Erhabener Tempel

Wir traten aus dem großen, tiefen Wald heraus auf eine Lichtung. Der Frühling hatte die ersten zarten Blätter und Halme hervorgelockt, die den Boden der Lichtung in ein frisches und saftiges Grün kleideten. Durchsetzt von zahllosen weißen Blüten. Diese verliehen dem ganzen Bild etwas Märchenhaftes. Aus dem grün-weißen Meer erhoben sich einzelne, altehrwürdige Baumriesen. Deren würdevoll mächtigen Kronen wurden langsam vom Frühling wachgeküsst.

Kein von Menschenhand erbauter Tempel hätte jemals so wundervoll und erhaben sein können, wie der Tempel, in dem wir gerade standen. Mein Weggefährte nickte. Er verstand.

Die Situation erinnerte mich an einen Satz, der die Männerarbeit nach Richard Rohr prägt. Dieser besagt, dass der Menschheit zwei Bibeln gegeben sind: Bei der einen Bibel handelt es sich um das dicke, alte Buch, das die Lehre sowie die Geschichte des Christentums enthält. Bei der anderen Bibel handelt es sich um die die Natur um uns herum.

Hieraus spricht das Wissen, dass das Wesen Gottes, die spirituellen Gesetzmäßigkeiten dieser Welt sowie die Kreisläufe des Lebens vollständig offenbart sind in der Schöpfung.

Von Menschen erdachte Rituale – so der Franziskaner-Pater Richard Rohr folgerichtig – können immer nur so sinnvoll sein, wie es ihnen gelingt, diese Gesetzmäßigkeiten und Kreisläufe abzubilden und auszudrücken. Gute Rituale verweisen in letzter Konsequenz immer auf die Schöpfung. Folglich können Rituale auch nie so kraftvoll sein, wie die Natur es seit jeher aus sich heraus bereits ist.

Auf eine tiefe und intuitive Weise begannen wir diese Wahrheit zu erahnen, als wir auf die Lichtung traten und uns ihrer Pracht bewusst wurden. Wir verharrten noch eine ganze Weile. In Schweigen versunken. Und ließen zu, dass sich dieses wundervolle Bild tief in unsere Herzen einbrennt.

Irgendwann setzten wir unseren Weg fort. Achtsamen Schrittes. Durch diesen so erhabenen Tempel, der uns von allen Seiten umgab.

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10 Gedanken zu “Erhabener Tempel

  1. Sehr schöner Beitrag. Besonders angetan bin ich von der absolut stimmigen Feststellung, dass sich Schöpfung in zahllosen Kreisläufen vollzieht. Alles ist Kreislauf, im Himmel und auf Erden. Somit sind wir in unzählige Kreisläufe eingebunden. Die königliche Kunst besteht darin, dafür zu sorgen, dass unsere Kreise mit den Kreisen unserer Umwelt in Harmonie schwingen.

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  2. Ich sitze immer wieder gern mal auf einer Bank und lese in die NaturBibel: die Wolken am blauen Himmel. Verstehen tu ich die Botschaft nicht, doch sie begeistert mich immer wieder neu und ich weiß eigentlich nicht so recht warum, es iistt völlig sinn-frey, doch vielleicht gerade deshalb ???

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  3. Hallo Hagen,
    Du schreibst:
    „…,dass der Menschheit zwei Bibeln gegeben sind: Bei der einen Bibel handelt es sich um das dicke, alte Buch, das die Lehre sowie die Geschichte des Christentums enthält. Bei der anderen Bibel handelt es sich um die die Natur um uns herum.“
    Das bemerke ich auch immer wieder
    Ich selbst lese immer wieder gern in beiden Bibeln: In der einen sehe ich fixierte Zeichen schwarz auf weißem Papier, in der anderen hell-bis-dunkelgraue manchmal eingefärbte sich verändernde Zeichen am blauen Himmelszelt. Die ersteren erzeugen, sind sie als deutschsprachige Wörter geschrieben, manchmal „verrückte“ Vorstellungen in mir, die anderen sehe ich, verstehe sie aber nicht und sie beruhigen oder erregen mich, sind es dunkle Wolken aus denen Blitze zucken.
    Die Christen betonen und weißen immer wieder auf ein rechtes Verhältnis zum Herren hin und vergessen das rechte Verhältnis zur Frau, unser aller Mutter Planet Erde, die uns mit ihrem mächtigen Zauber, Schwerkraft geheißen, an sich bindet. Der HERR und die FRAU sind quasi unser aller Eltern, und wir alle sollten, so gut wir es verstehen und vermögen, respektieren, meine ich für mich erkannt zu haben, nicht wahr?
    mit freundschaftlichen Grüßen
    von stefan,
    der einiges vom Thema: „bipolar“ mehr weiß als ihm manchmal lieb ist.

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