Geschockt.

Sprengsätze explodierten. Gefüllt mit Metallsplittern. Direkt neben dem Bus. Dem Bus voller „Wahrer Liebe“ und „Schwarz-Gelber-Leidenschaft“. Glas zerbarst. Knochen splitterten. Danach: Blut. Blaulicht. Betroffene Gesichter. Mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizisten. Traumatisierte Opfer. Wie so oft in den letzten Wochen, Monaten und Jahren. Trotzige Statements der Solidarität. Aufgeregt hingehaltene Mikrofone. Und die allgegenwärtige Frage nach dem „Warum“.

Es war Ende der 80er Jahre, als die Schwarz-Gelben von Borussia Dortmund anfingen, sich in mein Herz zu spielen. Und seither erlebten wir gemeinsam Momente unendlicher Freude und Momente abgrundtiefer Trauer. Flüchtige Momente zugegebenermaßen. Aber Momente, die mein Herz fest an diesen Verein gekettet haben. Ketten, denen ich mich nur zu gerne ergebe.

Umso mehr traf es mich, als ich die Bilder dieses feigen Angriffs auf den Spielerbus von Borussia Dortmund über die Bildschirme flimmern sah. Meine Helden, die Spieltag für Spieltag auf dem Feld der Ehre den immer gleichen Kampf aufs neue Annehmen, das Ziel irgendwelcher Terroristen. „Traurig.“, „Geschockt.“ – Mehr brachte ich gestern Abend über Twitter nicht raus. Die Begegnung zwischen meinem BVB und dem AS Monaco wurde zunächst abgesagt und schließlich auf den Folgetag verschoben. Und als ich heute morgen auf den Titelseiten der Tageszeitungen die Bilder des beschädigten Mannschaftsbusses sah, riss es mir tiefe Furchen ins Herz.

Ich gebe zu, dass mich die Nachrichten von irgendwelchen Terrorakten zunehmend weniger berührt hatten. Es war, als stumpfe mit jedem Anschlag etwas in mir weiter ab. Ich erinnere mich noch allzu gut an die Trauer, die Ohnmacht und die Wut nach „Charlie Hebdo“ oder nach den Anschlägen in Paris, als unsere Fußballnationalmannschaft dort ein Freundschaftsspiel gegen Frankreich absolvierte. Den jüngsten Anschlag in Schweden hingegen nahm nur noch resigniert und eher nebenbei zur Kenntnis.

Und dann ist da ja auch noch die Sache mit der Saat und der Ernte. Nichts, rein gar nichts rechtfertigt solch abscheuliche Gewalt, wie sie islamistische Extremisten mittlerweile seit vielen Jahren über Europa bringen. Und doch erntet die westliche Welt mit diesem Terrorismus lediglich das, was sie in Jahrhunderten des Kolonialismus, des Imperialismus und des Kapitalismus selbst ausgesät hat.

Vielleicht haben die Menschen Recht, die behaupten, dass wir in dunklen Zeiten leben. Denn es gibt keine Bewegung ohne Gegenbewegung. Und mit jedem mordenden Islamisten erstarken die Rechten. Schon sind rechte Parolen wieder salonfähig. Schon ziehen die Rechten wieder in die Parlamente ein. Schon marschieren die Rechten wieder auf unseren Straßen. Der rechte Kampf um die Köpfe, die Straßen und die Parlamente wirkt plötzlich gar nicht mehr so ausweglos. Unsere Gesellschaft fällt zurück … in stumpfe Auge-um-Auge-Reflexe. Und genau dies ist das Gefährlichste, was der Terrorismus mit sich führt.

Und doch bin ich immer wieder aufs Neue überrascht, was für kraftvolle Reaktionen solch abscheuliche und widerwärtige Taten hervorrufen können. Nach „Charlie Hebdo“ sah ich das erste Mal, dass europäische Moslems ganz vorne mitmarschierten – gegen islamistischen Terrorismus und für Toleranz! Welch großartiges Zeichen der Solidarität! Auch, wenn es längst überfällig gewesen war.

Und gestern, kurz nach dem Anschlag, tauchte auf Twitter der Hashtag „#BedForAwayFans“ auf. Fans von Borussia Dortmund luden Fans des AS Monaco, die Aufgrund der Spielverlegung eine Nacht ohne Obdach gewesen wären, ein, bei ihnen zu übernachten. Bilder von Dortmund- und Monaco-Fans, die gemeinsam essen, trinken oder die Schals der jeweils anderen Mannschaft schwingen, wurden auf Twitter geteilt und geliked. Deutsche und Franzosen, Christen und Moslems. Was für eine zärtliche Geste! „Das ist Fußball!“, twitterte der AS Monaco auf Deutsch. „You’ll never walk alone!“, war an diesem Abend nicht nur eine biergeschwängerte Fanhymne … sondern Realität.

Als ich das alles mitbekam, musste ich schlucken. Ich spürte diesen übergroßen Kloß in meinem Hals und kämpfte mit der einen oder anderen Träne. Gefühlte Ewigkeiten standen mir diese Bilder vor Augen. Etwas so wundervolles habe ich im Fußball noch nie erleben dürfen.

Irgendwo in der Bibel las ich mal den sinngemäßen Satz: „Wo die Finsternis mächtig ist, ist das Licht umso mächtiger.“ Ich glaube, dass das stimmt…

Advertisements

7 Gedanken zu “Geschockt.

  1. Für Nicht-Fußball-Fans schwer nachvollziehbar – Ich bin ja immer noch der Meinung, bei den Gehältern könnten die sich jeder einen eigenen Ball leisten, dann hätte das Gerenne ein Ende 😆

    Sorry, ja, im Ernst kann ich das schon nachvollziehen, was du sagen willst… und es bestärkt mich wieder darin, heraus zu kommen ais der Dualität… das kann doch nicht das Ende der Fahnenstange sein, dass wir immer erst Finsternis brauchen um zum Licht zu kommen… denn so funktioniert der Mensch im allgemeinen ja wirklich… lernen durch leiden… Wachstums-Schmerzen….

    Licht aus Licht…
    Liebe aus Liebe, nicht aus Mangel, nicht aus haben wollen
    Geben, nicht um zu nehmen…
    Die nächste Stufe der Evolution?
    Alles ist möglich dem, der da glaubt.

    Alles Liebe ❤

    Gefällt 2 Personen

  2. Den islamischen Terror als Konsequenz aus Imperialismus und Kolonialismus, sozusagen als gerechte Strafe zu sehen, erscheint mir doch etwas vereinfachend. Die heutigen rechten Strömungen per se zu verteufeln, dafür aber schön sauber zwischen Islam und Islamismus zu trennen, entspricht der gängigen Medienpropaganda, der ich zumindest schon lange keinen Glauben mehr schenke und die nur dazu dient, uns ruhig zu halten, genau wie die schnelle Rückkehr zur Banalität nach solchen Attentaten. Ist der Berliner Anschlag nicht schon fast vergessen?

    Gefällt 1 Person

  3. Liebe Mamiwata!

    Ich sehe islamistischen Terror nicht als „gerechte Strafe“ für Imperialismus und Kolonialismus. Ich sehe es einfach nur als „Saat und Ernte“. Die westliche Welt hat Bodenschätze geplündert, Kulturen zerstört, willkürlich Landesgrenzen gezogen, Kriege geschürt, Despoten eingesetzt und islamistische Gruppierungen unterstützt. Ein Teil unseres Wohlstands ist mit dem Blut Afrikas und Arabiens aufgebaut worden. Flüchtlingskrise und islamistischer Terror sind eine Frucht unseres Verhaltens.

    Das rechtfertigt islamistischen Terrorismus nicht und relativiert ihn auch nicht. Das, was islamistischer Terrorismus über Europa bringt ist abscheulich, menschenverachtend und einfach nur zum kotzen.

    Und das ändert auch nichts daran, dass die Ressourcen unseres Landes begrenzt sind, was die Aufnahmekapazitäten von Flüchtlingen angeht. Wenn unsere Sozialsysteme zusammenbrechen, weil wir es nicht schaffen, den Zuzug zu begrenzen und unberechtigte Asylsuchende umgehend wieder abzuschieben, ist niemandem geholfen. Darüber hinaus wird eine Integration der Flüchtlinge schwieriger, je mehr man von ihnen aufnimmt.

    Mich persönlich ärgert, dass es in diesem Land so wenig Menschen gibt, die in der Lage sind, dieses gesamte Problem von beiden Seiten zu betrachten. Es gibt zuviel Entweder-Oder-Argumentation; und zwar auf beiden Seiten des politischen Spektrums! Und zu wenig Sowohl-als-Auch.

    Und dann stelle ich fest, dass in diesem Land oft mit zweierlei Maß gemessen wird, wenn Gewalttaten begangen werden. Die, die tief betroffen und empört sind, wenn ein islamistischer Terroranschlag begangen wird, sind es oftmals nicht in demselben Maße, wenn ein Asylantenheim angezündet wird. Und umgekehrt ebenso. Da begießt sich keine Seite des politischen Spektrums mit Ruhm. Gewalt ist immer destruktiv und immer verabscheuungswürdig – egal von wem und warum sie angewendet wird.

    Du hast Recht, dass ich in meinem Artikel zu einseitig über die rechten Strömungen schreibe. Und dass ich diese in meinem Artikel stumpf über einen Kamm schere, stimmt auch. Die Kritik von Dir muss ich stehenlassen. Da werde ich einem komplexen Phänomen nicht gerecht.

    Allerdings war die Zielrichtung meines Artikels auch eine andere: Ich wollte über meine Wut und Trauer über den jüngsten Anschlag schreiben. Trotzdem wollte ich mit anklingen lassen, dass wir als Westen nicht viel besser sind. Und dass ein Abrutschen in ein Auge-um-Auge genau die falsche Reaktion ist.

    Dass ich zwischen „Islam“ und „Islamismus“ unterscheide hat nichts mit Medienpropaganda zu tun, sondern mit der Fähigkeit, zu differenzieren. Denn ebenso hat es jeder Christ verdient, ihn nicht mit einem Kreuzritter gleichzusetzen und jeder Deutscher, ihn nicht mit einem Nazi gleichzusetzen. Und vor allem haben es die Moslems verdient, die das Bild eines gewalttätigen und aggressiven Islam nicht teilen.

    Vielen Dank für Deine Kritik an meinem Text und Deine Gedanken dazu!

    Gesegneten Gruß!

    Hagen

    P.S.: Ich habe auch früher schon versucht, mich diesem Thema differenziert anzunähern. Kannst Du hier lesen: https://hagenunterwegs.wordpress.com/2015/08/30/wo-faschismus-beginnt/

    Gefällt 1 Person

    • Es gibt eben verschiedene Strömungen im Islam, so wie im Christentum auch. Zwischen der islamischen Mystik, wie sie Rumi vertritt und Ibn Abd al-Wahhab (dem Begründer des Wahhabismus) liegt ein himmelweiter Unterschied. Der Wahhabismus ist die theologische Auslegung des Islam, wie sie von Saudi Arabien vertreten wird. Diese Ideologie, die erst in der Mitte des 1700 entstanden ist (als Reaktion auf den westlichen Kolonialismus), bildet die Grundlage von Gruppierungen wie ISIS, Al-Qaeda und die Taliban. Die Salafisten, die auf deutschen Straßen Korane verteilen, berufen sich ebenfalls auf diese extreme Auslegung. Dieser Artikel informiert darüber:

      „Some of al-Wahhab’s first actions on attaining authority with the ruler of the town of al-Uyayna was to destroy a sacred tomb revered by locals. He also ordered that an adulteress be stoned to death, thus reintroducing a brutal practice which had fallen out of favor. These actions created enemies, and he eventually had to flee al-Uyayna. However, he ultimately found strong patronage with Muhammed Ibn Saud, a chief of desert raiders in Najd. Together they formed a pact which placed the chief as head of all political matters. Muhammad ibn Abd al-Wahhab, as head of theological matters, declared the rulers of Hijaz (the holy Land of Arabia) to be non-Muslims due to their more tolerant practice of Islam—and therefore worthy of attack and occupation. Thus the fundamentalist dynasty of the house of Saud eventually conquered most of the Arabian peninsula, and with the discovery of oil and the influx of wealth, attempted to project the Wahhabi ideology around the world.“
      http://bahaiteachings.org/origins-radical-islam-opposite

      Die Bahá’í-Religion ist etwa im selben Zeitraum, genauer gesagt im Jahr 1844 entstanden. Sie repräsentiert im Grunde eine friedliche, progressive, aufklärerische und mystische Auslegung des Islam (allerdings verstehen sich die Baha‘i als eine neue, selbstständige Weltreligion). Deutlich wird das beispielsweise in dem Werk „Die Sieben Täler“ oder „Die Vier Täler“, welche zu den zentralen mystisch-prophetischen Schriften ihres Gründes Bahá’u’lláh gehören. In seinen Werken bezieht er sich immer wieder auf die islamischen Súfí-Mystik, die archetypisch vom siebenstufigen mystische Pfad zum höchsten Bewusstsein und Vereinigung mit dem Unendlichen und Göttlichen sprechen.

      Das ist übrigens ein sehr lesenswertes Werk, welches ich Dir nur empfehlen kann. Hier kann es kostenlos gelesen werden: http://www.bahai.org/library/authoritative-texts/bahaullah/seven-valleys-four-valleys/seven-valleys-four-valleys.pdf?0e05daed bis heute werden die Baha‘i in ihrem Mutterland (dem Iran) verfolgt und eingesperrt. Das Gleiche gilt für reformistisch ausgerichtete islamische Strömungen wie die Ahmadiyya. Islamistische Fanatiker haben in Pakistan eine Moschee der Ahmadiyya angegriffen und zahllose Menschen dabei getötet. Sie töten jeden, auch Muslime, wenn sie sich ihrer extremen Auslegung widersetzen.

      Gefällt 1 Person

      • Lange Rede kurzer Sinn: „den“ Islam gibt es nicht. Es gibt verschiedene Strömungen und Auslegungen. Mit dem mystischen Islam habe ich keinerlei Probleme. Der islamische Fanatismus ist hingegen ein Krebsgeschwür. Die Heilung dafür sind m.E. mehr Bildung und soziale Gerechtigkeit. Der Westen muss auch seine Außenpolitik überdenken (vorsichtig gesprochen 😉 )

        Gefällt 1 Person

  4. Pingback: Warum eigentlich? | hagenunterwegs

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s