Die Sehnsucht der männlichen Seele

WIE ALLES BEGANN…

Im Dezember des letzten Jahres hatte mein Blog seinen 1-jährigen Geburtstag. Rechtzeitig dazu war er von insgesamt 46 Ländern aus 10000 Mal aufgerufen worden. Eine Marke, von der ich nie zu träumen gewagt hätte, sie nach so kurzer Zeit schon zu reißen.

Ich weiß noch, wie ich mit meinem Freund und Weggefährten Jörg am 1. Januar 2014 bei sternenklarer Nacht am Lagerfeuer bei Zigarre und Whisky zusammensaß und er von seinen Erfahrungen mit seinem Blog (http://www.schoepfungsspiritualitaet.de/) erzählte. Schon länger ging ich mit der Idee schwanger, eventuell auch mit dem Bloggen anzufangen. An diesem Abend fasste ich den Entschluss: „Ja, ich werde Blogger!“

Von da an dauerte es fast ein ganzes Jahr bis zu meinem ersten Artikel. Zunächst galt es zu recherchieren, was man alles zu bedenken hat und in welche Fallen man tapsen kann. Dann musste ich mir klar darüber werden, wie mein Blog heißen und wie er optisch aufgemacht sein soll. Schließlich begann ein schier endloses „Trial an Error“.

Doch wozu das alles? Wovon soll mein Blog erzählen? Für diese Frage muss ich etwas weiter ausholen…

SCHMERZHAFTE ERFAHRUNG

Vielleicht begann alles mit meinen Fragen nach „männlicher Spiritualität“. Welche spirituellen Bilder sind stark genug, um von der Sehnsucht der männlichen Seele zu erzählen und dem Mann Zugang zu seiner inneren Welt zu ermöglichen? Welche spirituellen Formen haben die Kraft, den Mann von innen heraus zu transformieren und sowohl seine liebevoll-zärtliche als auch seine archaisch-kriegerische Seite zu integrieren? Wie kann ein Mann Zugang zu seiner innersten kraftvollen Männlichkeit erhalten, ohne diese Kraft missbrauchen zu müssen?

Fragen, denen ich mich hatte stellen müssen. Denn auf sehr bittere und schmerzhafte Weise hatte ich lernen müssen, dass ein dogmatisch verstandener Glaube mit einem dualistischen Weltbild – das alles in Gut und Böse, Richtig und Falsch einteilt – das tiefste Sehnen der männlichen Seele nach authentischer und kraftvoller Spiritualität nicht zu stillen vermag. Es war eine Phase der Orientierungslosigkeit und es war eine Phase der Angst, die mein Leben zutiefst verunsicherte. Und in Frage stellte.

Doch in dieser Krise geschahen zwei Dinge: Zum Einen kam ich mit Literatur des Franziskaner-Paters Richard Rohr in Berührung. Zum Anderen begann ich, mich mit freimaurerischer Symbolik auseinanderzusetzen. Zwei Dinge, die weite Kreise ziehen sollten…

PATRIARCHAT UND FEMINISMUS

Seit den 70er-Jahren geht Richard Rohr genau dieser Frage nach authentischer und transformierender männlicher Spiritualität nach. Hierbei machte er die Beobachtung, dass Jahrhunderte des Patriarchats einen großen Verlierer hervorgebracht haben: Nämlich den Mann. Denn irgendwo im tagtäglichen Wettstreit um Macht, Geld, Sex und Prestige verschüttete bei den allermeisten Männern der Zugang zu ihrer inneren Welt. Die Leere, die zurückblieb überkompensierte „Mann“ mit dem äußeren Zur-Schau-Stellen von Status, Potenz und Stärke.

Auch der Feminismus – so notwendig und segensreich er auch ist – vermochte den Männern diesen Zugang nicht wieder freizulegen. Der Feminismus konnte zwar kranke männliche Strukturen benennen, in Frage stellen und zum Teil auch aufbrechen. Den Weg zu einer gesunden Männlichkeit kann er den Männern aber nicht abnehmen.

ARCHAISCHE INITIATIONSRITEN

Richard Rohr stellte bei seinen Nachforschungen fest, dass alle archaische Kulturen über Einweihungsriten für ihre (jungen) Männer verfügten. Initiationsriten. Doch interessanter war seine Feststellung, das diese Riten sich sowohl in ihren inhaltlichen Aussagen, als auch in ihren rituellen Ausgestaltungen erstaunlich glichen. Und das, obwohl sie zum Teil von ganz unterschiedlichen Kulturen auf ganz unterschiedlichen Kontinenten praktiziert wurden.

In all diesen Riten ging es darum, das Ego des jungen Mannes in seinen Grundfesten zu erschüttern. Ihn mit seinem eigenen Schatten, seiner Schwachheit und seiner Irrelevanz zu konfrontieren. Der Initiant durchlief rituell den Kreislauf des Werden und Vergehen allen Lebens. Er wurde verwundet und starb einen grausamen Tod. Der Mann, der auferstand, hatte eine Weihe erlebt. In etwas, das viel größer, weiter und allumfassender war, als sein ständig um sich selbst kreisendes Ego es je sein könnte. Nicht selten kehrte der junge Mann aus der Tiefe dieses Rituals mit einem neuen – seinem ureigensten – Namen zurück. Diese Erfahrung hatte das Potential, der Anfang der ganz persönlichen Heldenreise des Mannes zu werden.

VERLORENES ERBE

Weiter fiel Richard Rohr auf, dass in der westlichen Welt das Erbe dieser Männerinitiation verlorengegangen ist. Rudimentäre Überbleibsel finden sich vielleicht noch in der Idee der kirchlichen Taufe und Konfirmation bzw. in Taufe und Firmung.

Und das in einer Zeit, in der der Gedanke der Männerinitiation wohl aktueller ist denn je. Denn verfügt eine Gesellschaft über keine Übergangsriten mehr, die ihre Männer aus dem Gefängnis ihres egodominierten Falschen Selbst herausführen, bleiben viel zu viele innerlich trauernde und verängstigte Männer zurück. Da Männer aber oftmals schwer Zugang zu vermeintlich schwachen Gefühlen wie der Trauer oder Angst bekommen, manifestieren sich diese Emotionen viel zu oft als Wut. Richard Rohr prägte hierfür den Begriff des „Angry Young Man“. Angry Young Men – Treffender kann man posende Gangmitglieder, marschierende Neonazis, religiöse Selbstmordattentäter oder randalierende Punks wohl nicht beschreiben. Doch die Gewalt dieser (jungen) Männer ist tief in Angst und Trauer verwurzelt. Angst und Trauer, zu der sie selbst keinen Zugang mehr finden.

Also verglich Richard Rohr die unterschiedlichen Initiationsriten der verschiedenen Zeiten und Kulturen miteinander und extrahierte deren Gemeinsamkeiten. Hieraus entwickelte er einen Initiationsritus, der das alte Wissen bewahrt. Der aber ebenso den Mann des 21. Jahrhundert dort abholt, wo er steht.

Vor einigen Jahren durchlief ich diesen Ritus. Es war ein einschneidendes spirituelles Erlebnis. Es hat mich zutiefst berührt. Und meinen weiteren spirituellen Weg entscheidend geprägt. Sei es durch das Erleben des Verbunden-Seins mit allem, wie ich es bis dahin nicht gekannt hatte. Sei es durch die inneren Themen, die ich mit auf den Weg bekommen habe. Vielleicht sogar durch ein neues Bewusstsein für das Leben, in das ich eingetaucht bin.

WESEN DES FREIMAURERTUMS

Parallel dazu tauchte ich in die Welt des Freimaurertums ein. Irgendwie übte diese Bruderschaft eine seltsame Faszination auf mich aus. Und so las ich Buch um Buch zu diesem Thema. Vom abstrusesten Verschwörungsschinken bis hin zum trockensten wissenschaftlichen Schinken. Stetig davon angetrieben, unbedingt verstehen zu wollen, was das Wesen dieser Bruderschaft ausmacht. Ich merkte, wie ich mich für die Welt des Freimaurertums öffnete. Und wie ich innerlichen Zugang zu dieser Welt bekam.

Allerdings begriff ich erst durch die Literatur von Richard Rohr, dass ein wesentlicher Teil dessen, was das Wesen des Freimaurertums ausmacht, ein alter, überlieferter Initiationsritus ist. Diese Bruderschaft hat in ihrem Kern den Gedanken der Männerinitiation durch die Jahrhunderte hindurch bewahrt. Allerdings benutzt das Freimaurertum kaum noch archaische Bilder und Symbole, um dies auszudrücken. Sondern Bilder und Symbole, die den Dombauhütten und den Steinmetzbruderschaften des Mittelalters entlehnt sind.

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Doch wie kam es dazu, dass sich im Laufe der Geschichte diese beiden Linien – die der Inititiation und die der Steinmetze – im Freimaurertum kreuzten? Witzigerweise war es wieder Richard Rohr, der mir das fehlende Puzzleteil zu dieser Frage lieferte. In seinem Buch „Adams Wiederkehr“ beschreibt er fast schon beiläufig ein altes Ritual, das der Mönchsorden der Benediktiner in den ersten Jahrhunderten seines Bestehens praktiziert hat: Zur Feier des Gelöbnisses lag der Kandidat in ein Leichentuch gehüllt vor dem Altar, während um ihn herum Kerzen standen, die entzündet waren und Requiem gesungen wurden. Das Bild einer Beerdigung. Im Laufe der Zeremonie erstand der Kandidat aus diesem Grab auf und wurde in den Orden aufgenommen. Das alte initiantische Bild von Tod und Auferstehung. Richard Rohr erklärte dies damit, dass der Benediktiner-Orden, der einzige Mönchsorden ist, der auf Grund seines Alters noch mit archaischen Intitiationsriten in Berührung gekommen ist.

Und plötzlich setzte sich das Puzzle für mich zusammen. Denn die Benediktiner waren auch einer der Mönchsorden, die in der Zeit der Vorromanik mit dem Bau von Klosteranlagen – insbesondere der Klosterkirchen – begangen. In der Romanik entwickelten sich die „bauenden“ Mönche zu „reisenden“ Mönchen. Diese reisten von Klosterbaustelle zu Klosterbaustelle, um Klosterkirchen zu errichten. Hieraus wiederum gingen die Bauhütten und Steinmetzbruderschaften, die im Mittelalter die gotischen Sakralbauten erschufen, hervor. Diese aber existierten und wirkten mittlerweile organisatorisch unabhängig von den Mönchsorden. Bis zu der Zeit der Aufklärung wiederum entwickelte sich aus ihnen das spekulative Freimaurertum.

Der Mönchsorden der Benediktiner scheint also der Knotenpunkt zu sein, an dem sich der Gedanke der Männerinitiation mit dem Kirchenbauhandwerk verband. Als ich das begriffen hatte, fasste ich den Entschluss, an die Tore des Tempels der Bruderschaft der Freimaurer zu klopfen und um Einlass zu bitten.

WARUM NUN DIESER BLOG?

Ich glaube, es ist etwas ganz besonderes an unserer Zeit, dass Männer mit ganz unterschiedlichen spirituellen Hintergründen und Geschichten wieder beginnen, das alte Erbe der Initiation zu entdecken. Der Ritus nach Richard Rohr ist nur ein Beispiel dafür. Ich habe viele aufrichtige Männer kennenlernen dürfen, die sich wieder auf ihre ganz eigenen Heldenreisen begeben haben. Die sich ihren dunklen Seiten gestellt haben. Die in Demut die archaische Kraft und die Zerbrechlichkeit ihres Mann-Seins angenommen haben. Zentral in den Biographien dieser Männer war das Durchlaufen eines Initiationsritus.

Und dann ist da seit jeher diese alte Bruderschaft der Freimaurer inmitten der Gesellschaft, die das Erbe der Initiation seit einer so langen Zeit bewahrt. Und deren Wurzeln sich Jahrhunderte, vielleicht sogar Jahrtausende zurückverfolgen lassen.

Meine Erfahrung ist allerdings, dass das Freimaurertum für manch spirituell aufrichtig suchenden Mann bisweilen abschreckend daherkommt. So wirken die Grade, die ein Freimaurer durchläuft, oftmals hierarchisch. Und auch die äußeren Formen erwecken nicht selten einen elitären und starren Eindruck.

Trotzdem glaube ich, dass diese beiden so unterschiedlichen Traditionen der Männerinitiation sich gegenseitig ergänzen und bereichern können. Setzen sie doch bei denselben Fragen an, die sich die männliche Seele seit jeher stellt. Und geben Sie auf diese Fragen – bei näherer Betrachtung – doch auch ganz ähnliche Antworten. Und genau das ist es, wovon ich auf diesem Blog erzählen möchte…

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7 Gedanken zu “Die Sehnsucht der männlichen Seele

  1. Pingback: Neuland | hagenunterwegs

  2. Hallo Hagen, ich bin ja selber ein Anonymer Alkoholiker und auf dem spirituellen Weg. Dein Blog gefällt mir sehr gut. Ich habe schon früher mal oberflächlich über Freimaurer gelesen, auch war ich mal bei einen Informationsabend der Rosenkreuzer. Ich habe das Thema aber dann nie weiter verfolgt. Zur Zeit habe ich primär Interesse an christlicher Spiritualität. Richard Rohr, Thomas Keating, Thomas Merton und einige andere sind mir Begriffe. Ich habe meinen Sponsor bei den AA die Tage mal angesprochen auf das Thema Freimaurer, er würde mir mal Informationen dazu mitteilen. Ob das was für mich ist? Keine Ahnung! Ich werde es sehen. Und Deinen Blog dazu durchforsten! *Sven

    Gefällt 1 Person

    • Hey Sven!

      Vielen Dank für Deine lieben Feadbacks auf meine Blog-Artikel. Es bedeutet mir viel, dass meine Gedanken Dich berühren. Für mich kann es kein größeres Kompliment auf meinen Blog geben! Auch ich habe die letzte Zeit ein wenig auf Deinem Blog gestöbert. Auch ich finde Deinen Blog sehr bereichernd. Aus familiären Gründen komme ich aber leider erst jetzt dazu, Dir zu schreiben.

      Ich finde Deinen Blog deshalb so bereichernd, weil ich selber auch Anknüpfungspunkte zu den Anonymen Alkoholikern habe bzw. hatte: Mein Onkel war Jahre bzw. Jahrzehnte lang Alkoholiker. Dann wurde er clean. Auch er ging zu den Anonymen Alkoholikern (AA). Auch er brachte sein Leben an Hand des 12-Schritte-Programmes wieder in Ordnung. In der Zeit, in der er clean war, baute ich eine ganz tiefe Beziehung zu ihm auf. Wir hatten auf Grund meines spirituellen Weges ganz viele Überschneidungspunkte und gemeinsame Themen. Er schenkte mir Literatur zu den 12-Schritten. Und ich war angetan von der spirituellen Tiefe, die aus diesem Programm spricht. Schließlich begleitete ich meinen Onkel auch zu offenen Treffen von AA bzw. von Narcotics Anonymus (NA). Ich war zutiefst bewegt von der ungeschminkten und dreckigen Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, mit der sich die Teilnehmer dort begegneten.

      Leider traute sich mein Onkel nach einigen Jahren des Trocken-Seins beruflich zu viel zu, was dazu führte, dass er wieder rückfällig wurde. Innerhalb weniger Tage soff und kokste er sich in den Tod. Noch nie fügte mir der Tod eines Menschen solche Schmerzen zu. Noch Jahre später weinte ich in meinen Träumen ganz bitterlich, wenn er mir dort begegnete. Ein Teil dieses Schmerzes durchzog mich innerlich, als ich auf Deinem Blog las. Und auch jetzt, während ich Dir diese Worte schreibe.

      Damit Du das, was ich hier auf meinem Blog zum Freimaurertum schreibe, besser einordnen kannst, sollte ich wohl noch ein, zwei Dinge zu mir scheiben. Ich gehöre dem christlichen Freimaurerorden (Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland – http://www.freimaurerorden.de/) an. Dieser nimmt ganz bewusst Bezug auf die Lehre Jesu Christi und weist neben der Symbolik des Bauhandwerks auch starke Bezüge zur christlichen Mystik und der Idee des christlichen Ritterordens auf. Die Ordensfreimaurer sind deutschlandweit mit ca. 3500 (von insgesamt ca. 15000 Freimaurern) zwar die zweitgrößte Richtung, dennoch aber eher in der Minderheit.

      Und auch innerhalb dieses Freimaurerordens habe ich nochmal einen explizit christlich-mystischeren Zugang zu den Symbolen und Ritualen, als ich es bei den meisten erlebe. In der Regel sind Freimaurer eher humanistischer, diesseitiger und aufklärerischer geprägt als ich es bin. Keiner der verschiedenen Zugänge zum Freimaurertum ist besser oder schlechter als der andere. Sie alle haben ihre Berechtigung und ihren Wert. Du musst Dir aber nur im Klaren darüber sein, dass das, was Du auf meinem Blog liest, nicht so etwas wie DER freimaurerische Mainstream darstellt. Es ist eher eine Nische, die ich besetze. Ich kenne einige Brüder, die denselben Zugang zum Freimaurertum haben. Aber das sind eher wenige.

      Ich schreibe Dir das nur, damit Du nicht von falschen Voraussetzungen ausgehst, wenn Du für Dich prüfst, ob Du Freimaurer werden möchtest. Wenn Du magst, begleite ich Dich gerne bei dieser Frage, ob das Freimaurertum etwas für Dich ist oder nicht. Wir können das entweder hier öffentlich im Rahmen dieser Blog-Diskussion machen, wie wir es jetzt ja auch schon begonnen haben (wäre bestimmt nicht uninteressant für andere Leser) oder im persönlichen Rahmen per E-Mail (hagen_unterwegs@gmx.net). Beides wäre okay für mich. So aus dem Bauch heraus fielen mir sowohl Gründe ein, die dafür sprächen, dass Du Freimaurer wirst, als auch Gründe, die dagegen sprächen. Aber wie gesagt, wenn Du magst, steigen wir da gerne tiefer ein.

      So denn. Ich will Dich jetzt erstmal nicht unnötig weiter zuquatschen und freue mich auf Deine Antwort. Gesegneten Gruß!

      Hagen

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  3. Hallo Hagen, vielen Dank für Deine ausführliche Antwort. Und es tut mir Leid, daß Dein Onkel an seiner Krankheit verstorben ist. Wieder eine Warnung für mich, daß ich gegenüber Alkohol machtlos bin. Trotzdem bin ich dankbar dafür, ein trockener Alkoholiker zu sein. Ich habe einen Weg gefunden, Spiritualität in mein Leben einzubringen, der über das Meditieren auf dem Sitzkissen hinaus geht. Ob die Freimaurer etwas für mich sind, weiß ich nicht. Mein Sponsor bei den AA kennt sich aber etwas aus, ich habe ihn schon mal darauf angesprochen. Für mich sind die AA aber meine Basis. Ich will nicht auf sie verzichten. Ich habe keine Ahnung wie Freimaurer ticken. Wie groß ist die Rolle, die Spiritualität spielt? Vermutlich ist das bei vielen Freimaurern unterschiedlich. Auch bei den AA gibt es ja die unterschiedlichsten Einstellung zu Dingen wie einer höheren Macht/Gott. Und das schätze ich auch, ich mag eine Meinungspluralität lieber als engstirniges Dogma. Aber evtl. teil der Freimaurer ohne die christliche Mystik zu sein wäre nicht anziehend für mich. Genau die christliche Mystik wäre der Grund, mich für die Freimaurer zu interessieren. Was wären denn Freimaurer ohne christliche Mystik? Bzw. was bleibt dann noch übrig?
    Sven

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    • Lieber Sven!

      Ich fange mal mit Deiner letzten Frage an: Ein Freimaurertum ohne christliche Mystik ist mit seinem Schwerpunkt auf’s Diesseits ausgerichtet und in der Hauptsache humanistisch geprägt. Mit den essentiellen Themen wird sich hier auf einer eher ganzheitlich philosophischen Weise auseinandergesetzt. Ein Schwerpunkt bildet die Arbeit an sich selbst mit dem Ziel eines ethisch-moralischen Lebenswandels.

      Wie gesagt, der überwiegende Teil der in Deutschland praktizierenden Freimaurer lebt und versteht sein Freimaurer-Sein in genau dieser Weise. Dieses weitgehend „unmystische“ Verständnis des Freimaurer-Seins ist nicht besser oder schlechter als das christlich-mystische. Es wäre mir persönlich halt einfach nur nicht genug.

      Und auch bei den Freimaurern, die die christlich-mystische Herangehensweise gewählt haben, ist dieser mystische Anspruch ganz unterschiedlich ausgeprägt. Ich kenne Brüder, deren gesamte Lebensführung mystisch spirituell ausgerichtet ist. Und ich kenne Brüder, bei denen es eher so nebenherläuft.

      Wahrscheinlich gibt es so viele Arten, das Freimaurertum zu leben, wie es Freimaurer gibt. Diese unterschiedlichen Herangehensweisen ans Freimaurertum sehe ich aber als die praktische Möglichkeit, Toleranz dem Anderen gegenüber zu lernen.

      So wie ich das bei meinem Onkel erlebt habe, scheint es mir auch sinnvoll, dass Du zuallererst bei den Anonymen Alkoholikern (AA) verwurzelt bist und auch bleibst. Sozusagen als Fundament für alles andere. Es war einer der Fehler meines Onkels, die zu seinem Rückfall führten, dass er dieses Fundament irgendwann verließ. Und einen Rückfall in den Alkoholismus ist auch das Freimaurertum nicht wert!

      Es gibt bei uns in der Loge die ganz klare Rangfolge: Erst kommt die Familie, dann der Beruf und dann erst das Freimaurertum. Dementsprechend hat meiner Ansicht nach auch bei einem trockenen Alkoholiker der Besuch der AA-Gruppen immer Vorrang vor der Loge zu haben. Bringt eine Loge dafür kein Verständnis auf, dann ist sie nicht der richtige Ort für Dich.

      Trotzdem ist die Mitgliedschaft in einer Freimaurerloge natürlich auch nichts Unverbindliches. Es wird von einem schon erwartet, dass man – soweit einem dies zeitlich möglich ist – am Logenleben teilnimmt. Das sind in erster Linie natürlich die rituellen Tempelarbeiten. Im 1. Grad – dem Johannislehrlingsgrad – ist dies etwa eine Tempelarbeit im Monat. Bis zum 3. Grad – dem Johannismeistergrad – sind dies dann im Schnitt knapp zwei Tempelarbeiten im Monat.

      Was Du auf jeden Fall im Freimaurertum finden würdest sind Meinungspluralität und Dogmenfreiheit. Beides hat das Freimaurertum sich seit jeher groß auf die Fahnen geschrieben. Auch wenn es in der praktischen Umsetzung bisweilen auch ein wenig menschelt…

      So wie ich die Spiritualität von AA kennengelernt habe, glaube ich, dass diese und das christlich-mystische Freimaurertum sich gegenseitig mehr als gut ergänzen und bereichern können. Aber unterschätze nicht den Weg dorthin. Denn als Freimaurer wirst Du zunächst in eine ganz neue und fremdartige (Symbol-) Welt eingeführt, die es erstmal zu durchdringen gilt. Und es dauert eine ganze Weile, bis man sich diese soweit erschlossen hat, dass man sie ins Verhältnis zu anderen „Systemen“ (wie z.B. AA) setzen kann. Das erfordert Zeit, die man bereit sein muss, zu investieren.

      Ich persönlich finde, dass ein trockener Alkoholiker jede Freimaurerloge – auf Grund der Tiefe und der Aufrichtigkeit, die er durch seine Lebensgeschichte mitbringt – unbedingt bereichern würde!

      Soweit erstmal für dieses Mal. Ich freue mich auf Deine Antwort. LG!

      Hagen

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  4. Hallo Hagen, wieder vielen Dank für Deine ausführliche Antwort! Ja, meine Trockenheit und die Genesung (die Anonymen Alkoholiker unterscheiden das) ist bei mir an erster Stelle.
    Die A.A. sollen auch mein Fundament bleiben. Ich glaube zwar nicht, daß ich rückfallgefährdet bin (aber natürlich weiß ich das nicht mit Sicherheit), aber die A.A. sind meine spirituelle Basis auf der ich mein Leben aufbaue.
    Die A.A. haben ja viele Einflüsse wie auch C. G. Jung (Thema Heldenreise) sowie auch die sog. Oxford Group, die eine christliche Organisation war. Meinungspluralität und Toleranz anderen gegenüber wir auch bei den A.A. praktiziert, ebenso wie Dogmenfreiheit.
    Das ist mir alles sehr wichtig. Ich kann mich auch nicht vierteilen. D.h. ich gehe mehrere Male die Woche zu den A.A. und zwar, weil ich es gerne tue. Nicht weil ich muß oder soll. Inwiefern das dortige Engagement mit einer Aktivität bei den Freimaurern zu verbinden ist, muß ich herausfinden.

    Mich interessiert es nicht in einem exklusivem Club Mitglied zu sein, dann könnte ich auch in die üblichen, elitären Vereine gehen. Nein, mich interessiert persönliche Entwicklung und Brüderlichkeit.

    Ich halte Dich auf dem Laufenden!

    S

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