Zeit der Verwandlung

Dichter Nebel hat sich auf das Land gelegt. Und hüllt alles in seinen grauen Schleier. Von den Straßenlaternen sind nur noch fahle Lichtkränze zurückgeblieben. Silbriger Tau ziert die Spinnennetze, die allgegenwärtig an den Hecken, Mauern und Büschen prangen. In das verblassende Grün der Bäume schummeln sich erste zarte Farbtupfer. Und die Konturen dieser Bäume verschmelzen unmerklich mit dem Hintergrund. Die Dämmerung ist bestenfalls zu erahnen. Irgendwo dort hinterm Horizont.

Die Kerzen auf dem Altar werfen ein erstes schwaches Licht auf diesen Morgen. Ruhig lodern ihre Flammen vor sich hin. Und zeichnen schwache Bilder an die Wände. In ihren dunklen Schatten ruht ein menschlicher Totenschädel. Unablässig spricht er die immer gleiche Mahnung: „Gedenke, Mensch, dass Du sterben wirst!“ Und in der Mitte von Licht und Dunkelheit hängt der Menschensohn. Gekreuzigt. Aufgehängt zwischen Leben und Tod. Er, der die Schwelle zum Totenreich endgültig überschritten hat. Er, der gestorben ist, um aufzuerstehen. Er, der die Verwandlung durchschritten hat. Dieses Bild strahlt an diesem Morgen eine seltsame Ruhe aus. Und eine seltsame Vorahnung.

Draußen hallen gehetzte Schritte vom Asphalt der kleinen Straßen wieder. Teilnahmslose Gesichter. Gesengte Blicke. Am Bahnhof wartende Personen. Ungeduldig. Abgelenkt. Abwesend. Der tagtägliche, gleichgeschaltete und über das Oberflächliche nicht hinauskommende Trott. Menschen unachtsam für diese machtvolle Verwandlung, die sich überall um sie herum gerade vollzieht.

Dieser Morgen drängt vergangene Bilder an die Oberfläche. Vom Grund des tiefen und weiten Meeres meiner Erinnerung. Bilder von dem Moment, als ich in meinem eigenen Grab lag. Eingebettet inmitten der vier Himmelsrichtungen. Umgeben von der Präsenz des Todes. Schwarze Tränen regnete es an diesem Tag. Die Verwesung fraß sich zwischen meine Haut und meine Knochen. Im Westen hatte ich die Schwelle zum Heiligen Bezirk überschritten. Doch auf meinem Weg in den Osten war ich niedergestreckt worden. Vielleicht von mir selbst. Vielleicht von Gott. Die Zeit der Verwandlung war nahe…

Jetzt ist die Zeit der Verwandlung da. Hier im Schwellenraum. Es geschehe also.

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Der Archetyp des Pilgers

Auf dem langen Weg zu mir
stand ein kleiner Junge am Wegesrand.
Er sah mir weinend nach
bis ich am Horizont verschwand.

Auf dem langen Weg zu mir
kehrte ich ein in so manches Haus.
Ein Teil von mir blieb dort,
brach ich irgendwann wieder auf.

Auf dem langen Weg zu mir
ging es auch durch finsterste Nacht,
erhellte kein Mond den Weg,
verbarg sich mir die Sternenpracht.

Und manchmal am Abend im Feuerschein,
und manchmal am Abend bei gutem Wein,
lauschte ich den Geschichten der Alten.
Am Morgen trieb die Einsamkeit mich fort,
die Sehnsucht nach dem einen fernen Ort,
nichts konnte mich jemals lange halten.

Auf dem langen Weg zu mir
traf ich so manchen Weggefährten,
nur verblasste Erinnerung
an die, die einst mit mir verkehrten.

Auf dem langen Weg zu mir
rang mich so mancher Dämon nieder,
ließ mich seine Füße küssen
bespuckte mich, sang hämische Lieder.

Auf dem langen Weg zu mir
ging es auch durchs allertiefste Tal,
unten am Boden der Schlucht
ist der Weg nur noch sehr schmal.

Und manchmal am Abend im Feuerschein,
und manchmal am Abend bei gutem Wein,
lauschte ich den Geschichten der Alten.
Am Morgen trieb die Einsamkeit mich fort,
die Sehnsucht nach dem einen fernen Ort,
nichts konnte mich jemals lange halten.

Auf dem langen Weg zu mir
durchstreifte ich auch fremdes Land,
war der Weg nicht erkennbar,
suchte ich nach der liebenden Hand.

Auf dem langen Weg zu mir
kam ich an viele verschlossene Türen,
suchte nach den Schlüsseln,
wer würde mich hindurchführen?

Auf dem langen Weg zu mir
entstand mein Weg mit jedem Schritt.
Irgendwann wird er enden,
was werde ich sehen, blicke ich zurück?

Und manchmal am Abend im Feuerschein,
und manchmal am Abend bei gutem Wein,
lauschte ich den Geschichten der Alten.
Am Morgen trieb die Einsamkeit mich fort,
die Sehnsucht nach dem einen fernen Ort,
nichts konnte mich jemals lange halten.