denen ich gerne wäre. Und auch dies kann ich bejahen. Daher ist es wahrscheinlich auch eine lebenslange Aufgabe, da voll und ganz sein zu wollen, wo man ist.

2. MACHST DU DAS, WAS DICH AM MEISTEN MIT FREUDE ERFÜLLT?
Manchmal bin ich mir gar sicher, ob ich weiß, was mich am meisten mit Freude erfüllt. Ich machte in jedem Lebensabschnitt das, von dem ich glaubte, dass es mich mit Freude erfüllt. Rückblickend war mancher Irrweg dabei, habe ich so manche Gelegenheit verpasst und hielt vieles nicht, was es vorher versprach. Trotzdem kann ich sagen, zutiefst Freude erlebt zu haben und auch immer noch zu erleben.

3. LEBST UND LIEBST DU, WIE DU ES DIR IN DEINEM HERZEN WÜNSCHT?
Eine der bittersten Lektionen in meinem Leben war bzw. ist es, zu lernen, dass das Leben nicht so funktioniert, wie ich es gerne hätte. Daher ist es eine meiner Lebensaufgaben, die Wünsche, die ich ans Leben habe, mit dem in Einklang zu bringen, was tatsächlich wünschenswert ist. Das umschließt, überhaupt erst einmal achtsam dafür zu werden, was ich mir in meinem Herzen wünsche.

4. WEISST DU, WOHIN DEINE SEELE ZIELT?
Ich glaube, letztendlich zielt meine Seele nach Hause. An den Ort, der eins ist, der still ist, der gegenwärtig ist, der ganz ist und der heil ist. Ergo: Der Ort, der einfach nur „ist“.

5. BIST DU GLÜCKLICH?
Eine Frage, die für mich unheimlich schwer zu beantworten ist. Denn diese Frage zieht so viel mit sich und wirft so viele weitere Fragen auf. Es gibt Momente, in denen ich sie mit einem entschiedenen „Ja“ beantworten kann. Und es gibt Momente, in denen ich mir da nicht so sicher bin. Ich glaube, unterm Strich überwiegt das Glücklich-Sein.

6. WEISST DU, WAS DICH GLÜCKLICH MACHT?
Ich habe einige Dinge kennenlernen dürfen, die mich glücklich machen: Abstrakt würde ich diese Dinge mit „Aufrichtige Begegnung“ und „Erleben von Verbunden-Sein und Eins-Sein“ beschreiben. Konkret zählen meine Frau und meine Tochter; tiefe Freundschaften; meine Familie; das Verweilen in der Natur, in der Stille und im Ritual; „meine“ Musik und gute Literatur; das Erforschen der Geschichte und ein guter Whiskey mit Zigarre dazu.

Soviel zu mir. Ich hoffe, den Fragen einigermaßen gerecht geworden zu sein. Ich wiederum nominiere folgende – wie ich finde, sehr besondere – Blogs für den „Blog Award“:
Inga Höltmann
Svens Bericht
Vom Mensch, Sein und Werden
Seelengrund
Krieger des Lichts
MartHori
Nitya

Und ich gebe Euch folgende Fragen mit:
1. WARUM HAST DU ANGEFANGEN ZU BLOGGEN?
2. WAS WAR DIE SCHÖNSTE REAKTION, DIE DU WEGEN DEINES BLOGS ERHALTEN HAST?
3. WAS WAR DIE MIESESTE REAKTION, DIE DU WEGEN DEINES BLOGS ERHALTEN HAST?
4. WAS ERFÜLLT DICH INNERLICH (UND WARUM)?
5. WAS HINDERT DICH DARAN ZU LEBEN (UND WARUM)?
6. WAS MACHT DICH WÜTEND (UND WARUM)?
7. WAS MACHT DICH TRAURIG (UND WARUM)?
8. WAS MUSS GESCHEHEN SEIN, DAMIT DU AM ENDE DEINES LEBENS SAGEN KANNST, DASS DEIN LEBEN SINNVOLL GEWESEN IST?
9. WAS IST DEINE LIEBSTE JAHRESZEIT (UND WARUM)?
10. WIE SIEHT DEINE IDEE EINER IDEALEN GESELLSCHAFT AUS?
11. WO VERORTEST DU DICH MUSIKALISCH?

Viel Spaß mit meinen Fragen. Ich freue mich auf Eure Antworten!

Gesegnete Grüße!

Hagen Unterwegs

#Gedanke: Alle Liebenden

„Denn da alle Liebenden,
innerlich immer noch Kind,
und da die, die reinen Herzens handeln,
unsere größten Helden sind,
rette ich die Welt
mit Deiner Liebe in mir,
denn ich bin für Dich da,
nein, ich bin wegen Dir hier.

Da Dir die Fähigkeit zu lieben
geblieben ist,
und die Kraft zu vergeben
ein Bestandteil deines Lebens ist,
wurde ich erweckt,
und was tief in mir schlief
führt nun Feder,
und schreibt Dir diesen Liebesbrief.“

(Thomas D,
aus: Liebesbrief)

Sinfonie

Da stehe ich. Umgeben von dem Grün des Schilfgrases. Und dem hellen Braun des Sandes. Und Du mit mir. In meinem Arm.

Deine wachen Äuglein blicken aufgeregt in die Ferne. Dorthin, von wo das gleichmäßige Rauschen der Brandung zu uns rüberweht. Dorthin, von wo der Wind den Geschmack des Salzes mit sich führt.

Irgendwo beugen sich ein paar karge Kiefern unter den Windböen. Das Schilfgras raschelt seine ganz eigene Sinfonie dazu. Und die tief dunklen Wolken am Firmament tauchen das gesamte Spektakel in ein gespenstisches Licht.

Für Dich ist das alles hier zum ersten Mal. Still und überwältigt nimmst Du dieses Schauspiel wahr. Jedes kleine Detail scheinst Du in Dich aufzusaugen.

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal etwas so bewusst wahrgenommen habe, wie Du es gerade tust. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so innehalten konnte, wie Du es gerade tust.

Während meine Augen den Deinen in die Ferne folgen, kann ich ihn mit einem Mal wieder förmlich schmecken: Diesen wohlig milden Geruch, der dem Wind in diesen Gegenden innewohnt.

Und mit jeder Brise, die ich einatme, steigt der Augenblick aus meinen Erinnerungen auf, als ich diesen Geruch zum ersten Mal wahrnahm. Damals. Als ich das allererste Mal in meinem Leben am Meer war. Ich dachte, diesen Moment bereits tief in meinem Vergessen vergraben zu haben.

Und es bewegt mich, diesen ganz besonderen, allerersten Moment in Deinem Leben mit Dir teilen zu dürfen. Hier und jetzt.

Und zugleich schmerzt es mich. Denn es erinnert mich daran, wie lange mein allererster Moment mittlerweile schon zurückliegt. Und wie viele allererste Momente es seither gab, die mir wie Sand durch die Finger rannen. Es gab keine Möglichkeit, auch nur einen von ihnen festzuhalten.

Wenn wir uns gleich auf den Weg zurück zu unserem Ferienhäuschen machen, wird dieser allererste Moment von Dir unwiederbringlich sterben. Später wirst Du Dich nicht einmal mehr an ihn erinnern können.

Doch ich werde diesen Augenblick für Dich bewahren. Irgendwo tief in meiner Erinnerung. Gut verwahrt.

#Gedanke: Gez. Ein Demokrat

GezeichnetEinDemokrat

Als sie die Islamisten holten,
habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Islamist.

Als sie Occupy holten,
habe ich geschwiegen;
ich war ja keiner von Occupy.

Als sie die Homosexuellen holten,
habe ich geschwiegen;
ich war ja nicht homosexuell.

Als sie die Freimaurer holten,
habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Freimaurer.

Als sie die Christen holten,
habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Christ.

Als sie mich holten,
gab es keinen mehr,
der protestieren konnte.

gez. ein Demokrat
(frei nach Martin Niemöller)

Die Zeit der Ernte

In einer Zeit, als eine fast schon vergessen geglaubte Kälte sich in die Morgenstunden schlich … als die Sonne in den Abendstunden die wundervollsten Gemälde an den Himmel zu malen begann … als die Tage langsam kürzer wurden …

… Da fingen sie wieder an, ihre Netze zu weben. Die Spinnen, die das Kreuz tragen. Diese lautlosen Weberinnen aus dem Verborgenen. Sie spannten ihre Netze auf zwischen den Zeiten. Und dort verharrten sie. Um am Abend die letzten warmen Sonnenstrahlen einzusammeln. Und am Morgen die ersten kühlen Tropfen des Raureifs.

Wie stumme Herolde verkünden sie seither unermüdlich: Ein Jegliches hat seine Zeit gehabt! Die Zeit des Aussäens. Die Zeit des Wachsens. Die Zeit des Reifens.

Und es war der Sommer, der sein Übriges dazugetan hatte. Er hatte mit seinem Leben und seinem Überfluss verwöhnt. Seine Sonnenstrahlen waren kraftvoll und warm gewesen. Seine Regenschauer mild und ausgiebig. Was ausgesät war, wuchs. Was gewachsen war, reifte. Was gereift war, brachte Frucht.

Doch jetzt verkünden die Spinnen, die das Kreuz tragen, dass die Zeit der Ernte anbricht. Während die Kraft des Sommers allmählich schwindet, gilt es, seinen Ertrag einzufahren.

Und voller Dank im Herzen auf eine reichhaltige Ernte zu blicken. Dankbarkeit. Für das, was zurückliegt. Für das, was die Zeit gebar. Und Hoffnung. Für das, was vor uns liegt. Für das, was da kommen mag.

Denn die Spinnen, die das Kreuz tragen, weisen auch weit über sich selbst hinaus. Auf eine Zeit, in der die Felder brachliegen werden. In der nicht mehr gesät und nicht mehr geerntet werden wird. In der uns nur das nähren wird, was wir irgendwann einmal geerntet haben. Eine Zeit, in der auch sie nicht mehr sein werden: Die Spinnen, die das Kreuz tragen…

Mein ZEN-Meister

Vor 9 Wochen erblickte unsere Tochter das Licht der Welt. Sehr schnell entdeckten sie und ich ein gemeinsames Ritual: Nachdem sie am späten Abend getrunken hat und von uns gewickelt worden ist, nehme ich sie auf den Arm und trage sie in den Schlaf. Allabendlich drehen wir so gemeinsam unsere Runden in ihrem Zimmer. Zunächst starren ihre wachen Äuglein noch aufgeregt in der Dunkelheit umher. Bis die Kleine sich dann schließlich in meinen Arm einkuschelt und ihre Augen nach und nach zufallen. Und irgendwann nur noch regelmäßiges, zufriedenes Atmen zurückbleibt. In diesen Momenten kann ich meine Dankbarkeit für dieses kleine Wesen kaum fassen.

Eines jedoch ist mir dabei aufgefallen: Je krampfhafter ich will, dass sie endlich schläft, desto länger dauert es, bis sie tatsächlich einschläft. Und oftmals ist ihr Schlaf dann auch nur ein oberflächlicher. Je mehr ich jedoch innerlich bei ihr und in dieser gemeinsamen Situation ankomme und je weniger ich die Absicht verfolge, sie in den Schlaf bringen zu wollen, desto schneller und desto besser schläft sie schließlich ein.

Ich glaube, das, was meine Tochter mich in diesen Situationen lehrt, ist Absichtslosigkeit. Die Fähigkeit, Dinge um ihrer selbst Willen zu tun. Und nicht, um irgendwann irgendetwas etwas zu erreichen.

Einer Gesellschaft, die durch Jahrhunderte des Kapitalismus geprägt ist, fällt es schwer, etwas mit Absichtslosigkeit anzufangen. Denn in der Regel hat alles, was wir tun, einen bestimmten Zweck zu erfüllen. Das Endziel solch einer materialistisch geprägten Gesellschaft ist immer Geld zu verdienen. Geld, um partizipieren zu können. Geld, um konsumieren zu können. Geld, um bestimmen zu können. Eine Tätigkeit hat nur noch den Wert, der dem fiskalischen Nutzen entspricht, den sie für mich einmal haben wird. Und so haben wir uns nach und nach eine Lebenseinstellung angeeignet, die unser gesamtes Leben in eine einzige Kosten-Nutzen-Rechnung zwängt. Ich tue etwas, damit ich irgendwann mal etwas davon habe.

Gelegentlich lese ich in den Gleichnissen des ZEN-Buddhismus und denen der christlichen Wüstenväter. In beiden monastisch geprägten Traditionen scheint die Tugend der Absichtslosigkeit einen hohen Stellenwert zu haben. Immer wieder werden die Schüler angehalten, Tätigkeiten um ihrer selbst Willen auszuüben und nicht, um dadurch ein in der Zukunft liegendes Ziel zu erreichen.

Das überspitzt sich schließlich bis hin zu folgendem Paradox: Auf der einen Seite wird den Schülern beigebracht, dass sie hart und diszipliniert dafür arbeiten müssen, um Erleuchtung zu erlangen. So gilt es, sich einem strikten Tagesablauf zu unterwerfen, regelmäßig in die Stille zu gehen und sich Disziplinen wie das Fasten aufzuerlegen. Doch auf der anderen Seite wird den Schülern beigebracht, dass dies alles nicht notwendig ist, um Erleuchtung zu erlangen. Viel mehr: Sie können Erleuchtung nur erlangen, wenn sie das Bedürfnis, erleuchtet zu sein, aufgeben. Sie müssen es also aufgeben, ihre monastischen Disziplinen mit dem Ziel auszuüben, Erleuchtung zu erlangen. Das entbindet sie nicht von der Notwendigkeit, diese Disziplinen zu üben. Lediglich ihre innere Einstellung zu diesen Disziplinen muss eine absichtslose sein.

Ein Paradox, das durch den Verstand nicht aufzulösen ist. Aber dadurch ist es nicht weniger wahr. Ganz im Gegenteil: Meine Erfahrung ist: Je tiefer und je reifer ein spiritueller Weg ist, desto höher ist die Fähigkeit, solche Paradoxe stehenlassen zu können. Und nicht rational auflösen zu müssen.

Doch warum eigentlich hat Absichtslosigkeit in diesen monastischen Traditionen solch einen hohen Stellenwert? Ich glaube, weil Absichtslosigkeit eine der großen Lehrerinnen ist, die uns in die Gegenwärtigkeit führen kann. Denn das Leben geschieht ausschließlich im gegenwärtigen Moment. Gott offenbart sich ausschließlich und vollkommen im gegenwärtigen Moment. Nicht im Rückblick auf die Vergangenheit und nicht im Vorgriff auf die Zukunft. Ausschließlich im Hier und Jetzt. Wenn ich aber etwas tue mit der Absicht, ein in der Zukunft liegendes Ziel zu erlangen, so verpasse ich den gegenwärtigen Augenblick. Und damit das Leben und auch Gott.

Während ich an diesem Artikel schrieb, stieg in mir die Frage auf, mit welcher Motivation ich eigentlich ins freimaurerische Ritual gehe. Tue ich dies nicht auch, um etwas zu erlangen? Sei es Selbsterkenntnis? Sei es Erleuchtung? Oder sei es auch nur ein meditativer Zustand? Könnte es nicht ein wesentlicher Bestandteil des freimaurerischen Weges sein, zu lernen, absichtslos ins Ritual zu gehen? Und absichtslos im Ritual zu verweilen? Weil sich nur so dieses Ritual in seiner ganzen Dimension entfalten kann?

Ich weiß es nicht sicher. Doch ich will diesen Impuls in mir weiter nachwirken lassen. Und bis dahin darf meine Tochter mich weiter Absichtslosigkeit lehren. Abend für Abend. Sie, meine kleine ZEN-Meisterin…

Auf Spurensuche

AufSpurensuche

Neben der Natur waren es schon immer sakrale Bauten, die mir halfen, mich innerlich zu sammeln , still zu werden und auf Gott auszurichten. Allen voran alte Kirchen aus der Gotik und aus der Romanik. Wenn meine Frau und ich in eine neue Stadt kamen, zog es mich immer erst einmal mit gezücktem Fotoapparat in die dortigen Kirchen. Nicht selten sehr zum Leidwesen meiner Frau. Ich glaube, diese Faszination ist ein wesentlicher Grund, weshalb ich Freimaurer geworden bin…

Denn in den mittelalterlichen Bauhütten waren es vor allem die Steinmetzbruderschaften, die um die Geheimnisse des Bauhandwerkes wussten. Und diese umfassten neben dem praktischen Bauen und Vollenden eines Gebäudes auch das Wissen darum, wie diese Gebäude aufgebaut und ausgerichtet sein mussten, damit sie dem Streben der menschlichen Seele nach Transzendenz entsprechen.

In einem mehrere Jahrhunderte andauernden und von der offiziellen Geschichtsschreibung nur schwer zu fassenden Prozess entwickelte sich aus diesen praktisch bauenden Bruderschaften das sogenannte „spekulative Freimaurertum“: Denn im Laufe der Zeit waren zunehmend Personen aufgenommen worden, die beruflich nicht unbedingt mehr im praktizierenden Bauhandwerk verwurzelt sein mussten. Dadurch wandelte sich auch das Bild des äußeren Bauens eines sakralen Gebäudes, das den Menschen auf das Göttliche ausrichtet, hin zu einem im Inneren des Menschen stattfindenden Vorgang. Dieser Prozess fand sein offizielles Ende am Johannistag des Jahres 1717. Denn an diesem Tag schlossen sich in England vier Logen zur ersten Freimaurerloge zusammen. Die erste Großloge Englands war entstanden. Dies markiert die offizielle Geburtsstunde des heutigen, spekulativen Freimaurertums. Fortan entstanden in ganz Europa Freimaurerlogen.

In Deutschland fielen insbesondere in so liberalen Städten wie Hamburg und Berlin die von Humanismus, Toleranz und Gleichheit geprägten Werte und Ideale des Freimaurertums auf fruchtbaren Boden. Natürlich gab es in den noch jungen Freimaurerlogen nach wie vor Brüder, die beruflichen Bezug zum Bauhandwerk hatten. Architekten zum Beispiel. Und so verwundert es nicht, dass diese in der Blütezeit des Freimaurertums von Anfang des 18. Jahrhunderts bis Mitte des 20. Jahrhunderts ihre Spuren in der Architektur der Städte, in denen sie wirkten, hinterließen.

Der Freimaurer und Blogger Philip Militz (http://www.freimaurer.online/) sowie der Ordensfreimaurer und Architekt Linus Scheffran haben sich jetzt in Hamburg und Berlin auf die Suche nach den heute noch sichtbaren Spuren gemacht, die Freimaurer einst in diesen Städten hinterließen. Aus dem, was sie hierbei gefunden haben, sind für beide Städte spannende und auch aufschlussreiche Städteführungen entstanden. Philip Militz selbst beschreibt die Idee dieser Touren wie folgt: „Der Anspruch ist, keine normalen Stadtführungen anzubieten. Anhand der freimaurerischen Spuren möchten wir unterhaltsam Interessierten die Freimaurerei näher bringen bzw. ‚Insidern‘ Deutschlands führende Freimaurer-Metropolen aus neuen Blickwinkeln zeigen. Ganz bewusst wird auch mit einigen gängigen Klischees ‚gespielt‘, um durch die Führung mit diesen zu brechen.“ Wie die Idee zu diesen Führungen entstand, beschreibt Philip Militz hier: http://www.freimaurer.online/2016/04/freimaurer-fuehrungen-durch-hamburg-und-berlin/ Nähere Informationen zu den Führungen an sich findest Du hier: http://www.freimaurer.online/touren/.

Und ganz vielleicht kreuzen sich ja mal unsere Wege, während wir uns auf gemeinsamer Spurensuche in Hamburg oder Berlin befinden…

#Gedanke: Ein Ich

„Ich habe es gesehen in Esoterik,
beim Pendeln und Engergietanken,
beim Auswandern, Einchecken, Auschecken:

Mein Ich
ist ein Rucksack aus Gedanken.

Schöne Ablenkungsmanöver,
hilft trotzdem alles nichts.

Ein Ich, ist ein Knast, ist ein Ich.“

(Bosse,
aus: Wir nehmen uns mit)

Vor der Ampel

Manchmal sind es ganz alltägliche Situationen, die einem mehr über einen selbst offenbaren, als einem lieb ist. Ich hatte letzt so ein Aha-Erlebnis, als ich im Auto unterwegs war.

Ich fuhr auf folgende Situation zu; war aber noch etwa 400 Meter von ihr entfernt: Eine Ampel stand auf Grün. Etwa Hundert Meter vor dieser Ampel hatte ein LKW gehalten; wohl zum Be- und Entladen. Da Gegenverkehr kam, stauten sich hinter diesem LKW bereits drei Autos auf.

Während ich mich dieser Situation näherte, begannen meine Gedanken sich plötzlich zu verselbstständigen: „Hoffentlich komme ich noch bei Grün über die Kreuzung! – Was ist, wenn auch ich hinter dem LKW halten muss? – Wenn ich zu lange hinter dem LKW warten muss, komme ich nicht mehr bei Grün über die Kreuzung! Und dann komme ich zu spät zu meinem Termin! – Und das legt man mir sicherlich als Unhöflichkeit aus!“ Ich merkte, wie ich unruhig und fahrig wurde. Stress stieg in mir auf.

Als ich mich dem LKW aber bis auf etwa hundert Meter genähert hatte, war der Gegenverkehr vorüber. Die Autos, die hinter ihm gehalten hatten, setzten nun an ihm vorbei. Und auch ich selbst kam noch in derselben Grünphase der Ampel über die Kreuzung.

Viel Lärm um nichts also. Mal wieder. Doch im Nachhinein offenbarte mir diese Situation zwei Dinge über mich:

1: Mein Verstand neigt dazu, nicht in der Gegenwart zu sein. Wäre ich in dieser Situation einfach nur gegenwärtig gewesen, wäre ich über die Kreuzung gefahren, ohne mir irgendwelche Sorgen zu machen. Ich hätte mir eine Menge unnötigen Stress erspart. Stattdessen kreisten meine Gedanken um eine Situation, die noch vor mir lag. Einen Situation, die ich in dem Moment noch gar nicht beeinflussen konnte. Eine Situation, von der ich noch nicht einmal wissen konnte, ob sie überhaupt eintreffen würde.

2: Mein Verstand neigt dazu sich Sorgen zu machen. Und diese darüber hinaus auch noch zu übertreiben. Die Situation, um die es ging, war eine komplett harmlose, wie man sie tagtäglich im Straßenverkehr erleben kann. Und doch machte mein Verstand etwas Riesengroßes draus. Mit den schlimmsten Konsequenzen. Die Anhaltspunkte für ein derartiges Horror-Szenario waren mehr als gering. Und doch nutzte mein Verstand sie, um das Ganze in den schlimmsten Farben auszumalen.

Witzigerweise ist genau dies einer der Hauptkritikpunkte von spirituellen Lehrern wie z.B. Eckhart Tolle oder Richard Rohr am westlichen Menschen des 21. Jahrhunderts: Dass dieser sich zu viel in seinem Verstand aufhält. Denn dem Verstand ist es nahezu unmöglich, einfach nur (gegenwärtig) zu sein. Entweder blickt er zurück und bedauert oder rechtfertigt die Vergangenheit. Oder er blickt – wie in meinem Fall – nach vorne und befürchtet oder erträumt die Zukunft. Nur eines ist er in der Regel nicht: Gegenwärtig.

Und dabei ist doch ausschließlich der momentane Augenblick der Ort, an dem das Leben geschieht. Der Ort, an dem Gott sich voll und ganz offenbart. Es ist an uns zu lernen, im Hier und Jetzt zu verweilen, um in genau diesem Bewusstsein leben zu können.

Und so zeigte mir diese Begebenheit wieder mal nur, dass es eine Sache ist, über spirituelle Prinzipien zu schreiben und eine andere, nach diesen im Alltag auch zu leben. Mal wieder klaffte bei mir eine riesige Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Mein Verstand hatte sich verstrickt und hing irgendwo weit hinten in einer fiktiven Zukunft fest.

Und somit brachte ich mich um das, was dieser Moment der Autofahrt für mich parat gehabt haben könnte: Die wundervolle Landschaft um mich herum; das überwältigende Schauspiel von Sonne und Wolken am Himmel; das Lächeln des Fußgängers, der mir entgegen kam; die Katze, die auf dem Torpfosten lag und ihre Umgebung beobachtete, als gäbe es nur diesen einen Augenblick in ihrem ganzen Leben.

Vielleicht hätte ich mir mal wieder bewusst sein können, dass ich mit all dem um mich herum auf einer tieferen Ebene verbunden bin. Dass ich eins bin mit all dem. Vielleicht…

Der Ruf der Zugvögel

Ich setze den Fuß vor die Tür. Hinaus in den Nebel. Kälte umfängt mich. Und Dunkelheit. Mein Blick verliert sich in dichtem Grau.

Der Ruf des Zugvogels. Von irgendwoher. Weit oben. Weit entfernt. Der Zuvogel kehrt zurück. Und mit ihm die Hoffnung. Auf das, was hinter dem Nebel liegen mag. Auf das, was hinter der Kälte liegen mag. Auf das, was hinter dem Dunkel liegen mag.

Ich halte kurz inne. Ich verharre einen Moment. Und atme tief ein. Mit einem Mal schmecken meine Lungen ein wenig der Milde des Frühlings.

Und plötzlich nehme ich sie wahr. Die vielen kleinen Vorboten dessen, was vor uns liegt. Die ersten Knospen brechen hervor. Hier und da trotzen Schneeglöckchen dem mit Raureif überzogenen Boden. Noch ganz zart. Doch unaufhaltsam.

Und hinter dem Nebel schimmert nicht mehr das Schwarz des Winters. Sondern das Gold des Sommers. Noch ganz unscheinbar und schwach. Doch unumkehrbar.

Der Ruf des Zugvogels verliert sich nach und nach in der Ferne. Doch die Antworten auf seinen Ruf kann ich plötzlich überall um mich herum wahrnehmen…

Neuland

Manchmal schreibt man etwas nieder und merkt erst danach, dass man mit dem Geschriebenen auch ein inneres Thema für sich zu einem Abschluss gebracht hat. Und am Übergang zu einem neuen Abschnitt steht. Mir ging es mit meinem letzten Blog-Artikel „Die Sehnsucht der männlichen Seele“ (https://hagenunterwegs.wordpress.com/2016/01/19/die-sehnsucht-der-maennlichen-seele/) so. Aber alles nacheinander:

Die ersten Menschen, die meinen spirituellen Weg prägten, waren Frauen. Allen voran meine baptistische Mutter. Sie begleiteten meine ersten Schritte hinein in den Glauben an Gott. Und ich durfte lernen, dankbar dafür zu sein.

Doch konnten all diese Frauen eins nicht: Mir zeigen, was es bedeutet, diesen spirituellen Weg als Mann zu gehen. Diese Frauen ließen mich teilhaben an ihren Formen der Spiritualität. Doch konnten diese Formen weder mein Bedürfnis nach einer Spiritualität, die die Themen und Bilder der männlichen Seele erschließt, stillen. Noch konnten sie mir den Zugang zu einem authentischen und kraftvollen Mannsein ermöglichen.

Also machte ich mich auf den Weg. Vielleicht war die Sehnsucht, die mich antrieb, dieselbe, die seit Menschengedenken junge Männer – wie einst Parzival – dazu treibt, den heimischen Schoß ihrer Mütter zu verlassen und sich auf ihre eigene Heldenreise zu begeben. Meine Reise führte mich zu den archaischen Initiationsriten, hinaus in die Natur und schließlich in den christlichen Freimaurerorden.

Doch seit etwa zwei Jahren plötzlich klopft die weibliche Seite der Spiritualität wieder bei mir an. Zunächst noch in einer Weise, die ich kaum wahrnahm.

Es begann mit einem spirituellen Seminar, das ich besuchte und an dem auch Frauen teilnahmen. Das erste Mal nach vielen Jahren wurde ich wieder damit konfrontiert, wie die weibliche Seele Spiritualität erlebt und ausdrückt. Und irgendwie war dies ganz neu für mich. Neu und auch befremdlich. Es zeigte mir, dass ich zwischenzeitlich ein Defizit entwickelt hatte.

In dieselbe Kerbe schlägt die spirituelle Lehre der Kabbala, mit der ich in Berührung gekommen bin. Die Kabbala ist viel zu vielschichtig und umfassend, als dass ich mir anmaßen würde, sie vollständig durchdrungen zu haben. Ein kabbalistisches Prinzip jedoch geht mir besonders nach: Das des Ausgleichs und der Vereinigung des Männlichen und des Weiblichen. Dieses Prinzip begegnet einem in der Kabbala an den verschiedensten Stellen und in die unterschiedlichsten Bilder gehüllt.

Auf dieses Prinzip bin ich darüber hinaus auch auf meinem Weg durch das Ritual und die Grade des christlichen Freimaurerordens gestoßen.

Eine Erfahrung, die ich auf meinem Weg schon häufiger gemacht habe, ist, dass die Themen, die in meinem Leben als nächstes „dran“ sind, mich finden, sobald die Zeit dafür reif geworden ist. Und so scheint für mich die Zeit der Suche nach den Formen und den Bildern männlicher Spiritualität vorerst vollendet zu sein. Das, was ich auf dieser Suche gefunden und erlernt habe, will nun in den Einklang und in den Ausgleich mit den Formen und Bildern weiblicher Spiritualität gebracht werden. Und als Ganzes in mein Leben integriert werden.

Genau das war es, was mir bewusst wurde, als ich meinen Artikel „Die Sehnsucht der männlichen Seele“ fertiggestellt hatte. Und an genau dieser Schwelle stehe ich jetzt. Und blicke auf Neuland…

Die Sehnsucht der männlichen Seele

WIE ALLES BEGANN…

Im Dezember des letzten Jahres hatte mein Blog seinen 1-jährigen Geburtstag. Rechtzeitig dazu war er von insgesamt 46 Ländern aus 10000 Mal aufgerufen worden. Eine Marke, von der ich nie zu träumen gewagt hätte, sie nach so kurzer Zeit schon zu reißen.

Ich weiß noch, wie ich mit meinem Freund und Weggefährten Jörg am 1. Januar 2014 bei sternenklarer Nacht am Lagerfeuer bei Zigarre und Whisky zusammensaß und er von seinen Erfahrungen mit seinem Blog (http://www.schoepfungsspiritualitaet.de/) erzählte. Schon länger ging ich mit der Idee schwanger, eventuell auch mit dem Bloggen anzufangen. An diesem Abend fasste ich den Entschluss: „Ja, ich werde Blogger!“

Von da an dauerte es fast ein ganzes Jahr bis zu meinem ersten Artikel. Zunächst galt es zu recherchieren, was man alles zu bedenken hat und in welche Fallen man tapsen kann. Dann musste ich mir klar darüber werden, wie mein Blog heißen und wie er optisch aufgemacht sein soll. Schließlich begann ein schier endloses „Trial an Error“.

Doch wozu das alles? Wovon soll mein Blog erzählen? Für diese Frage muss ich etwas weiter ausholen…

SCHMERZHAFTE ERFAHRUNG

Vielleicht begann alles mit meinen Fragen nach „männlicher Spiritualität“. Welche spirituellen Bilder sind stark genug, um von der Sehnsucht der männlichen Seele zu erzählen und dem Mann Zugang zu seiner inneren Welt zu ermöglichen? Welche spirituellen Formen haben die Kraft, den Mann von innen heraus zu transformieren und sowohl seine liebevoll-zärtliche als auch seine archaisch-kriegerische Seite zu integrieren? Wie kann ein Mann Zugang zu seiner innersten kraftvollen Männlichkeit erhalten, ohne diese Kraft missbrauchen zu müssen?

Fragen, denen ich mich hatte stellen müssen. Denn auf sehr bittere und schmerzhafte Weise hatte ich lernen müssen, dass ein dogmatisch verstandener Glaube mit einem dualistischen Weltbild – das alles in Gut und Böse, Richtig und Falsch einteilt – das tiefste Sehnen der männlichen Seele nach authentischer und kraftvoller Spiritualität nicht zu stillen vermag. Es war eine Phase der Orientierungslosigkeit und es war eine Phase der Angst, die mein Leben zutiefst verunsicherte. Und in Frage stellte.

Doch in dieser Krise geschahen zwei Dinge: Zum Einen kam ich mit Literatur des Franziskaner-Paters Richard Rohr in Berührung. Zum Anderen begann ich, mich mit freimaurerischer Symbolik auseinanderzusetzen. Zwei Dinge, die weite Kreise ziehen sollten…

PATRIARCHAT UND FEMINISMUS

Seit den 70er-Jahren geht Richard Rohr genau dieser Frage nach authentischer und transformierender männlicher Spiritualität nach. Hierbei machte er die Beobachtung, dass Jahrhunderte des Patriarchats einen großen Verlierer hervorgebracht haben: Nämlich den Mann. Denn irgendwo im tagtäglichen Wettstreit um Macht, Geld, Sex und Prestige verschüttete bei den allermeisten Männern der Zugang zu ihrer inneren Welt. Die Leere, die zurückblieb überkompensierte „Mann“ mit dem äußeren Zur-Schau-Stellen von Status, Potenz und Stärke.

Auch der Feminismus – so notwendig und segensreich er auch ist – vermochte den Männern diesen Zugang nicht wieder freizulegen. Der Feminismus konnte zwar kranke männliche Strukturen benennen, in Frage stellen und zum Teil auch aufbrechen. Den Weg zu einer gesunden Männlichkeit kann er den Männern aber nicht abnehmen.

ARCHAISCHE INITIATIONSRITEN

Richard Rohr stellte bei seinen Nachforschungen fest, dass alle archaische Kulturen über Einweihungsriten für ihre (jungen) Männer verfügten. Initiationsriten. Doch interessanter war seine Feststellung, das diese Riten sich sowohl in ihren inhaltlichen Aussagen, als auch in ihren rituellen Ausgestaltungen erstaunlich glichen. Und das, obwohl sie zum Teil von ganz unterschiedlichen Kulturen auf ganz unterschiedlichen Kontinenten praktiziert wurden.

In all diesen Riten ging es darum, das Ego des jungen Mannes in seinen Grundfesten zu erschüttern. Ihn mit seinem eigenen Schatten, seiner Schwachheit und seiner Irrelevanz zu konfrontieren. Der Initiant durchlief rituell den Kreislauf des Werden und Vergehen allen Lebens. Er wurde verwundet und starb einen grausamen Tod. Der Mann, der auferstand, hatte eine Weihe erlebt. In etwas, das viel größer, weiter und allumfassender war, als sein ständig um sich selbst kreisendes Ego es je sein könnte. Nicht selten kehrte der junge Mann aus der Tiefe dieses Rituals mit einem neuen – seinem ureigensten – Namen zurück. Diese Erfahrung hatte das Potential, der Anfang der ganz persönlichen Heldenreise des Mannes zu werden.

VERLORENES ERBE

Weiter fiel Richard Rohr auf, dass in der westlichen Welt das Erbe dieser Männerinitiation verlorengegangen ist. Rudimentäre Überbleibsel finden sich vielleicht noch in der Idee der kirchlichen Taufe und Konfirmation bzw. in Taufe und Firmung.

Und das in einer Zeit, in der der Gedanke der Männerinitiation wohl aktueller ist denn je. Denn verfügt eine Gesellschaft über keine Übergangsriten mehr, die ihre Männer aus dem Gefängnis ihres egodominierten Falschen Selbst herausführen, bleiben viel zu viele innerlich trauernde und verängstigte Männer zurück. Da Männer aber oftmals schwer Zugang zu vermeintlich schwachen Gefühlen wie der Trauer oder Angst bekommen, manifestieren sich diese Emotionen viel zu oft als Wut. Richard Rohr prägte hierfür den Begriff des „Angry Young Man“. Angry Young Men – Treffender kann man posende Gangmitglieder, marschierende Neonazis, religiöse Selbstmordattentäter oder randalierende Punks wohl nicht beschreiben. Doch die Gewalt dieser (jungen) Männer ist tief in Angst und Trauer verwurzelt. Angst und Trauer, zu der sie selbst keinen Zugang mehr finden.

Also verglich Richard Rohr die unterschiedlichen Initiationsriten der verschiedenen Zeiten und Kulturen miteinander und extrahierte deren Gemeinsamkeiten. Hieraus entwickelte er einen Initiationsritus, der das alte Wissen bewahrt. Der aber ebenso den Mann des 21. Jahrhundert dort abholt, wo er steht.

Vor einigen Jahren durchlief ich diesen Ritus. Es war ein einschneidendes spirituelles Erlebnis. Es hat mich zutiefst berührt. Und meinen weiteren spirituellen Weg entscheidend geprägt. Sei es durch das Erleben des Verbunden-Seins mit allem, wie ich es bis dahin nicht gekannt hatte. Sei es durch die inneren Themen, die ich mit auf den Weg bekommen habe. Vielleicht sogar durch ein neues Bewusstsein für das Leben, in das ich eingetaucht bin.

WESEN DES FREIMAURERTUMS

Parallel dazu tauchte ich in die Welt des Freimaurertums ein. Irgendwie übte diese Bruderschaft eine seltsame Faszination auf mich aus. Und so las ich Buch um Buch zu diesem Thema. Vom abstrusesten Verschwörungsschinken bis hin zum trockensten wissenschaftlichen Schinken. Stetig davon angetrieben, unbedingt verstehen zu wollen, was das Wesen dieser Bruderschaft ausmacht. Ich merkte, wie ich mich für die Welt des Freimaurertums öffnete. Und wie ich innerlichen Zugang zu dieser Welt bekam.

Allerdings begriff ich erst durch die Literatur von Richard Rohr, dass ein wesentlicher Teil dessen, was das Wesen des Freimaurertums ausmacht, ein alter, überlieferter Initiationsritus ist. Diese Bruderschaft hat in ihrem Kern den Gedanken der Männerinitiation durch die Jahrhunderte hindurch bewahrt. Allerdings benutzt das Freimaurertum kaum noch archaische Bilder und Symbole, um dies auszudrücken. Sondern Bilder und Symbole, die den Dombauhütten und den Steinmetzbruderschaften des Mittelalters entlehnt sind.

MISSING LINK

Doch wie kam es dazu, dass sich im Laufe der Geschichte diese beiden Linien – die der Inititiation und die der Steinmetze – im Freimaurertum kreuzten? Witzigerweise war es wieder Richard Rohr, der mir das fehlende Puzzleteil zu dieser Frage lieferte. In seinem Buch „Adams Wiederkehr“ beschreibt er fast schon beiläufig ein altes Ritual, das der Mönchsorden der Benediktiner in den ersten Jahrhunderten seines Bestehens praktiziert hat: Zur Feier des Gelöbnisses lag der Kandidat in ein Leichentuch gehüllt vor dem Altar, während um ihn herum Kerzen standen, die entzündet waren und Requiem gesungen wurden. Das Bild einer Beerdigung. Im Laufe der Zeremonie erstand der Kandidat aus diesem Grab auf und wurde in den Orden aufgenommen. Das alte initiantische Bild von Tod und Auferstehung. Richard Rohr erklärte dies damit, dass der Benediktiner-Orden, der einzige Mönchsorden ist, der auf Grund seines Alters noch mit archaischen Intitiationsriten in Berührung gekommen ist.

Und plötzlich setzte sich das Puzzle für mich zusammen. Denn die Benediktiner waren auch einer der Mönchsorden, die in der Zeit der Vorromanik mit dem Bau von Klosteranlagen – insbesondere der Klosterkirchen – begangen. In der Romanik entwickelten sich die „bauenden“ Mönche zu „reisenden“ Mönchen. Diese reisten von Klosterbaustelle zu Klosterbaustelle, um Klosterkirchen zu errichten. Hieraus wiederum gingen die Bauhütten und Steinmetzbruderschaften, die im Mittelalter die gotischen Sakralbauten erschufen, hervor. Diese aber existierten und wirkten mittlerweile organisatorisch unabhängig von den Mönchsorden. Bis zu der Zeit der Aufklärung wiederum entwickelte sich aus ihnen das spekulative Freimaurertum.

Der Mönchsorden der Benediktiner scheint also der Knotenpunkt zu sein, an dem sich der Gedanke der Männerinitiation mit dem Kirchenbauhandwerk verband. Als ich das begriffen hatte, fasste ich den Entschluss, an die Tore des Tempels der Bruderschaft der Freimaurer zu klopfen und um Einlass zu bitten.

WARUM NUN DIESER BLOG?

Ich glaube, es ist etwas ganz besonderes an unserer Zeit, dass Männer mit ganz unterschiedlichen spirituellen Hintergründen und Geschichten wieder beginnen, das alte Erbe der Initiation zu entdecken. Der Ritus nach Richard Rohr ist nur ein Beispiel dafür. Ich habe viele aufrichtige Männer kennenlernen dürfen, die sich wieder auf ihre ganz eigenen Heldenreisen begeben haben. Die sich ihren dunklen Seiten gestellt haben. Die in Demut die archaische Kraft und die Zerbrechlichkeit ihres Mann-Seins angenommen haben. Zentral in den Biographien dieser Männer war das Durchlaufen eines Initiationsritus.

Und dann ist da seit jeher diese alte Bruderschaft der Freimaurer inmitten der Gesellschaft, die das Erbe der Initiation seit einer so langen Zeit bewahrt. Und deren Wurzeln sich Jahrhunderte, vielleicht sogar Jahrtausende zurückverfolgen lassen.

Meine Erfahrung ist allerdings, dass das Freimaurertum für manch spirituell aufrichtig suchenden Mann bisweilen abschreckend daherkommt. So wirken die Grade, die ein Freimaurer durchläuft, oftmals hierarchisch. Und auch die äußeren Formen erwecken nicht selten einen elitären und starren Eindruck.

Trotzdem glaube ich, dass diese beiden so unterschiedlichen Traditionen der Männerinitiation sich gegenseitig ergänzen und bereichern können. Setzen sie doch bei denselben Fragen an, die sich die männliche Seele seit jeher stellt. Und geben Sie auf diese Fragen – bei näherer Betrachtung – doch auch ganz ähnliche Antworten. Und genau das ist es, wovon ich auf diesem Blog erzählen möchte…

Der Archetyp des Pilgers

Auf dem langen Weg zu mir
stand ein kleiner Junge am Wegesrand.
Er sah mir weinend nach
bis ich am Horizont verschwand.

Auf dem langen Weg zu mir
kehrte ich ein in so manches Haus.
Ein Teil von mir blieb dort,
brach ich irgendwann wieder auf.

Auf dem langen Weg zu mir
ging es auch durch finsterste Nacht,
erhellte kein Mond den Weg,
verbarg sich mir die Sternenpracht.

Und manchmal am Abend im Feuerschein,
und manchmal am Abend bei gutem Wein,
lauschte ich den Geschichten der Alten.
Am Morgen trieb die Einsamkeit mich fort,
die Sehnsucht nach dem einen fernen Ort,
nichts konnte mich jemals lange halten.

Auf dem langen Weg zu mir
traf ich so manchen Weggefährten,
nur verblasste Erinnerung
an die, die einst mit mir verkehrten.

Auf dem langen Weg zu mir
rang mich so mancher Dämon nieder,
ließ mich seine Füße küssen
bespuckte mich, sang hämische Lieder.

Auf dem langen Weg zu mir
ging es auch durchs allertiefste Tal,
unten am Boden der Schlucht
ist der Weg nur noch sehr schmal.

Und manchmal am Abend im Feuerschein,
und manchmal am Abend bei gutem Wein,
lauschte ich den Geschichten der Alten.
Am Morgen trieb die Einsamkeit mich fort,
die Sehnsucht nach dem einen fernen Ort,
nichts konnte mich jemals lange halten.

Auf dem langen Weg zu mir
durchstreifte ich auch fremdes Land,
war der Weg nicht erkennbar,
suchte ich nach der liebenden Hand.

Auf dem langen Weg zu mir
kam ich an viele verschlossene Türen,
suchte nach den Schlüsseln,
wer würde mich hindurchführen?

Auf dem langen Weg zu mir
entstand mein Weg mit jedem Schritt.
Irgendwann wird er enden,
was werde ich sehen, blicke ich zurück?

Und manchmal am Abend im Feuerschein,
und manchmal am Abend bei gutem Wein,
lauschte ich den Geschichten der Alten.
Am Morgen trieb die Einsamkeit mich fort,
die Sehnsucht nach dem einen fernen Ort,
nichts konnte mich jemals lange halten.

Symbolik des Todes

„Stellen Sie Ihre profanen Gespräche ein … Kleiden Sie sich maurerisch.“ Diese Aufforderung ergeht feierlich und bestimmt zugleich. Und sogleich legt sich ein Schweigen auf uns. Zylinder werden aufgesetzt, weiße Handschuhe übergestreift.

Hiernach ziehen wir in den Tempel ein. In Zweierreihen. Still. In uns gekehrt. Achtsamen Schrittes.

Der Tempel ist in die Farben der Trauer und in die Symbolik des Todes gehüllt. Trauerloge. Heute gilt es all jenen zu gedenken, die im letzten Jahr von uns gegangen sind. Noch einmal die Erinnerung zulassen. Und den Schmerz, der so untrennbar in sie eingewebt ist.

Das Ritual der Trauerloge findet jedes Jahr um Totensonntag und Volkstrauertag statt. Und jedes Jahr erinnert sie mich auf’s Neue daran, dass wir nun endgültig in der dunklen Jahreszeit angekommen sind.

Die Tag-Nacht-Gleiche des September liegt lange hinter uns. Die bunten Blätter des Oktober rotten auf dem Boden vor sich hin. Und auch die einst so prachtvoll goldene Sonne fristet ein seltsam kraftloses und fahles Dasein am Firmament. Die Nächte dafür sind tiefschwarz und ihre kalten Schatten reichen bis weit in den Tag hinein.

Dunkelheit. Das freimaurerische Ritual bewahrt mich nicht vor dieser Finsternis. Es begleitet mich hinein. In das Herz dieser Finsternis. Und damit hilft es mir, mich der Realität dieser Finsternis zu stellen. Sie nicht zu verdrängen, sondern bewusst hindurch zu gehen.

Wenn die Brüder den Tempel nach dem Ritual der Trauerloge wieder verlassen, wird noch immer ein Schweigen auf ihnen ruhen. Doch dieses Schweigen wird anders sein. Nachdenklicher. Kontemplativer.

Der Versuch eines Nachrufs

WARUM EIGENTLICH?

Am 10. November 2015 verstarb Altkanzler Helmut Schmidt im Alter von 96 Jahren. Einer der wenigen weisen Männer dieses Landes in der Gegenwart. Ein Mann, an dessen Lippen ich hing, wenn er sich zu politischen oder historischen Themen äußerte. In der folgenden Zeit waren die Medien voll mit Rückblicken auf sein Leben. Und mehrfach ertappte ich mich dabei, dass ich regelrecht Gänsehaut bekam, wenn Ausschnitte seiner Reden gesendet wurden.

Doch warum berühren mich die Worte dieses alten Mannes so sehr? Warum beeindruckt mich das, was dieser alte Mann verkörperte und noch immer verkörpert?

EIN HEILIGER?

Zum Einen war da sein umfangreiches und fundiertes Wissen über historische und politische Zusammenhänge und Hintergründe. Sowie die Fähigkeit, dieses Wissen miteinander zu verknüpfen und ins Verhältnis zu aktuellen gesellschaftlichen und weltpolitischen Entwicklungen zu setzen.

Darüber hinaus schien bei Helmut Schmidt stets durch, dass es ihm um etwas viel größeres ging: Um eine Vision von dem Ideal ethisch-moralischen Handelns. Um eine Vision von dem Ideal einer menschlicheren Gesellschaft. Um eine Vision von dem Ideal einer besseren Welt. Eine Vision, die weit größer war als seine eigenen Pfründe und sein eigenes Fortkommen und weit über seine eigene Person hinausstrahlte. Auch wenn er meinte, man solle zum Arzt gehen, wenn man Visionen habe, so war er doch ein Visionär im positivsten Sinne. Und wenn er in gewohnt treffender Weise die Krisen unserer Zeit analysierte, so verwies sein gesamtes Wesen auf die Chance darin sowie auf die Hoffnung dahinter.

Und dann war da diese Bescheidenheit und diese Beständigkeit, die Helmut Schmidt verkörperte. Ein Leben lang an der Seite derselben Ehefrau. Vor meinem inneren Auge steigen Bilder auf, die von einer vertrauten und tief verbundenen Beziehung erzählen, wenn ich die Namen „Loki Schmidt“ und „Helmut Schmidt“ höre. Und ihr gesamtes Leben sind beide in demselben, vergleichsweise prunklosen Reihenhaus in Hamburg-Langenhorn zuhause. Skandale, extravagante Ausfälle oder Allüren sucht man vergeblich.

KEIN HEILIGER?

Strahlten Helmut Schmidts helle Seiten auch noch so stark, so waren auch seine dunklen Seiten nicht zu übersehen.

Von vielen seiner politischen Weggefährten wurde er in seiner Art oftmals als verletztend, schroff und herablassend beschrieben.

Seine Standpunkte in Sachen Umweltpolitik und direkter Demokratie muss man aus heutiger Sicht wohl als rückwärtsgewandt beschreiben. Und auch seine politischen Standpunkte in Sachen Sozialstandards und Arbeitnehmerrechte verdienten oftmals den Begriff „sozialdemokratisch“ nicht.

Immer wieder für Irritationen sorgte die Frage, wie es um seine innere Einstellung und die seiner Familie zum Nationalsozialistischen Regime des 3. Reichs bestellt war. Unbestritten ist, dass er als Wehrmachtssoldat im 2. Weltkrieg diente. Daher ist es nur schwer vorstellbar, dass ausgerechnet an seinen Händen keine Schuld geklebt haben könnte.

BRÜCHE UND AUTHENTIZITÄT

Helmut Schmidt war ein gegensätzlicher Charakter und ein streitbarer Mensch. Mit so manchen Bruch in seinem Lebenslauf.

Doch schien er die seltene Gabe zu besitzen, diese Widersprüchlichkeiten und Brüche nicht kaschieren zu müssen, sondern sie aushalten zu können. Ein Leben lang schien er aufrichtig mit ihnen zu ringen … Und daran zu wachsen.

Sein verdienter Lohn war das größte Gut, das ein Politiker besitzen kann: Authentizität. Im Umgang mit all seinen dunklen und all seinen hellen Seiten wirkte er zutiefst glaubwürdig und authentisch.

Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb er zu einer moralischen Instanz in diesem Land geworden ist. Auch lange nachdem er von der politischen Bühne abgetreten war. Und vielleicht ist genau das der Grund, weshalb die Menschen ihm zuhörten.

Ganz sicher aber ist dies der Grund, weshalb ich mich vor diesem Mann und seinem Lebenswerk verneige. Er war ein Politiker, wie ihn die politische Klasse viel zu selten hervorbringt und in den letzten Jahrzehnten wohl auch nicht mehr hervorgebracht hat.

Ruhen Sie in Frieden, Helmut Schmidt!

Der große Fluss

Jeden Morgen überquere ich den großen Fluss. Auf meinem Weg zur Arbeit in die pulsierende Metropole.

Umgeben von Menschen mit Kopfhörern auf den Ohren und Displays vor den Augen. Nicht wahrnehmend, was ihnen ihre Umgebung zu sagen hat. Unachtsam für die ganzen kleinen Details des Alltags. Und viel zu oft bin ich selbst nur ein Teil dieser grauen, unachtsamen Masse. Kopfhörer auf den Ohren, ein Display vor den Augen. Konsumieren und betäuben statt wahrnehmen.

Manchmal jedoch gelingt es der morgendlichen Sonne, einzelne der Fahrgäste zu berühren. Dann beobachte ich sie heimlich. Wie sich ihre Blicke in der Weite, die sich auf der anderen Seite des Waggonfensters auftut, verlieren. In der Weite des großen Flusses, der der Sonne entgegenfließt. Bis zum Horizont. Und irgendwo dort ganz hinten kommen sie mit sich selbst in Berührung.

Manchmal bin es aber auch ich, dessen Blick sich in dieser Weite verliert. Es ist, als bliebe die Zeit stehen. Nur für diesen einen Augenblick. Und dann steigt so etwas wie Ehrfurcht in mir auf. Ehrfurcht und Dankbarkeit. Für einen kurzen Augenblick bedauern meine Gedanken nicht die Vergangenheit oder befürchten die Zukunft. Sondern sind präsent, im Hier und Jetzt. Und für einen kurzen Moment erahne ich, was die Mystiker der verschiedenen Traditionen mit den Worten „Eins-Sein“ und „Verbunden-Sein“ gemeint haben könnten… Bis mich dann plötzlich am Bahnfenster vorbeirasende Lärmschutzwände aus diesem Moment wieder jäh herausreißen.

Solche Momente zeigen mir, dass der große Fluss, den ich tagtäglich überquere, so viel Essentielles zu erzählen hat. Von dieser Welt und von diesem Leben.

Und gerade jetzt im Herbst benutzt er so mächtige Bilder dafür. Den einen Morgen liegt er zugebettet in dichtestem Nebel. Den anderen Morgen taucht ihn die Sonne in Farben so wundervoll, dass mir die Worte fehlen. Eingerahmt vom prachtvollen Bunt der Bäume, die seine Ufer säumen. Ein Anblick, dessen Erhabenheit nur betrachtet und genossen, nicht aber eingefangen und konserviert werden kann. Ein Anblick, der mir bewusst macht, dass ich Teil von etwas viel Größerem bin, als dass ich und mein kleines Ego es je fassen könnten.

Und trotzdem schwingt in diesem Bild auch eine seltsame Melancholie mit. Denn der Herbst lässt auch keinen Zweifel daran, dass die Zeit des Lichtes, die Zeit der Fruchtbarkeit und die Zeit des Überflusses im Sterben liegt. Der Sommer wird schwächer von Tag zu Tag. Unwiderbringlich. Und schließlich wird er sterben. Vor uns liegt der lange und beschwerliche Weg durch das Dunkle. Es ist, als wolle uns der Herbst eine schöne Erinnerung, einen Funken Hoffnung mit auf diesen Weg geben.

So erzählt mir der große Fluss die ewige Geschichte vom Werden und Vergehen. Und gleichzeitig erzählt er mir von der Hoffnung, dass auf jedes Sterben auch ein Auferstehen folgt.

Unwillkürlich fühle ich mich an den Satz erinnert, der mir auf meinem Weg durch das freimaurerische Ritual an unterschiedlicher Stelle begegnet ist: “Kein Tod ohne Leben. Kein Leben ohne Tod.“ Aus diesem Satz spricht jenes alte Wissen, dass in allem Leben das Sterben bereits angelegt ist. Gleichzeitig aber auch, dass in jedem Tod die Geburt des neuen Lebens angelegt ist. Vielmehr: Das Sterben ist sogar notwendige Voraussetzung dafür, dass etwas neu geboren werden kann.

Und genau diesen Kreislauf von Werden und Vergehen und von Sterben und Auferstehen durchlaufen wir. Jahr für Jahr, Tag für Tag, Atemzug für Atemzug. Daher ist der Tod nicht das Ende, sondern notwendiger Teil der Verwandlung. Das Alte muss sterben, damit das Neue geboren werden kann.

Seit jeher ist es ein wesentlicher Aspekt von Initiationsriten, den Initianten für diese Gesetzmäßigkeiten achtsam zu machen. Ihn diese Gesetzmäßigkeiten rituell erleben zu lassen. Und ihn auf diese Weise in diese Gesetzmäßigkeiten „zurückzuverbinden“. Damit er irgendwann erkennt, dass nicht nur die äußere Welt, sondern auch sein innerer Weg sich in diesen Kreisläufen vollzieht.

Das ist eines der großen Mysterien des Lebens. Von diesem Mysterium erzählt mir das freimaurerische Ritual. Und von diesem Mysterium erzählt mir auch der große Fluss, den ich jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit überquere.

Wenn ich achtsam bin, kann ich dieses Mysterium überall in der Natur entdecken. Die Sprache, die die Natur hierfür verwendet, ist für jeden verständlich. Wir nehmen uns nur viel zu wenig Zeit, hinzuschauen und zuzuhören. Denn es scheint viel einfacher, den Kopfhörer auf den Ohren und das Display vor dem Gesicht zu haben. Einfacher, als inne zu halten und einfach nur wahrzunehmen?

Ich habe für mich den Entschluss gefasst, dass der große Fluss mein Lehrmeister sein darf. Er darf mich Achtsamkeit lehren. Achtsamkeit für die Mysterien und Kreisläufe des Lebens. Genauso, wie ich es auch dem freimaurerischen Ritual erlaubt habe…

(Dieser Artikel ist ganz besonders den Freimaurern Horst S. und Gerd-Wilhelm R. gewidmet, die in diesem Jahr – im hohen Lebensalter und doch viel zu früh – ihren Weg in den Ewigen Osten angetreten haben.)

#LiebsterAward – 11 Fragen an mich

Die von mir mehr als wertgeschätzte Inga Höltmann (http://ingahoeltmann.de/) hat mich für den „Liebster Award“ nominiert, eine Initiative im Netz, die auf interessante Blogs aufmerksam macht. Sie selbst war dafür von Robert Franken nominiert worden, der ihr so spannende Fragen stellte wie, „ob Männer Feministen sein sollten“. Im Anschluss nominierte sie mich und ich fühle mich geehrt, ihre Fragen beantworten zu dürfen:

1. WARUM HAST DU ZU BLOGGEN BEGONNEN?
Ich habe in meinem Leben Dinge erlebt, die mich zutiefst berührt haben. Berührt … und vielleicht auch ein bisschen verändert. Und es ist mir ein inneres Anliegen, davon zu erzählen.

2. WAS IST DEIN LIEBSTER / DEIN SUBJEKTIV WICHTIGSTER POST BISHER?
Da muss ich gar nicht lange nachdenken. Auf jeden Fall mein Post „Der Weg ins Auge des Sturms“ von März diesen Jahres: https://hagenunterwegs.wordpress.com/2015/03/31/der-weg-ins-auge-des-sturms/

3. BEAMTENTUM ODER SELBSTSTÄNDIGKEIT?
Ich antworte mit demselben Satz, den Pep Guardiola zur Zeit immer bringt, wenn er danach gefragt wird, ob er seinen Vertrag beim FC Bayern München verlängern wird: „Nächste Frage.“

4. WENN DU ETWAS AN DEINEM JOB ÄNDERN KÖNNTEST – WAS WÄRE DAS?
Ich würde einen Tag der Woche „Home-Office“ einbauen.

5. WIE LANGE BRAUCHST DU MORGENS IM BAD?
Hängt ganz stark davon ab, ob ich mich mit oder ohne Smartphone im Badezimmer befinde…

6. VEGANER_IN, VEGETARIER_IN ODER OMNIVOR?
Hier klafft bei mir eine riesengroße Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Eigentlich dürfte man heutzutage aus Gründen der Lebensethik, des Umweltschutzes und der gerechten Verteilung von Nahrung unter der Menschheit gar kein Fleisch mehr essen. Aber es ist einfach zu lecker…

7. WAS WAR DEINE BISHER INSPIRIERENDSTE REISE?
Auf jeden Fall war es eine innere Reise.

8. SÜDDEUTSCHE ODER BILD?
Ganz klar: „Die Zeit“!

9. NENNE MIR DEINE LIEBLINGSFARBE UND SAG MIR, WARUM SIE DAS IST.
Das Grün des Waldes. Diese Farbe hat etwas Ausgleichendes, Beruhigendes und Geerdetes.

10. WAS WÜNSCHT DU DIR ZU WEIHNACHTEN?
Gemeinschaft. Erinnern. Zuhause.

11. WAS WAR DIE LETZTE ANSCHAFFUNG, DIE DU GEMACHT HAST?
Die (neueste) CD „Geblitzdingst“ von der Band „Dritte Wahl“. Geile Scheibe! Kann ich nur empfehlen!

Ich nominiere die wundervollen Anna (https://feinundsinnig.wordpress.com/), Jörg (http://www.schoepfungsspiritualitaet.de/), Niels (http://teryky.de/), Rene (http://freimaurergedanken.com/) und Phil (http://www.freimaurer-in-60-minuten.de/) für den #LiebsterAward!

Hier meine Fragen an Euch:
1. Warum hast Du zu bloggen begonnen?
2. Was ist Dein liebster / Dein subjektiv wichtigster Post bisher?
3. Gibt es einen Post von Dir, den Du aus heutiger Sicht nicht mehr veröffentlichen würdest?
4. Was war die schönste Reaktion auf Deinen Blog / einen Post von Dir?
5. Was war die schlimmste Reaktion auf Deinen Blog / einen Post von Dir?
6. Welches Buch liest Du gerade oder hast Du zuletzt gelesen?
7. Was war Deine bisher inspirierendste Reise?
8. Nenne mir Deine Lieblingsfarbe und sage mir, warum sie das ist.
9. Was wünscht Du Dir zu Weihnachten?
10. Was war die letzte Anschaffung, die Du gemacht hast?
11. Stadt oder Land? Und warum?

Wo Faschismus beginnt

BILDER DER GEWALT

Asylunterkünfte brennen. Die Braunen marschieren wieder. Um diesen Fremden zu zeigen, dass sie unerwünscht sind. Flüchtlinge, heimatlos und traumatisiert. Als die Polizei eingreift, fliegen Flaschen, Steine, Feuerwerkskörper. Barrikaden werden errichtet und in Brand gesteckt. Die Zahl der verletzten Polizisten wird in den zweistelligen Bereich gehen. Bürgerkriegsähnliche Bilder werden später von den Nachrichtensendern ausgestrahlt werden. Bilder, von denen ich gehofft hatte, sie in Deutschland nie wieder mitansehen zu müssen.

In den darauffolgenden Tagen wird sich auch die AntiFa berufen fühlen, aufzumarschieren. Den braunen Schläger-Trupps folgen die schwarz-roten. Auch diese werden zur Gewalt greifen. Alles wieder auf dem Rücken der Polizeibeamten. Die Bilder später in den Nachrichten werden denen der Nazi-Ausschreitungen erschreckend ähneln.

Ein x-beliebig anderer Ort in einem x-beliebigen Land zu einer x-beliebigen Zeit: Ein junger Mann holt unter seinem Mantel eine Schnellfeuerwaffe hervor. Lädt durch, legt an, drückt ab. Wieder und wieder. Im Namen Allahs. Sein einziger Vorsatz: Möglichst viele mit in den Tod zu reißen. Menschen, deren einziger Fehler es ist, die falschen Weltbilder für wahr zu halten. Oder in der falschen Gegend geboren worden zu sein. Vielleicht sind sie einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Nur wenige Minuten wird es dauern. Doch diese werden ausreichen, um ein ganzes Land in Schockstarre zu versetzen.

WIE KONNTE ES SOWEIT KOMMEN?

Das, was an diesen Taten so schockiert, ist die Empathielosigkeit, die die Gewalttäter ihren Opfern gegenüber an den Tag legen. Wie kann es dazu kommen, dass Menschen ihre natürliche Hemmschwelle, einem anderen Menschen Gewalt anzutun, verlieren? Wieviel Indoktrination braucht es, zu legitimieren, einen anderen Menschen zu töten? Wie lange muss ein Mensch konditioniert werden, bis er im Gegenüber nur noch den Angehörigen einer feindlichen Weltanschauung oder den Vertreter eines verhassten Systems sieht? Und nicht mehr einen Menschen. Mit denselben Bedürfnissen, den denselben Hoffnungen und denselben Ängsten.

Wenn man im Gegenüber nicht mehr den Menschen sehen kann und dessen Würde einer Anschauung unterordnet, ist – meines Erachtens – der Punkt erreicht, an dem Faschismus seinen Anfang nimmt. Hierbei ist es völlig unerheblich, ob diese Anschauung politischer oder religiöser Natur ist. Ein Wesensmerkmal faschistischer Systeme war und ist immer auch die Empathielosigkeit bestimmter menschlicher Gruppierungen gegenüber.

WAS WIR ERNTEN

In fast allen spirituellen Traditionen findet man das Prinzip von Saat und Ernte. Vereinfacht besagt dieses, dass man mit allem, was man sagt, tut und unterlässt oder auch denkt und fühlt, eine Saat ausstreut. Diese wird irgendwann aufgehen und Früchte hervorbringen. Entsprechend der Saat können diese Früchte konstruktiver oder destruktiver Natur sein.

Dies vorausgesetzt, frage ich mich, was für eine Welt wir uns aktuell erschaffen. Was wird die Menschheit ernten, wenn das, was sie aussät, abscheulichste Gewalttaten sind? Wenn diese Taten heroischer sind, je brutaler sie sind und je mehr Opfer sie hervorbringen. Denn mit jeder Gewalttat bleiben ganze Scharen von verwundeten, trauernden und zornigen Menschen zurück. Verletzt an Leib und Seele.

Wenn Wunden aber eins benötigen, um zu heilen, so ist es vor allem Zeit. Doch genau diese scheint der Menschheit nur so durch die Finger zu rinnen. Wir befinden uns in einer – sich immer schneller drehenden – Spirale aus Gewalt und Gegengewalt. Die Wunden der ersten Tat sind noch nicht verheilt, da reißt die Reaktion auf diese Tat schon wieder neue.

Und je weiter man in der Menschheitsgeschichte zurückblickt, desto schwieriger ist es zu benennen, wer irgendwann mal den Anfang dieses Kreislaufs gesetzt hat. Kaum noch zu bestimmen, wer die Schuld an dem trägt, was wir aktuell erleben.

Trotzdem aber wird jede dieser Gewalttaten als Rechtfertigung genommen, zu verurteilen. Endlich hat manch Otto-Normal-Verbraucher einen Grund, „diese Ausländer“ – die ihm ja eh schon immer irgendwie suspekt waren – ablehnen zu dürfen. Und so sieht man im Flüchtling auch nicht mehr das heimatlose Kriegsopfer mit einer erschütternden Lebensgeschichte. Sondern nur noch einen Faktor, der uns Geld kostet.

DER WEG DES FRIEDENS

Diese Zeit brüllt uns förmlich ins Gesicht: Wo sind die Menschen, die die Fähigkeit besitzen, die Dinge differenziert zu betrachten und in einen größeren historischen Rahmen einzubetten? Die in der Lage sind, verschiedene Standpunkte einzunehmen und zu verstehen. Die nicht gleich ganze Menschengruppen stigmatisieren, weil einzelne von ihnen Gewalttaten begangen haben. Die nicht nur nach Begründungen suchen, das Andersartige zu bekämpfen. Sondern es wagen, empathisch zu sein und sich in dessen Situation hinein zu versetzen. Die die Spannung aushalten, für erlittenes Unrecht keine Vergeltung zu üben; weil Gewalt gegen Menschen für sie kein probates Mittel darstellt. Die dieses Unrecht trotzdem ganz klar benennen und aufzeigen können. Ohne jedoch es missbrauchen zu müssen, die eigene Schuld zu relativieren. Die Menschen, für die jeder Mensch eine Würde hat. Nicht nur der, der ihrer Wertegemeinschaft, ihrer Religion oder ihrem Volk angehört.

Eigentlich braucht die Menschheit genau die Werte, die auch schon Jesus Christus vor etwa 2000 Jahren von den Menschen einforderte: Seinen Nächsten – insbesondere seinen Feind – zu lieben wie sich selbst. Erst den Balken im eigenen Auge zu entfernen, bevor man auf den Splitter im Auge des Nächsten zeigt. Jeden so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte.

Konsequent zu Ende gedacht bedeuten diese Forderungen nichts anderes, als das eigene Ego von seinem Thron zu stoßen und sich seiner inneren dunklen Seite zu stellen.

Dahinter verbirgt sich das Wissen, dass ich nur dann empathisch sein kann, wenn ich mein Ego entmachtet habe. Denn das Ego ist der angstmotivierte Anteil in mir, der nach Macht und Anerkennung von außen strebt. Der Teil, der die Kontrolle behalten will und in den Krieg zieht, wenn diese bedroht ist. Es ist der Teil in mir, der auf Vergeltung drängt, wenn er angegriffen worden ist.

Außerdem verbirgt sich dahinter das Wissen, dass es keinen äußeren Feind gibt. Das, was ich an anderen bekämpfe, ist letztendlich nur Projektion meines eigenen, unerlösten Anteils. Mein eigener Schatten. Und anstatt, diesen Feind außerhalb von mir zu suchen, muss ich den Blick nach innen richten. Ich muss lernen, meine Schattenseite zu betrachten und auszuhalten und so aus dem Unbewussten ins Bewusste zu holen. Sie zu umarmen, anstatt sie zu bekämpfen.

Dieser Weg nach innen ist der beschwerlichere, als der nach außen gerichtete Angriff. Vielleicht sagte der Christliche Mystiker Thomas Merton deshalb, dass es ein viel heldenhafteres Opfer verlangt, Frieden zu stiften, als den Krieg zu erklären.

Aber genau solche Helden braucht unsere heutige Zeit nötiger denn je! Menschen, die sich auf diesen inneren Weg des Friedens begeben, anstatt auf den äußeren Weg des Krieges!

Fast schon greifbar

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Als ich das Buch ausgelesen hatte, legte ich es neben mir auf den Nachttisch. Ich hielt kurz inne. Ich war bewegt. Von dem, was ich da gerade gelesen hatte. Bewegt. Und auf irgendeine Weise auch … dankbar. So recht greifen konnte ich es zunächst noch nicht.

Das Buch, das ich meine, ist das aktuell erschienene Werk von Philip Militz. Es heißt „Nicht von gestern – Freimaurer heute“. In diesem stellt der freimaurerische Blogger (http://www.freimaurer-in-60-minuten.de/) auf 168 Seiten 10 ganz unterschiedliche Freimaurer vor. Aber warum hat mich dieses Buch so angesprochen? Was macht dieses, optisch recht unscheinbar daherkommende, Büchlein aus?

Zum Einen sind es die ausgewählten Charaktäre, die Philip Militz in kleinen Geschichten vorstellt:
Von denen hat mich am stärksten die Gesichte von Kenan angesprochen. Kenan ist Freimaurer. Und Muslim. Außerdem ist der Kampfsporttrainer in einem sozial schwachen Stadtteil in Berlin. Dort arbeitet er mit „Problem-Kids“. Eine Pointe seines Lebensweges ist, dass er dadurch, dass er Freimaurer wurde, auch wieder Zugang zum Islam bekommen hat.
Innerlich schlucken ließ mich die Geschichte von Hannes. Hannes hat als Freimaurer Nazi-Deutschland erlebt und das KZ überlebt. Es war für ihn ein weiter Weg zurück in die „Normalität“. Das Erlebte hinterließ Spuren. Diese drückte er in Gedichten aus, aus denen eine authentische Tiefe spricht. Unwillkürlich musste ich an Dietrich Bonhoeffer denken, als ich Hannes‘ Gedichte las.
Oder die Geschichte des „begnadeten Künstlers“ Jens aus Schleswig-Holstein (http://www.jens-rusch.de/index.php/Hauptseite). Der der heimtückischen Krankheit Krebs von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. Als diese am mächtigsten war, schleppte er sich „an Schläuchen hängend“ ins freimaurerische Ritual. Mal für Mal. Dort fand er Ruhe, inneren Halt und neue Kraft. Schlussendlich lehrte diese Krankheit ihm Dankbarkeit und das Gebet. Und auch wenn er sie schließlich niederrang, so wäre er doch niemals so vermessen, sich als „geheilt“ zu bezeichnen.
Oder die Geschichte von Harry, der sich gegen eine „Karriere“ im Rotlicht-Milieu entschied und einen Imbiss in dem Hamburger Szene-Stadtteil „Schanzenviertel“ eröffnete.
Oder, oder, oder… Von eher humanistisch geprägten Freimaurern, über christlich-mystisch geprägte Freimaurer; von Jo Gerner aus „Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“ über Karlheinz Böhm bis hin zum „obersten Freimaurer Deutschlands“ kommen sie alle zu Wort. Eine bunte Mischung von Menschen.
Regelrecht geärgert hat mich, dass auch Axel Springer (Ja, auch der war Freimaurer.) ein Kapitel gewidmet ist. Das erste sogar. Denn ist nicht gerade seine Bild-„Zeitung“ Inbegriff für einen tendenziösen, einseitigen, teilweise menschenverachtenden, niedrigste menschliche Instinkte bedienenden und freiheitlich-demokratische Werte verhöhnenden Journalismus?! Aus Protest habe ich das Kapitel über ihn erst ganz zum Schluss gelesen. Und war angenehm überrascht, wie differenziert und ausgewogen Philip Militz sich diesem polarisierenden Bruder nähert.
Das würdige Schlusswort erhält eine Frau. Und zwar „FrauMaurer“ Sylvia (http://www.freimaurerinnen.de/blog/). Sie bringt die erfrischende weibliche Seite des Freimaurertums zum klingen. Und räumt mit dem Vorurteil auf, Freimaurertum sei nur was für Männer. Mein ganz persönlicher Eindruck ist, dass es den Herren Freimaurern und dem Freimaurertum an sich mehr als gut tut, von weiblichen Freimaurern hinterfragt und ergänzt zu werden.

Sie alle sind Charaktere, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Diese Vielfalt zeigt, wie breit gefächert das Freimaurertum ist. Doch was eint diese so unterschiedlichen Menschen? Außer, dass sie alle Teil einer, von außen betrachtet, recht seltsam wirkenden Bruderschaft sind? Sie allesamt sind Menschen, die nicht unachtsam durchs Leben gehen. Für die es mehr gibt als Spaß und Konsum. Die sich mit den essentiellen Themen des Lebens auseinandersetzen.

Und so verwundert es nicht, dass jeder der Portraitierten irgendwann auch auf das Thema „Tod“ zu sprechen kommt. Wohl das ultimative Lebensthema eines jeden Menschen. Diesem nähern sie sich von unterschiedlichen Seiten; jedoch angenehm unaufgeregt und versöhnlich. Und es ist wohl eine der Geschichten, die das Leben schreibt, dass drei der Portraitierten das Erscheinen des Buches nicht mehr erlebten. Auch dies trägt dazu bei, dass dieses Werk ein ganz besonderes ist.

Aber neben den vorgestellten Charakteren ist es auch die Art und Weise, wie diese vorgestellt werden, was dieses Buch ausmacht. Philip Milith legt ein feines Gespür für sein Gegenüber an den Tag. In einer sehr achtsamen und wertschätzenden Weise beschreibt er, was sein Gegenüber ausmacht und was dessen ureigensten Lebensthemen sind. Fast beiläufig werden immer wieder die Bezüge zum Freimaurertum hergestellt. Und so bekommt man eine Ahnung davon, was für ein Mensch das ist, der da Philip Militz gegenübersitzt. Und wie dieser Mensch sein Freimaurer-Sein lebt. Welche Facetten des Freimaurertums für ihn besonders wertvoll sind. Auf welche Weise er durch freimaurerische Symbolik und rituelle Arbeit berührt wird. Wo das Freimaurer-Sein ihn verändert hat. Und so wird diese so abstrakte Idee „Freimaurertum“ plötzlich sehr real und fast schon greifbar.

Philip Militz gelingt es darüber hinaus, durch die Art und Weise, wie er diese Aufeinandertreffen beschreibt, eine fast schon vertrauliche Kaminzimmer-Atmosphäre herzustellen. Mehrfach fühlte ich mich, als säße ich bei den Gesprächen direkt daneben.

Ich glaube, dass solche Bücher, in denen Freimaurer nicht nur über hochgeistige abstrakte Ideen reden, sondern sich in ihr Innerstes blicken lassen, Außenstehenden einen viel tieferen Einblick ins Freimaurertum gewähren, als es zum Beispiel eine Veröffentlichung der freimaurerischen Ritualtexte jemals könnte. Denn hier erfährt der Leser, was für Menschen es sind, die sich Freimaurer nennen. Was für Ängste diese Menschen haben und was für Hoffnungen. Was die Werte dieser Menschen sind und wie sich das Freimaurertum in ihren Leben auswirkt.

Am Ende blieb fast so etwas wie das Gefühl, die Menschen dieses Buches persönlich kennengelernt zu haben. Und so ergab es sich, dass ich Harry einfach anquatschte, als er mir mal im Schanzenviertel zufällig über den Weg lief. „Moin, Du bist doch Harry, oder?“ Was mit Harrys fragendem Blick begann, endete mit einer herzlichen Umarmung. Und dem Austausch unserer Handy-Nummern…

Mit einem Mysterium ringen

Ernst und Falk

Um einen der Besteller in der freimaurerischen Literatur handelt es sich bei dem Werk “Ernst und Falk – Gespräche für Freimaurer“ von Gotthold Ephraim Lessing aus dem Jahr 1778. Dort trifft der “Suchende Ernst“ auf den “Freimaurer Falk“. Ernst möchte von Falk erfahren, was es mit dem Freimaurertum auf sich hat. Er will das freimaurerische Geheimnis ergründen.

Es ist der damaligen Zeit geschuldet, dass dieses Werk heutzutage an der einen oder anderen Stelle bisweilen ein wenig umständlich formuliert und eingerostet daherkommt. Da es an sich aber nach wie vor erstaunlich aktuell ist, haben es sich der freimaurerische Blogger Rene Schon (http://freimaurergedanken.com/) und Thorsten Dörfler mal vorgenommen und ganz kräftig vom Staub der Jahrhunderte befreit. „Ernst und Falk 2014: Gespräche für Freimaurer“ heißt diese überarbeitete, 64 Seiten starke und sogar um ein Kapitel ergänzte Version.

Doch was macht dieses Werk so besonders? Neben dem Inhalt ganz klar die Form, in der es gehalten ist. Diese erinnert nämlich an die Lehrgespräche, die im Buddhismus die alten ZEN-Meister mit ihren Schülern führten. Ebenso an die Lehrgespräche, die die alten christlichen Wüstenväter mit ihren Adepten führten. Und selbst Jesus Christus unterrichtete und predigte überwiegend in vergleichbaren Formen.

Während Ernst nach verstandesgemäß erfassbaren Fakten über das Freimaurertum fragt, antwortet Falk ihm in Bildern, Gleichnissen und Allegorien. Allesamt nicht dazu geeignet, die konkrete Frage zu beantworten. Wohl aber, um beim Gegenüber eigene innere Prozesse anzustoßen. An deren Ende so etwas wie die Antwort auf die ursprüngliche Frage stehen könnte. Wichtig hierbei ist in erster Linie aber nicht die Antwort an sich. Sondern der Weg, den der Fragende zurückgelegt hat, um zu der Antwort zu gelangen.

Und während Ernst noch um rational verständliche Fakten ringt, wird dem Leser langsam klar, dass es sich beim Freimaurertum um ein Mysterium handelt. Eins, das schwerlich nur mit Worten zu beschreiben ist. Eins, das innerlich erlebt werden will. Eins, das sich im täglichen sozialen Leben ausdrücken und beweisen muss. Das schon existierte, lange bevor es die Formen gab, die heute das Freimaurertum ausmachen. Das es wohl schon gab, bevor der Begriff „Freimaurer“ überhaupt existierte.

Ich erinnere mich noch ganz genau, als ich das Original von Lessing das erste Mal las. Es war in der Zeit, als ich mit dem Gedanken spielte, Freimaurer zu werden. Ein Logenmeister, den ich bis heute sehr schätze, gab es mir zu lesen. Recht schnell war ich regelrecht genervt davon, dass der Falk auf die Fragen des Ernst auf die beschriebene Weise eingeht. „Kann er denn nicht einfach mal konkret sagen, was Phase ist?“

Doch bald schon merkte ich, dass dieses Werk mich mit auf eine Art Reise mitgenommen hatte. Und plötzlich war ich es, der mit Falk um Antworten rang; nicht mehr Ernst. Ich war es, der sich diesem Mysterium “Freimaurertum“ zu nähern begann. Und es umkreiste. Und zwischen den Zeilen begann ich etwas von diesen Mysterium zu erahnen… Genau dieser innere Prozess ist es, der, meines Erachtens, dieses Werk ausmacht.

Vielleicht überblicken wir noch gar nicht, wie hoch der Wert des vorliegenden Buches von Rene Schon und Thorsten Dörfler einzuschätzen ist. Aber eines ist auf jeden Fall jetzt schon klar: Ihnen ist es gelungen, dem Menschen des 21. Jahrhundert einen Zugang zu diesem besonderen Werk zu legen. Und das, ohne den Inhalt zu verwässern oder die Form zu beschädigen.

Jeder aufrichtig “Suchende“ – egal ob Freimaurer oder nicht – wird in diesem Buch wertvolle Anstöße bekommen, die noch eine ganze Weile nachklingen können. Vorausgesetzt natürlich, er lässt sich darauf ein und macht sich innerlich auf den Weg…

Männer-Initiation 2015

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In der Zeit, als die Religion noch nicht institutionalisiert war, kannte sie jede Kultur: Initiationsriten. Der junge Mann durchlief Rituale, die ihn mit seinem Tod und mit seinem Schatten konfrontierten. Rituale, die ihn die Frage nach seiner tiefsten Identität als Mann stellen ließen. Oftmals waren diese Rituale der Beginn der ganz persönlichen Heldenreise des jungen Mannes zu sich selbst. Zu seinem Platz im Mysterium des Lebens, in dieser Welt und in der Gemeinschaft der Menschen. Er wurde in etwas initiiert, das viel umfassender und größer war als er und sein kleines Ego.

Unsere westliche Welt hat das alte Wissen um die Notwendigkeit der Initiation des Mannes vergessen. Zurückgeblieben sind orientierungslose Männer; unfähig ihr Innerstes auszudrücken. Eingezwängt zwischen den Rollenklischees vom Softi und vom Macho. Männer, die nur schwer Zugang bekommen zu ihrer archaisch-kriegerischen Seite, ebenso wie zu ihrer liebevoll-zärtlichen. Wütende Männer, ängstliche Männer.

Eines der Lebensthemen des Franziskaner-Paters Richard Rohr ist die Frage, welche spirituellen Formen der männlichen Seele entsprechen. Welche Formen sind notwendig, damit der Mann mit seinem tiefsten Innersten in Berührung kommen kann?

Richard Rohr verglich die unterschiedlichen Initiationsriten der verschiedenen Kulturen und Zeiten miteinander. Er stellte fest, dass diese sich in ihren grundsätzlichen Aussagen und Zielrichtungen überraschend ähnelten. Und unterschieden sich auch die verwendeten Rituale und Symbole äußerlich, so waren die inneren Wege, die sie die jungen Männer gehen ließen, doch die gleichen.

Aus diesem Wissen und nach diesem Vorbild entstand ein neuer Initiationsritus. Ein Ritus, der den Mann den alten Weg von Leid, Tod und Auferstehung gehen lässt. Ein Ritus, der ihn mit seiner dunklen Seite konfrontiert. Ein Ritus, der den Mann mit seinem tiefsten Innersten in Berührung kommen lässt. Ein Ritus, der letztendlich den Startpunkt markiert für die ganz persönliche Heldenreise des Mannes.

Der Verein Männerpfade (http://maennerpfade.org/node/1) wird vom 02. – 06. September in Süddeutschland wieder eine Männer-Initiation nach Richard Rohr durchführen.

Höre in Dich hinein, Mann! Vielleicht ist diese Initiation genau der nächste Schritt auf Deinem spirituellen Weg?!

Das Lied vom neuen Anfang

Auf einmal waren sie wieder da: Die Vögel, die morgens vor meinem Schlafzimmerfenster das Lied vom neuen Anfang singen. Die Sonnenstrahlen, die morgens sanft in mein Schlafzimmer kriechen und mich wachküssen. Die bunten Blüten, die durch die Erdkruste brechen und die Wiesen in ein prachtvolles Gewand kleiden. Das zarte Grün, das die Bäume und Sträucher ziert.

Und auch in den Augen der Menschen nehme ich wieder dieses wunderschöne Strahlen wahr. Ihre Gesichter wirken aufgehellt, irgendwie hoffnungsvoller. Es sind immer noch dieselben Menschen wie in den letzten Wochen und Monaten. Doch irgendetwas hat sich im Innersten dieser Menschen verändert.

Hinter uns liegen die dunklen Monate. Die Zeit, in der die Sonne nur wenig Kraft hatte. Die Zeit, in der Frost und Kälte alles durchdrangen. Als die Nacht den Tag niedergerungen und die Dunkelheit das Licht besiegt hatte. Die große Kraft des Lichtes ließ sich nur noch erahnen. Unsere Erinnerungen waren der einzige Ort, an dem es noch strahlen durfte.

Doch jetzt sind die Tage angebrochen, in denen das Licht neu geboren wird. Unaufhaltsam ersteht es auf und findet zu alter Stärke zurück. Und mit dem Licht kehrt auch das Leben zurück. Die gesamte Schöpfung strebt dem Licht entgegen. Erblüht aufs Neue. Wird fruchtbar. Das Leben sprießt, wohin ich auch schaue.

Und als wollte uns die Sonne mit der hinter uns liegenden Zeit versöhnen, taucht sie den Himmel in die erhabensten Farben. Morgen für Morgen und Abend für Abend. Der Himmel des Frühlings sieht genauso wundervoll aus, wie er es einst im Herbst tat. Doch erzählte der Herbst noch vom wundervollen Sterben, so erzählt der Frühling jetzt von der kraftvollen Auferstehung.

Wohin man auch blickt, stimmt die gesamte Schöpfung wieder in das ewige Loblied auf ihren Schöpfer ein. „Dann jauchzt mein Herz Dir großer Herrscher zu: Wie groß bist Du?! Wie groß bist Du?!“ Was vor uns liegt ist Licht. Was vor uns liegt ist Leben.

(Dieser Text ist ganz besonders meiner geliebten Frau gewidmet.)

Der Weg ins Auge des Sturms

JWHW

JHWH – DER „ICH BIN“

Eine der mich berührendsten Geschichten im Alten Testament der Bibel ist die, als Moses das erste Mal Gott begegnete. Gott offenbarte sich ihm hierbei als „JHWH“, der „Ich Bin“.

„JHWH – Ich Bin“ – Lässt man diese Worte in der Stille nachhallen, bekommt man eine Ahnung davon, dass der Name Gottes viel größer und allumfassender ist, als unser, in dualistischen Kategorien denkender Verstand es je erfassen könnte. JHWH – Der „Ich Bin“ – Der Seiende – Das Sein.

DU SOLLST DIR KEIN BILDNIS MACHEN

Und dennoch ziehen seit Jahrtausenden Heerscharen von Gelehrten, Theologen und Dogmatikern aus, um dieses große „Ich Bin“, als das Gott sich offenbart hat, in klar definierte Glaubenssätze zu pressen.

Ich glaube, der Antrieb, der dahinter steckt, ist das Bedürfnis unseres kleinen Egos – unseres Falschen Selbst – die Kontrolle behalten zu wollen. Kontrolle über das Leben. Kontrolle über Gott. Denn wenn ich definieren kann, wie Gott ist und wie Gott nicht ist; was Gut ist und was Böse ist; und was ich zu tun habe, um erleuchtet, erlöst oder errettet zu werden, dann bin es letztendlich ich, der die Kontrolle behält. Denn ich weiß ja, wie Gott und wie der Glaube an Gott und damit auch das gesamte Leben „funktionieren“.

Das Problem hierbei ist nur, dass ich, von dem Moment an, wo ich Gott definiere, ihn gleichzeitig auch limitiere. JHWH – der „Ich Bin“ – Der Seiende – Das Sein verliert das Allumfassende und das Alldurchdringende. Gott ist dann nur noch so groß, wie es ihm mein dualistischer Horizont erlaubt. Ich halte Gott klein genug, dass er meinem Bedürfnis nach Sicherheit dient.

Ein weiteres Problem ist: Sobald ich eine unverrückbare Lehrmeinung über Gott aufstelle, schließe ich automatisch jeden aus, der diese nicht teilt. Letztendlich sind Dogmen aber oftmals nicht mehr als theoretische Lehrgebäude, die wir im Kopf ersonnen haben und im Kopf mit uns herumtragen. Und auf Grund eben dieser theoretischen Konstrukte sprechen Gläubige seit Jahrtausenden Andersgläubigen ab, Teil dieses großen „Ich Bin“ zu sein, als das Gott sich offenbart hat.

Kann es nicht sein, dass Gott in den 10 Geboten genau aus diesen Gründen vom Menschen verlangt „Du sollst Dir von Gott kein Bildnis machen.“? Kann es nicht sein, dass Gott dieses Gebot genau aus diesen Gründen sogar an die zweite Stelle seiner Gebote gesetzt hat? Und ich frage mich auch, ob der Dogmatiker nicht gegen eben dieses 2. Gebot verstößt. Denn malt er nicht ein – sogar sehr konkretes – Bild von Gott, wenn er ihn in eine dogmatische Lehrmeinung presst?

WAS KEIN DOGMA VERMAG

JHWH – Der „Ich Bin“ – Der Seiende – Das Sein entzieht sich letztendlich allen Versuchen unseres Falschen Selbst, es in dualistische Kategorien einzuordnen.

Nach dem Franziskaner-Pater Richard Rohr birgt der Name Gottes JHWH darüber hinaus ein großes Geheimnis. Er ist so beschaffen, dass jeder Mensch ihn aussprechen kann, ohne seine Lippen zu bewegen. Und jeder Mensch spricht diesen Namen auch aus. Ohne Unterlass. Jeden Tag. In jedem Moment. Beim Einatmen die Silbe JH („Jaah“) und beim Ausatmen die Silbe WH („Heeh“). Jaah-Heeh – mit jedem Atemzug spricht der Mensch den Namen Gottes aus. Jeder Atemzug ein Gebet. Jeder Mensch atmet den Namen Gottes im wahrsten Sinne des Wortes. Das Allererste, was ein Mensch in seinem Leben macht: Er spricht den Namen Gottes aus – Jaah-Heeh. Das Allerletzte, was ein Mensch in seinem Leben macht: Er spricht den Namen Gottes aus – Jaah-Heeh.

Dem folgend atmet ausnahmslos jeder Mensch den Namen Gottes. Unabhängig von Geschlecht, Religion, sexueller Identität, Weltanschauung, materiellem Status oder was sonst auch immer Menschen sich im Laufe der Zeit ersonnen haben, um sich selbst als auserwählt fühlen zu dürfen und alle nicht Auserwählten ausgrenzen zu können. Aber bedeutet dies dann nicht auch, dass alle Menschen auf einer tieferen Ebene letztendlich eins sind? Dass keine Weltanschauung, keine Glaubenslehre mich von meinem Mitmenschen trennen kann? Es lohnt sich, diesen Gedanken nachklingen und sich entfalten zu lassen.

DAS AUGE DES STURMS

Und es lohnt sich, selbst in die Stille zu gehen und den eigenen Atem mit dem Namen Gottes – mit diesem [Jaah (einatmen) – Heeh (ausatmen)] – zu verbinden. Das ist für mich das zentrale Element des christlich-kontemplativen Weges. Es geht darum, in die Stille zu gehen, um genau diesen einen Ort zu finden: Der Ort, an dem sich mein Atem mit dem Atem Gottes verbinden kann. Mein persönliches, inneres „Auge des Sturms“. Das ist der Ort, an dem nicht mehr mein falsches Selbst Gott definieren, kontrollieren und kleinhalten muss, sondern an dem mein Wahres Selbst mit Gott eins wird. Mit dem Gott, der sich als das große „Ich Bin“ offenbart hat und dessen Namen ich mit jedem Atemzug ausspreche.

Vielleicht ist es genau diese Erfahrung, die Jesus Christus in der Bibel meint, wenn er davon spricht, dass er und Gott „eins“ sind. Denn auch von Jesus ist überliefert, dass er häufig und oftmals auch über längere Zeiträume in Stille und Einsamkeit verweilte.

Der christlich-kontemplative Weg ist letztendlich die Fortführung des Weges der christlichen Mystiker. In der christlichen Mystik wurde Gott in der Regel auf zweierlei Weise erlebt und verehrt. Einmal als personales Gegenüber; z.B. Gott, der Vater. Dann aber auch als „Geist“ bzw. „Urgrund“, der das Große Ganze in seiner Gesamtheit durchdringt. Dieser Göttliche Urgrund existierte gleichzeitig jedoch auch in den Tiefen eines jeden einzelnen Menschen. Gott war ganz innerhalb des Menschen und Gott war ganz außerhalb des Menschen. Wie innen, so außen. Wie oben, so unten.

Der Weg des Mystikers bestand darin, den Weg der Stille zu gehen, um an den Ort zu gelangen, an dem das Eins-Werden mit diesem Göttlichen Urgrund geschehen kann. Es galt, dieses innere Auge des Sturms zu finden, in dem sich die „Unio Mystica“ vollziehen kann.

Ich erlebe die symbolische Loge, in die sich der Freimaurer im freimaurerischen Ritual begibt, als genau diesen Ort. Ein äußeres Ritual, das letztendlich achtsam machen soll für einen inneren Weg, für einen inneren Ort. Die rituelle Loge: Ein Bild für das innere Auge des Sturms, tief in mir. Der Ort, an dem die „Unio Mystica“ geschehen kann.

Ich kann mir vorstellen, dass es für einen Freimaurer eine wertvolle Übung darstellen kann, sich während des Rituals ganz bewusst mit dem Atem Gottes zu verbinden. [Jaah (einatmen) – Heeh (ausatmen)]. Vielleicht stellt sich dadurch nochmal ein achtsameres Sein im Ritual ein. Und damit auch ein tieferes Erleben des Rituals.

HEILIGE AUGENBLICKE

Das Ziel des Suchens der Stille aber kann in letzter Konsequenz nur sein, mir bewusst zu werden, dass ich den Namen Gottes in jedem Augenblick meines Lebens atme. Auch – oder gerade – wenn ich mich nicht in der Stille oder im Ritual befinde. Das bewusste Suchen der Stille und das Erleben des Rituals kann letztendlich nicht mehr sein als ein Achtsamkeitstraining. Es trainiert mich dafür wahrzunehmen, dass ich in jedem Augenblick den Namen Gottes atme. Dass ich in jedem Augenblick eins bin mit Gott. Dass JHWH – Der „Ich bin“ – Der Seiende – Das Sein mich unablässig durchdringt. Ich muss mir dessen nur bewusst werden. Daher ist auch jeder Augenblick heilig. Egal wie alltäglich. Egal wie unbedeutend. Egal wie profan.

Aus meiner dunkelsten Stunde

Traurig siehst Du mich an,
doch was soll ich Dir sagen?
Ich habe keine Antworten
auf meine Fragen.
Mich zermartert Ungewissheit,
doch alles, was ich tun kann,
ist es zu ertragen.

Ich werde warten.
Ich werde warten.
Ich werde warten,
mein Gott, auf Dich warten.
Und ich spüre mit jedem Gebet,
dass mein Glaube immer noch lebt.
Ja, ich werde warten.

Er tut so unendlich weh,
der Moment der Ohnmacht.
Einsames Sterben,
aus der Illusion erwacht.
Mit der Angst kommt die Wut,
wo der Ratschlag nichts mehr gilt.
Endlose Nacht.

Ich werde warten.
Ich werde warten.
Ich werde warten,
mein Gott, auf Dich warten.
Und ich spüre mit jedem Gebet,
dass mein Glaube immer noch lebt.
Ja, ich werde warten.

Sage Satan „Guten Tag“,
dass ich mein verschissenes Leben mag
mit jedem Tag.

Ich werde warten.
Ich werde warten.
Ich werde warten,
mein Gott, auf Dich warten.
Und ich spüre mit jedem Gebet,
dass mein Glaube immer noch lebt.
Ja, ich werde warten.

Enthaltsamkeit – Ein Selbstversuch

Am Anfang war der Wunsch nach Achtsamkeit und Entschleunigung (und eine Wette, die ich zu verlieren drohte – aber das ist eine andere Geschichte).

ALLE JAHRE WIEDER…

Meine letzten zwei Adventszeiten begannen mit der Sehnsucht nach Besinnlichkeit und stiller Rückschau. Doch nachdem wir den letzten Tannenzweig drapiert und die letzte Kerze entzündet hatten, wurden die wundervoll besinnlichen Momente mit meiner Frau schon bald von einem Marathon an sentimentalen Jahresrückblicken abgelöst. Als Weihnachtsfeiern waren diese deklariert. Und jede dieser Feiern war für sich schon Grund genug, gut und üppig zu essen und auch mal über den Durst zu trinken. Ein paar Kilo später kam ich dann jedes Mal irgendwo in überstimulierter Deprimiertheit wieder zu mir. Der Zauber von Weihnachten war schneller verflogen, als er es doch versprochen hatte. Alle Jahre wieder.

DIE IDEE DES FASTENS

Doch dieses Jahr wollte ich die Advents- und Weihnachtszeit anders erleben. Bewusster. Achtsamer. Daher beschloss ich, die Woche vor Weihnachten zu fasten.

Das Fasten ist seit jeher auch Teil des christlichen Glaubens. Bereits Jesus Christus fastete 40 Tage lang in der Wüste, bevor er sein Wirken begann. Und seitdem es das Christentum gibt, existierten neben den institutionalisierten Hierarchien auch immer Mönchsbewegungen, bei denen das Fasten stets seinen festen Platz hatte. Gleiches gilt für einen Großteil der verschiedenen christlichen Mystiker, deren Wurzeln überwiegend ebenfalls im Mönchstum liegen.

WIE ICH ES ERLEBTE

Das Fasten als besondere Form der Enthaltsamkeit hat also seit jeher einen hohen Stellenwert im christlichen Mönchstum und in der christlichen Mystik gehabt. Und in der Woche vor Weihnachten, in der ich fastete, begann ich zu erahnen, weshalb das so sein könnte. Aber lest selbst:

Schon in den ersten beiden Tagen ertappte ich mich ständig dabei, wie ich zugreifen und es mir in den Mund stopfen wollte, wenn irgendwo ein Schüsselchen mit Knabberzeug oder Süßkram herumstand. Ich war mir gar nicht (mehr) bewusst gewesen, wie sehr ich mich darauf konditioniert hatte, das Gefühl von Appetit oder von Hunger nicht aushalten zu können, sondern sofort stillen zu müssen. Wie ferngesteuert kam ich mir vor. Und war entsetzt, dass es mir vorher so gar nicht aufgefallen war.

Ab dem zweiten Tag fing ich an, Gerüche bewusster wahrzunehmen. Ich hatte es schon gar nicht mehr zu schätzen gewusst, wie gut Essen riechen kann. Es war wohl zu selbstverständlich geworden. Einmal blieb ich extra im Eingang eines Dönerladens stehen, nur um das brutzelnde Dönerfleisch zu riechen. Ein anderes Mal stieg ich eine Station eher aus der U-Bahn aus, um noch durch die Fressmeile eines Einkaufzentrums gehen zu können und die verschiedenen Essensgerüche aufzunehmen.

In dieser Zeit merkte ich auch, dass sich mein Geschmackssinn veränderte. Zum Beispiel nahm ich den Geschmack von Tee viel intensiver wahr. Meinen Kräutertee süßte ich immer mit ein wenig Honig. Am sechsten Tag leckte ich die Reste von dem Löffel ab, mit dem ich den Honig in den Tee gerührt hatte. Niemals werde ich diese – nie für möglich gehaltene – Geschmacksexplosion in meinem Mund vergessen.

Ab dem dritten Tag zwang mein Körper mich, meine Geschwindigkeit herunterzufahren. Hätte ich vorher noch einen Sprint hingelegt, um den haltenden Bus oder die einfahrende S-Bahn zu erreichen; so passierte es mir jetzt regelmäßig, dass ich sie vor meiner Nase abfahren lassen musste. Mein Körper teilte sich seine Kräfte ein. Diese Erfahrung wurde intensiver mit jedem Tag. Mit zunehmender Dauer fühlte ich mich wie in einem Kokon. Während die Menschenmassen in den Fußgängerzonen, in den Bahnhöfen und auf den Weihnachtsmärkten an mir vorbeihetzten, bewegte ich mich in meiner ganz eigenen Geschwindigkeit. Mitten in diesem Wahnsinn war ich irgendwie außerhalb dieses Wahnsinns. Wahrnehmend. Beobachtend. Und plötzlich sah ich Details, an denen ich an gewöhnlichen Tagen stumpf vorbeieile.

War ich an den ersten vier Tagen noch überrascht, wozu ich auch ohne Nahrung im Stande bin; so bauten meine Kräfte ab dem fünften Tag merklich ab. Besonders meine Beine wurden schwächer. Und das Teufelchen auf meiner Schulter fing an, die Graubereiche auszuloten. Mehrfach stand ich vor Coffee-Shops und rang mit mir. Warum nicht einfach einen schönen, großen, süßen und heißen Karamell-Macchiato durch die Kehle rinnen zu lassen?

Was mir gar nicht so auffiel, was meine Frau mir aber spiegelte, war, dass ich mit jedem Tag des Fastens gereizter und ungeduldiger wurde. Schon wenn Kleinigkeiten nicht nach meinen Vorstellungen liefen oder Dinge geschahen, die ich als unnötig empfand, war ich zunehmend genervt und zunehmend aggressiv.

Meine Frau sagte mir hinterher, ich sei richtiggehend ein anderer Mensch geworden, als ich nach einer Woche das erste Brötchen gegessen und anschließend eine Nacht geschlafen hatte.

Nachdem ich die ersten kleineren Mahlzeiten wieder zu mir genommen hatte, breitete sich in mir das wohlige Gefühl aus, den Körper entschlackt zu haben. Und ich konnte auch einfache und kleine Mahlzeiten wieder mit einer ganz anderen Wertschätzung und Dankbarkeit genießen (Nebenbei hatte ich auch besagte Wette gewonnen – aber das ist eine andere Geschichte).

WAS DAS FASTEN MICH LEHRTE

Wenn ich auf meine Fastenzeit zurückblicke, kann ich sagen, dass es ein Achtsamkeitstraining war. Ich begann wieder bewusster wahrzunehmen. Sei es meine visuelle Umgebung, sei es Geschmack, seien es Gerüche.

Und dann war es ein guttuendes und bestärkendes Gefühl, meinem Hunger und meinen Essensgelüsten wiederstehen zu können; es überwinden zu können. Der Hunger hat ein wenig von seinem Schrecken und von der Notwendigkeit, ihn unmittelbar stillen zu müssen, verloren. Denn mir ist bewusst geworden, dass vieles, was wir in der westlichen Welt als Hunger bezeichnen, für gewöhnlich nicht mehr als antrainierter Appetit ist.

Ich kann mir vorstellen, dass es genau diese beiden Aspekte sind, die das Fasten für die christlichen Mönche und die christlichen Mystiker so attraktiv gemacht haben: Das Schulen der eigenen Achtsamkeit und das Überwinden des Körpers.

FREIMAURER-TUGEND DER MÄßIGKEIT

Im Freimaurertum hat die Tugend der „Mäßigkeit“ einen hohen Stellenwert. Und meiner Einschätzung nach hat der christliche Freimaurerorden vieles, was in seinem Ritual und seiner Symbolik Ausdruck findet, der christlichen Mystik entlehnt. Daher stellt sich mir die Frage, ob es sich bei der Freimaurer-Tugend der „Mäßigkeit“ um eine – im Laufe der Zeit abgewandelte – Form der Enthaltsamkeit der christlichen Mönche und Mystiker handelt. Da sich meines Erachtens die Wurzeln des modernen Freimaurertums mindestens bis in die Zeit der ersten christlichen Mönchsorden zurückverfolgen lassen, ist diese Vermutung nicht abwegig.

Was ich aber sicher sagen kann, ist, dass das Fasten eine Übung ist, die absolut geeignet ist, die Tugend der „Mäßigkeit“ zu trainieren.

EIN AUSBLICK

Zurückblickend bewege ich jetzt die Frage, in welcher Form es möglich und sinnvoll ist, regelmäßigere Zeiten des Fastens in mein Leben einzubauen. Damit das, was mich das Fasten gelehrt hat, nicht nur eine einmalige Erfahrung bleibt. Damit das, was mich das Fasten gelehrt hat, nicht irgendwann wieder in Vergessenheit gerät.

Stille Nacht – Heilige Nacht?

Eigentlich wollte ich hier noch gar nichts schreiben, bevor mein Blog nicht komplett fertiggestellt ist. Aber ich habe das Gefühl, dass mich die (Vor-) Weihnachtszeit mal wieder regelrecht in den Wahnsinn zu treiben droht; oder halt an die Tastatur. Ich habe mich für letzteres entschieden.

Im Grunde arbeitet die Advents- und Weihnachtszeit mit kraftvollen und archetypischen Bildern, die, so glaube ich, die Macht haben, den Menschen im Innersten zu berühren und zu transformieren.

Es ist die dunkelste Zeit im Jahr. Die Tage sind so kurz und die Nächte so lang und tief, wie sonst nie. Es ist die Zeit der Kälte, die Zeit der Finsternis und die Zeit des Todes. Der Frost hat alles Leben unter sich begraben. Wir befinden uns im Winter; im Norden des Lebens.

Die Adventszeit fordert uns auf, inmitten dieser Dunkelheit und Trostlosigkeit auszuharren; diesen Schwellenraum außerhalb unserer Wohlfühlzone nicht zu verlassen oder „weg machen“ zu müssen. Es ist dieselbe Aufforderung, die bei den alten Initiationsriten an den Initianten gestellt wurde: „Stell Dich der Finsternis. Halte die Finsternis aus. Und das, ohne dass Du weißt, ob diese Finsternis je ein Ende nehmen wird.“ Auch in jeder Heldenreise kommt die Zeit, in der der Held in irgendeiner Weise durch das „dunkle Tal“ wandern muss, ohne zu wissen, ob er aus diesem jemals wieder herauskommen wird.

Aber der Winter ist auch die Zeit, in der unter der Eisschicht das heranreift, was im Frühling mal hervorbrechen wird. Daher fordert uns die Adventszeit inmitten dieser Finsternis auch auf, zu erwarten, dass das Licht geboren wird.

Und zu Weihnachten, in der längsten und tiefsten Nacht des Jahres, wird dann das, was wir noch nicht sehen können, geschehen: Das kleine Kind wird geboren werden: Jesus Christus, der später in der Bibel „Das Licht der Welt“ und „Der Morgenstern“ genannt werden wird. Der Morgenstern ist der Stern, der am Himmel erscheint, kurz bevor der neue Tag anbricht. Der, der verkündet, dass die Dunkelheit ein Ende hat, und dass das Licht kommt. In der antiken Mythologie war dieser Morgenstern einst Luzifer, der Lichtbringer.

Daher ist die Aufgabe des Advents zweierlei: Zum einen fordert er uns auf, die Dunkelheit auszuhalten. Zum anderen richtet er unseren Blick aus auf die Geburt des Lichtes. Diese Geburt kann aber erst stattfinden, wenn die Nacht am tiefsten ist.

Ich glaube, dass unserer Gesellschaft die Fähigkeit, Dunkelheit zu ertragen, Finsternis auszuhalten, weitestgehend verloren gegangen ist. Wir haben eine Ideologie, die die egomanen subjektiven Bedürfnisse des Individuums über alles stellt. Ein Gesellschaftssystem, das auf Schmerzvermeidung und Sicherheit ausgelegt ist. Zumindest für die, die es sich leisten können. Und ein Wirtschaftssystem, das uns einredet, dass wir jedes Bedürfnis sofort befriedigen, jeden Mangel augenblicklich ausfüllen dürfen und müssen. „Ich will – alles – und das sofort!“

Und so verwundert es nicht, dass immer mehr Menschen alles tun, um die Finsternis des Winters zu vermeiden. Wenn es zu unangenehm wird, suchen wir uns flüchtige Befriedigung, flüchtige Ablenkung, flüchtiges Glücksgefühl. Dann greifen wir zu den Weihnachtssüßigkeiten – die es ja schon seit September zu kaufen gibt – kippen uns Glühwein hinter die Binden, schmücken unsere Häuser und Wohnungen mit hellen und bunten Lichtern und hören kitschige, inhaltslose Weihnachtsmusik. Viel Aufwand, nur um die dunkle Jahreszeit, die uns mit unserem Tod und unserer Endlichkeit konfrontiert, nicht wahrnehmen zu müssen.

Advent und Weihnachten sind mittlerweile oftmals nicht viel mehr als der hohle und belanglose Abklatsch einer idealisierten Heilen Welt. Die kitschige Weihnachtsromantik unserer Gesellschaft verkommt mehr und mehr zu einer Flucht vor der Realität, als dass sie uns noch mit unseren ureigensten Lebensthemen in Berührung kommen ließe.

Es ist ein Gesetz der Psychologie, dass alles, was man verdrängt, weil man es nicht erträgt, in viel mächtigerer und destruktiverer Weise an anderer Stelle wieder hervorbrechen wird. Wenn ich das bedenke, dann stelle ich mir die Frage, was für Aussichten eine Gesellschaft hat, die alles, was mit Tod, Finsternis und Endlichkeit zu tun hat, verdrängt?

Und was muss geschehen, damit eine Gesellschaft sich der archetypischen und transformierenden Botschaft der Advents- und Weihnachtszeit wieder bewusst wird?