Ein dunkler Gang

Knarrend und mit einem lauten Knall fiel die schwere, hölzerne Tür hinter mir ins Schloss. Da stand ich nun. Eine Dunkelheit um mich herum, die alles förmlich in sich aufsog. Die Flamme der Kerze, die ich in der Hand hielt, tänzelte aufgeregt vor sich hin. Doch vermochte sie meine Umgebung kaum zu erhellen. Ein Schweigen legte sich auf mich. Und breitete sich aus. Es drang durch jede meiner Poren in mich ein.

Je mehr sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnten, desto mehr nahm ich sie wahr: Massive, in Stein gehauene Wände zu beiden Seiten. Und eine ebenso massive Steindecke über mir. Ein Geheimgang? Mein inneres Kind meldete sich zu Wort. Stehe ich hier etwa inmitten eines richtigen Geheimganges? Wie zahllose Helden meiner Kindheit vor mir? So ein unterirdischer Gang, wie ihn die „Fünf Freunde“ in beinahe jedem ihrer Abenteuer durchquerten? So eine verborgene Höhle mit ungeahnten Gefahren, wie die „Masters of the Universe“ sie oft entdeckten? Mein inneres Kind machte Freudensprünge.

Langsam begann ich einen Fuß vor den anderen zu setzen. Meine zaghaften Schritte hallten vom kalten und mächtigen Stein wider. Der Schall verlor sich irgendwo weiter hinten. Der Gang führte mich abwärts. Schritt für Schritt folgte ich ihm in die Tiefe. Und ins Dunkel. „Bedenke, Mensch, dass Du sterben wirst.“ Diese Mahnung brüllte mir das altehrwürdige Gestein entgegen. Aus jedem Winkel. „Gedenke, Mensch, dass Du sterben wirst.“

Nach einiger Zeit bemerkte ich ein schwaches Licht vor mir in der Ferne. Mit jedem Schritt kam es mir näher. Irgendwann begriff ich, dass es die Kerze in meiner Hand war, deren Schein sich in einem Spiegel wiederfand, auf den ich mich zubewegte.

Als ich den Spiegel erreicht hatte, blieb ich stehen. Und verweilte. Ich betrachtete mein Spiegelbild. Eine halbe Ewigkeit lang. „Erkenne Dich selbst!“, schleuderte es mir entgegen. „Müde siehst Du aus. Älter bist Du geworden. Und etwas zugenommen hast Du auch.“, ging es mir durch den Kopf. Ich wusste nicht, wann ich mir das letzte Mal die Zeit genommen hatte, mich bewusst im Spiegel zu betrachten. Mochte ich, was ich dort sah? Ich fand keine Antwort auf diese Frage.

Ich weiß nicht, wie lange ich vor diesem Spiegel gestanden hatte, als meine Füße mich weitertrugen. Immer weiter. Hinab in die Tiefe. Tiefer hinein ins Dunkel. Umgeben von der Realität des Todes. Mit jedem Schritt wandelte sich dieses allgegenwärtige und durchdringende Schweigen. Aus dem äußeren Schweigen wurde ein inneres Schweigen. Aus dem inneren Schweigen wurde Stille.

Am tiefsten und dunkelsten Punkt dieses Weges fand ich sie ganz unverhofft: Hoffnung. Hoffnung, dass aus jedem Tod Leben entsteht. „Kein Leben ohne Tod. Kein Tod ohne Leben.“ Diese Hoffnung sollte mich fortan begleiten. Und nicht wieder von meiner Seite weichen.

Am Ende des Ganges gelangte ich wieder an eine schwere, hölzerne Tür. Mein Gewissen prüfte mich, ob ich bereit war, durch diese Tür hindurch zu treten. Hinein in einen unbekannten, ungewissen Raum. Was würde mich hinter dieser Tür erwarten?

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#Gedanke: Zeitloses Jetzt

„In der tiefen spirituellen Erfahrung werden wir gewahr,
dass ES selbst ganz still ist
und nur die äußeren Formen kommen und gehen.

Dann endlich erkennen wir,
dass wir uns schon immer gekannt haben
und entdecken,
dass wir wiedergefunden haben,
was wir immer schon gewusst und nur vergessen hatten.

Es gibt nur das zeitlose Jetzt.“

(Willigis Jäger)

#Gedanke: Dieser Tag

„Sieh, was der Tag Dir bringt
und welches Lied er für Dich singt,
es ist für Dich bestimmt.

Der Tag ist für dich vorgesehen,
lass ihn nicht vorübergehen.
Er kann dir alles geben,
die beste Zeit in deinem Leben.

Ein sorgenfreies Leben
wird es für Dich nicht geben.
Ganz gleich, ob es uns gefällt,
jeder Tag ist die Begegnung mit uns selbst.

Der Tag ist Dir geweiht,
verschwende keine Zeit.
Lebe jetzt und hier
und begrabe ihn tief in Dir.“

(Böhse Onkelz,
aus: Keine Zeit)

*BAM!* Jo, das ist Freimaurerei!

Der Artikel „Geistesblitz: *BAM!* Jo, das ist Freimaurerei!“ von dem freimaurerischen Blogger Philip Militz hat mich dazu inspiriert, folgende Begebenheit niederzuschreiben, die mir ein Freimaurer-Bruder meiner Loge mal beim Käffchen erzählte. Dazu muss ich jedoch zunächst kurz etwas ausholen.

Eine Achillesferse des Freimauertums ist seine institutionalisierte Organisationsform. Diese macht es notwendig, dass Ämter zu besetzen sind, Sitzungen abzuhalten sind, Protokolle zu fertigen sind und Formalien einzuhalten sind. Dazu muss sie auch den Ansprüchen des deutschen Vereinsrechtes gerecht werden. Wenn man Freimaurer wird und sich auch engagieren will, merkt man relativ schnell, dass ein nicht unwesentlicher Anteil der eigenen Zeit für organisatorische Fragen draufgeht. Und bei solchen Fragen geht es ab und an auch um persönliche Eitelkeiten oder knallharte Machtpolitik.

Das alles schiebe ich vorweg, um die Frustration des Bruders, von dem ich erzählen möchte, nachvollziehbar zu machen. Viele Stunden war er mit eben solcher „freimaurerischen Orga-Scheiße“, wie er es selbst nannte, beschäftigt gewesen und hatte manch Auseinandersetzung führen müssen. Jetzt saß er erschöpft und niedergeschlagen im Restaurant des Logengebäudes und starrte in seinen Kaffee. Dies fiel einem anderen Bruder auf. Dieser setzte sich zu ihm. Der übliche „Wie geht’s – ach ja, muss ja“-Smalltalk war schnell hinter sich gebracht, als dieser Bruder ihn bat, doch mal kurz mitzukommen.

Beide stiegen die Treppenstufen empor bis zum Tempel des ersten Grades. Dieser lag noch vollkommen im Dunklen. Dort angekommen, schaltete der andere Bruder die Lichter des Sternenhimmels an der Decke des Tempels ein. Und auch das Licht im Osten des Tempels. Jetzt setzten sich beide danieder. Und schwiegen einfach nur. Über ihnen strahlten die Sterne des Himmels. Und der Altar im Osten war in dämmriges Licht getaucht. Ansonsten war es dunkel. So saßen sie beide da. Stille legte sich über sie und breitete sich in ihnen aus.

Und mit dieser Stille wurden sie sich wieder bewusst. Sich selbst und auch dem Ort, an dem sie sich gerade befanden. Dieser Moment ließ sie sich ganz neu darauf besinnen, welche Plätze sie in der freimaurerischen Bruderkette einnehmen und ausfüllen. Ich weiß nicht, wie lange beide dort so gesessen hatten, als der andere Bruder schließlich meinte: „Ich gehe gerne hierher, wenn mir der ganze freimaurerische Orga-Trubel über den Kopf wächst. Ganz alleine. Um mich zu sammeln. Um mich zu erinnern, weshalb ich das alles hier überhaupt mache.“

Mein Bruder war derart berührt von diesem Moment, dass er mir Monate später, als ich meinen Unmut über die „freimaurerische Orga-Scheiße“ mit ihm teilte, mir diese Geschichte erzählte, als sei sie erst gestern geschehen…

Mein ZEN-Meister

Vor 9 Wochen erblickte unsere Tochter das Licht der Welt. Sehr schnell entdeckten sie und ich ein gemeinsames Ritual: Nachdem sie am späten Abend getrunken hat und von uns gewickelt worden ist, nehme ich sie auf den Arm und trage sie in den Schlaf. Allabendlich drehen wir so gemeinsam unsere Runden in ihrem Zimmer. Zunächst starren ihre wachen Äuglein noch aufgeregt in der Dunkelheit umher. Bis die Kleine sich dann schließlich in meinen Arm einkuschelt und ihre Augen nach und nach zufallen. Und irgendwann nur noch regelmäßiges, zufriedenes Atmen zurückbleibt. In diesen Momenten kann ich meine Dankbarkeit für dieses kleine Wesen kaum fassen.

Eines jedoch ist mir dabei aufgefallen: Je krampfhafter ich will, dass sie endlich schläft, desto länger dauert es, bis sie tatsächlich einschläft. Und oftmals ist ihr Schlaf dann auch nur ein oberflächlicher. Je mehr ich jedoch innerlich bei ihr und in dieser gemeinsamen Situation ankomme und je weniger ich die Absicht verfolge, sie in den Schlaf bringen zu wollen, desto schneller und desto besser schläft sie schließlich ein.

Ich glaube, das, was meine Tochter mich in diesen Situationen lehrt, ist Absichtslosigkeit. Die Fähigkeit, Dinge um ihrer selbst Willen zu tun. Und nicht, um irgendwann irgendetwas etwas zu erreichen.

Einer Gesellschaft, die durch Jahrhunderte des Kapitalismus geprägt ist, fällt es schwer, etwas mit Absichtslosigkeit anzufangen. Denn in der Regel hat alles, was wir tun, einen bestimmten Zweck zu erfüllen. Das Endziel solch einer materialistisch geprägten Gesellschaft ist immer Geld zu verdienen. Geld, um partizipieren zu können. Geld, um konsumieren zu können. Geld, um bestimmen zu können. Eine Tätigkeit hat nur noch den Wert, der dem fiskalischen Nutzen entspricht, den sie für mich einmal haben wird. Und so haben wir uns nach und nach eine Lebenseinstellung angeeignet, die unser gesamtes Leben in eine einzige Kosten-Nutzen-Rechnung zwängt. Ich tue etwas, damit ich irgendwann mal etwas davon habe.

Gelegentlich lese ich in den Gleichnissen des ZEN-Buddhismus und denen der christlichen Wüstenväter. In beiden monastisch geprägten Traditionen scheint die Tugend der Absichtslosigkeit einen hohen Stellenwert zu haben. Immer wieder werden die Schüler angehalten, Tätigkeiten um ihrer selbst Willen auszuüben und nicht, um dadurch ein in der Zukunft liegendes Ziel zu erreichen.

Das überspitzt sich schließlich bis hin zu folgendem Paradox: Auf der einen Seite wird den Schülern beigebracht, dass sie hart und diszipliniert dafür arbeiten müssen, um Erleuchtung zu erlangen. So gilt es, sich einem strikten Tagesablauf zu unterwerfen, regelmäßig in die Stille zu gehen und sich Disziplinen wie das Fasten aufzuerlegen. Doch auf der anderen Seite wird den Schülern beigebracht, dass dies alles nicht notwendig ist, um Erleuchtung zu erlangen. Viel mehr: Sie können Erleuchtung nur erlangen, wenn sie das Bedürfnis, erleuchtet zu sein, aufgeben. Sie müssen es also aufgeben, ihre monastischen Disziplinen mit dem Ziel auszuüben, Erleuchtung zu erlangen. Das entbindet sie nicht von der Notwendigkeit, diese Disziplinen zu üben. Lediglich ihre innere Einstellung zu diesen Disziplinen muss eine absichtslose sein.

Ein Paradox, das durch den Verstand nicht aufzulösen ist. Aber dadurch ist es nicht weniger wahr. Ganz im Gegenteil: Meine Erfahrung ist: Je tiefer und je reifer ein spiritueller Weg ist, desto höher ist die Fähigkeit, solche Paradoxe stehenlassen zu können. Und nicht rational auflösen zu müssen.

Doch warum eigentlich hat Absichtslosigkeit in diesen monastischen Traditionen solch einen hohen Stellenwert? Ich glaube, weil Absichtslosigkeit eine der großen Lehrerinnen ist, die uns in die Gegenwärtigkeit führen kann. Denn das Leben geschieht ausschließlich im gegenwärtigen Moment. Gott offenbart sich ausschließlich und vollkommen im gegenwärtigen Moment. Nicht im Rückblick auf die Vergangenheit und nicht im Vorgriff auf die Zukunft. Ausschließlich im Hier und Jetzt. Wenn ich aber etwas tue mit der Absicht, ein in der Zukunft liegendes Ziel zu erlangen, so verpasse ich den gegenwärtigen Augenblick. Und damit das Leben und auch Gott.

Während ich an diesem Artikel schrieb, stieg in mir die Frage auf, mit welcher Motivation ich eigentlich ins freimaurerische Ritual gehe. Tue ich dies nicht auch, um etwas zu erlangen? Sei es Selbsterkenntnis? Sei es Erleuchtung? Oder sei es auch nur ein meditativer Zustand? Könnte es nicht ein wesentlicher Bestandteil des freimaurerischen Weges sein, zu lernen, absichtslos ins Ritual zu gehen? Und absichtslos im Ritual zu verweilen? Weil sich nur so dieses Ritual in seiner ganzen Dimension entfalten kann?

Ich weiß es nicht sicher. Doch ich will diesen Impuls in mir weiter nachwirken lassen. Und bis dahin darf meine Tochter mich weiter Absichtslosigkeit lehren. Abend für Abend. Sie, meine kleine ZEN-Meisterin…

Symbolik des Todes

„Stellen Sie Ihre profanen Gespräche ein … Kleiden Sie sich maurerisch.“ Diese Aufforderung ergeht feierlich und bestimmt zugleich. Und sogleich legt sich ein Schweigen auf uns. Zylinder werden aufgesetzt, weiße Handschuhe übergestreift.

Hiernach ziehen wir in den Tempel ein. In Zweierreihen. Still. In uns gekehrt. Achtsamen Schrittes.

Der Tempel ist in die Farben der Trauer und in die Symbolik des Todes gehüllt. Trauerloge. Heute gilt es all jenen zu gedenken, die im letzten Jahr von uns gegangen sind. Noch einmal die Erinnerung zulassen. Und den Schmerz, der so untrennbar in sie eingewebt ist.

Das Ritual der Trauerloge findet jedes Jahr um Totensonntag und Volkstrauertag statt. Und jedes Jahr erinnert sie mich auf’s Neue daran, dass wir nun endgültig in der dunklen Jahreszeit angekommen sind.

Die Tag-Nacht-Gleiche des September liegt lange hinter uns. Die bunten Blätter des Oktober rotten auf dem Boden vor sich hin. Und auch die einst so prachtvoll goldene Sonne fristet ein seltsam kraftloses und fahles Dasein am Firmament. Die Nächte dafür sind tiefschwarz und ihre kalten Schatten reichen bis weit in den Tag hinein.

Dunkelheit. Das freimaurerische Ritual bewahrt mich nicht vor dieser Finsternis. Es begleitet mich hinein. In das Herz dieser Finsternis. Und damit hilft es mir, mich der Realität dieser Finsternis zu stellen. Sie nicht zu verdrängen, sondern bewusst hindurch zu gehen.

Wenn die Brüder den Tempel nach dem Ritual der Trauerloge wieder verlassen, wird noch immer ein Schweigen auf ihnen ruhen. Doch dieses Schweigen wird anders sein. Nachdenklicher. Kontemplativer.