#Gedanke: In den tiefen Schacht

„Ich grabe im Geröll
mit beiden Händen,
meine Finger taub,
die Augen brennen.
Baue mir Berge
aus Schmerz und Fragen,
sollen sie mich unter sich begraben.

Ich gehe mit dem Hammer
in zerfurchte Felsen,
mache keine Pause,
muss Jahre wälzen.
Haue Löcher
in die Angst,
in mein Gewissen.
Erste Brocken
sind aus Kindheit und Vermissen.

Dann hinab
in die Tiefe,
in den dunklen Schacht,
wo die Kerze erstickt
und ich doch weiter mach‘.
Auch wenn hier unten
der Vogel kein Lied mehr singt,
werde ich tonnenweise Schutt
nach oben bringen.

Und irgendwann
unter den letzten Steinen
ein erster Glanz,
ein erstes Scheinen…“

(Bosse,
aus: Steine)

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Im Schwellenraum

Schwarze Wolkenberge türmten sich am Himmel auf. Und tauchten das Land in bleiernes Dunkel. Nur vereinzelt riss der Sturm Löcher in die Wolken. Und bahnte dem fahlen und dämmrigen Licht des vollen Mondes den Weg. Neblige Schleier durchzogen die Landschaft. Das Wogen karger Äste zeichnete sich am Himmel ab.

Irgendwo, eingehüllt vom Nebel, ragten die Überreste einer alte Ruine empor. Ein eisiger Wind pfiff durch die geborstenen Fenster und Türen. Gesteinsbrocken, die einst so prachtvoll das Dach zusammenhielten, lagen wahllos und verloren auf dem von Rissen durchzogenen Boden umher. Seit langer Zeit hatte kein Mensch mehr einen Fuß in dieses einst so erhabene Gemäuer gesetzt. Dämonen und Getier hatten hier ihr Königreich ausgerufen und Schatten sich in jedem Winkel eingenistet. Die beiden Säulen vor dem Eingang waren umgestürzt. Es ließ sich kaum noch erahnen, wie majestätisch sie in vergangenen Tagen dort gewacht haben mögen. Die massive Steinplatte des Altars, der seit jeher den Osten dieses Ortes ausgefüllte, war zerbrochen. Nichts erinnerte mehr an rituelle Worte und geweihte Handlungen.

Inmitten der Trümmer. Unter meinen Knien schmerzte der harte Steinboden. Mein Gesicht in den Händen vergraben. Die Kälte und die Einsamkeit dieses Gemäuers krochen langsam in mir hoch. Keine Ahnung, wie lange ich hier schon kauerte. Zu schwach, mich zu erheben. Zu schwach…

Ein seltsam vertrauter Schmerz webte sich bedächtig in mich ein. Und eine stumme Traurigkeit kletterte aus den Tiefen meines Selbst zu mir herauf. Jede Faser meines Seins sehnte sich danach zu weinen. Doch selbst dazu war ich nicht stark genug. Keine einzige Träne. Meine Augen waren ausgedorrt wie mein Herz. Und mein Schrei erstarb, noch bevor er meine Lippen erreicht hatte. Ich blieb stumm. So stumm wie der Ort, an dem ich mich befand.

Irgendwann begannen meine Hände meine linke Seite abzutasten. Sie suchten den Griff meines Schwertes. Doch da war kein Schwert mehr…

Ein dunkler Gang

Knarrend und mit einem lauten Knall fiel die schwere, hölzerne Tür hinter mir ins Schloss. Da stand ich nun. Eine Dunkelheit um mich herum, die alles förmlich in sich aufsog. Die Flamme der Kerze, die ich in der Hand hielt, tänzelte aufgeregt vor sich hin. Doch vermochte sie meine Umgebung kaum zu erhellen. Ein Schweigen legte sich auf mich. Und breitete sich aus. Es drang durch jede meiner Poren in mich ein.

Je mehr sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnten, desto mehr nahm ich sie wahr: Massive, in Stein gehauene Wände zu beiden Seiten. Und eine ebenso massive Steindecke über mir. Ein Geheimgang? Mein inneres Kind meldete sich zu Wort. Stehe ich hier etwa inmitten eines richtigen Geheimganges? Wie zahllose Helden meiner Kindheit vor mir? So ein unterirdischer Gang, wie ihn die „Fünf Freunde“ in beinahe jedem ihrer Abenteuer durchquerten? So eine verborgene Höhle mit ungeahnten Gefahren, wie die „Masters of the Universe“ sie oft entdeckten? Mein inneres Kind machte Freudensprünge.

Langsam begann ich einen Fuß vor den anderen zu setzen. Meine zaghaften Schritte hallten vom kalten und mächtigen Stein wider. Der Schall verlor sich irgendwo weiter hinten. Der Gang führte mich abwärts. Schritt für Schritt folgte ich ihm in die Tiefe. Und ins Dunkel. „Bedenke, Mensch, dass Du sterben wirst.“ Diese Mahnung brüllte mir das altehrwürdige Gestein entgegen. Aus jedem Winkel. „Gedenke, Mensch, dass Du sterben wirst.“

Nach einiger Zeit bemerkte ich ein schwaches Licht vor mir in der Ferne. Mit jedem Schritt kam es mir näher. Irgendwann begriff ich, dass es die Kerze in meiner Hand war, deren Schein sich in einem Spiegel wiederfand, auf den ich mich zubewegte.

Als ich den Spiegel erreicht hatte, blieb ich stehen. Und verweilte. Ich betrachtete mein Spiegelbild. Eine halbe Ewigkeit lang. „Erkenne Dich selbst!“, schleuderte es mir entgegen. „Müde siehst Du aus. Älter bist Du geworden. Und etwas zugenommen hast Du auch.“, ging es mir durch den Kopf. Ich wusste nicht, wann ich mir das letzte Mal die Zeit genommen hatte, mich bewusst im Spiegel zu betrachten. Mochte ich, was ich dort sah? Ich fand keine Antwort auf diese Frage.

Ich weiß nicht, wie lange ich vor diesem Spiegel gestanden hatte, als meine Füße mich weitertrugen. Immer weiter. Hinab in die Tiefe. Tiefer hinein ins Dunkel. Umgeben von der Realität des Todes. Mit jedem Schritt wandelte sich dieses allgegenwärtige und durchdringende Schweigen. Aus dem äußeren Schweigen wurde ein inneres Schweigen. Aus dem inneren Schweigen wurde Stille.

Am tiefsten und dunkelsten Punkt dieses Weges fand ich sie ganz unverhofft: Hoffnung. Hoffnung, dass aus jedem Tod Leben entsteht. „Kein Leben ohne Tod. Kein Tod ohne Leben.“ Diese Hoffnung sollte mich fortan begleiten. Und nicht wieder von meiner Seite weichen.

Am Ende des Ganges gelangte ich wieder an eine schwere, hölzerne Tür. Mein Gewissen prüfte mich, ob ich bereit war, durch diese Tür hindurch zu treten. Hinein in einen unbekannten, ungewissen Raum. Was würde mich hinter dieser Tür erwarten?

#Gedanke: Jesus, Archetyp des Magiers

„Jesus (Chritus) ist ein klassischer (Archetyp) Magier,
besonders in der Bergpredigt und in seinen Gleichnissen.

Dogmatiker und Exegeten wissen nicht,
was sie damit anfangen sollen,
weil man daraus kein Dogma machen kann.

Jesus ist viel mehr Magier oder Schamane
als Theologe oder Prediger
einer institutionalisierten Religion.

Er benennt die Realität,
er treibt die Dämonen und das Dunkle aus,
er weist auf das Licht
und feiert es.“

(Richard Rohr)

Weihnachtsbaum – Ein archetypisches Symbol?

WUNDERVOLLE KLEINE MOMENTE

Unbeholfen rückte sie ihren kleinen Kinderstuhl durch das Wohnzimmer. Bis er schließlich direkt vor dem Weihnachtsbaum stehen blieb. Und dann setzte sie sich auf den Stuhl und blickte ihn überwältigt an. Diesen Baum, der so prachtvoll geschmückt war. In dem so viele Lichter funkelten. Ehrfurchtsvoll berührte sie einzelne seiner Zweige. Ganz vorsichtig und ganz verstohlen. Auf ihrem Gesicht hatte sich ein Strahlen ausgebreitet, wie ich es bei ihr noch nie zuvor gesehen hatte. Der ganzen Situation wohnte eine tiefe Ruhe und Ergriffenheit inne.

Zwischen den Tagen besuchten wir Freunde. Natürlich stand auch bei denen ein Weihnachtsbaum im Wohnzimmer. Irgendwann bemerkten wir, dass unsere Tochter sich auf ein Kissen vor den Weihnachtsbaum gesetzt hatte. Wieder blickte sie ihn überwältigt an. Wieder dieses Strahlen in ihrem Gesicht. Als sie merkte, dass wir sie beobachten, guckte sie uns an, zeigte auf den Baum und rief freudestrahlend: „Weiha, Weiha!“ Ihr Wort für „Weihnachtsbaum“.

In beiden Situationen war er plötzlich wieder da: Dieser Kloß in meinem Hals. Für einen kurzen Moment traten mir die Tränen in die Augen. Es waren wieder welche von diesen unzähligen, kleinen, wundervollen Momenten, wie ich sie so oft erlebe, seitdem unsere Tochter auf der Welt ist.

Diese Weihnachtszeit war die erste Weihnachtszeit, die unsere Tochter bewusst erlebt hat. Und sie war es, die ein wenig des Weihnachtszaubers zurückholte, den ich seit meiner Kindheit nicht mehr gekannt hatte. Auch wenn mir bewusst ist, dass sie das alles in ein paar Wochen oder Monaten wieder vergessen haben wird. Es wird eine dieser Erinnerungen sein, die ich für sie bewahren werde. Und wenn sie möchte, werde ich diese Erinnerung einmal mit ihr teilen.

ARCHETYPISCHE BILDER UND SYMBOLE

Die beschriebenen Situationen warfen in mir die Frage auf, warum Weihnachtsbäume solch eine Faszination auf unsere kleine Tochter ausüben. Und das, obwohl sie noch gar nicht in der Lage ist, vom Verstand her zu begreifen, was es mit diesen Bäumen auf sich hat. Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr reifte der Verdacht, dass es sich bei dem Weihnachtsbaum um ein archetypisches Symbol handeln könnte.

Archetypen sind Urbilder menschlicher Vorstellungs- und Handlungsmuster. Diese haben sich im Laufe der Menschheitsgeschichte tief im kollektiven Unterbewusstsein der Menschheit verwurzelt. Sie manifestieren sich in kraftvollen Bildern und Symbolen. Jeder Mensch verfügt über einen intuitiven Zugang zu diesen Bildern und Symbolen. Archetypen können im Inneren eines Menschen Resonanzen auslösen und Prozesse anstoßen, noch bevor der Verstand sie überhaupt begreift.

Das wohl ultimative archetypische Bild ist das vom Kreislauf des „Werden und Vergehen allen Lebens“. Leben wird einmal geboren; Leben stirbt irgendwann; und aus dem Tod heraus entsteht neues Leben. Ich kenne keinen archaischen Initiationsritus, keinen Mysterienbund, der dieses Bild nicht rituell oder in Symbole gekleidet aufnimmt und ausdrückt.

DUNKELHEIT UND TOD

Irgendwann gelangt dieser Kreislauf des Werdens und Vergehens allen Lebens im Reich des Todes und der Dunkelheit an. Die Zeit, in der die Nächte tief und lang sind. Die Zeit, in der der Winter das ganze Land in seinen frostigen Klauen gefangen hält. Die Zeit, in der die einstige Kraft der Sonne verblasst ist.

Und genau in dieser Zeit stellen wir den Weihnachtsbaum auf. Einen Nadelbaum, der sowohl im Sommer, als auch im Winter sein grünes Kleid trägt. Ein Symbol für das Leben inmitten des Todes. Und diesen Nadelbaum schmücken wir mit Lichtern, die wir entzünden. Ein Symbol für die Hoffnung auf die Wiedergeburt des Lichtes inmitten der tiefsten Dunkelheit. Lässt man diese Bilder in sich nachhallen, merkt man, was für machtvolle Dimensionen ihnen innewohnen.

Während ich diesen Artikel schrieb, wurde mir bewusst, dass das Symbol des Weihnachtsbaums und die freimaurerische Andreasloge ganz ähnliche Resonanzen in mir erzeugen. Die Andreasloge umfasst die Grade vier bis sechs innerhalb des Lehrgebäudes des christlichen Freimaurerordens bzw. des sogenannten „Schwedischen Systems“. Ich selbst habe aktuell den fünften Grad inne. Die dominierenden Themen der Andreasloge sind (die eigene) Dunkelheit und (der eigene) Tod. Und trotzdem sind auch die Hoffnung auf Aufrichtung und Licht in diesem Herrschaftsbereich der Dunkelheit und des Todes präsent. Entsprechend sind das Ritual sowie die Einrichtung des Tempels der Andreasloge gehalten.

EPILOG

Anfang Januar schmückten wir unseren Weihnachtsbaum wieder ab und stellten ihn zur Abholung an die Straße. Als ich mit meiner Tochter das erste Mal an ihm vorbeiging, weinte sie, als sie ihn sah und rannte zu ihm hin. Dann schien es, als versuchte sie ihn zu umarmen oder aber an möglichst vielen Stellen zu berühren. Schließlich wollte sie ihn an der Spitze wieder zurück nach Hause zu schleifen. Als das nicht gelang, wimmerte sie: „Weiha, Weiha?“ Sie trauerte um ihren geliebten Weihnachtsbaum. Doch dessen Zeit war vergangen…

Zeit der Verwandlung

Dichter Nebel hat sich auf das Land gelegt. Und hüllt alles in seinen grauen Schleier. Von den Straßenlaternen sind nur noch fahle Lichtkränze zurückgeblieben. Silbriger Tau ziert die Spinnennetze, die allgegenwärtig an den Hecken, Mauern und Büschen prangen. In das verblassende Grün der Bäume schummeln sich erste zarte Farbtupfer. Und die Konturen dieser Bäume verschmelzen unmerklich mit dem Hintergrund. Die Dämmerung ist bestenfalls zu erahnen. Irgendwo dort hinterm Horizont.

Die Kerzen auf dem Altar werfen ein erstes schwaches Licht auf diesen Morgen. Ruhig lodern ihre Flammen vor sich hin. Und zeichnen schwache Bilder an die Wände. In ihren dunklen Schatten ruht ein menschlicher Totenschädel. Unablässig spricht er die immer gleiche Mahnung: „Gedenke, Mensch, dass Du sterben wirst!“ Und in der Mitte von Licht und Dunkelheit hängt der Menschensohn. Gekreuzigt. Aufgehängt zwischen Leben und Tod. Er, der die Schwelle zum Totenreich endgültig überschritten hat. Er, der gestorben ist, um aufzuerstehen. Er, der die Verwandlung durchschritten hat. Dieses Bild strahlt an diesem Morgen eine seltsame Ruhe aus. Und eine seltsame Vorahnung.

Draußen hallen gehetzte Schritte vom Asphalt der kleinen Straßen wieder. Teilnahmslose Gesichter. Gesengte Blicke. Am Bahnhof wartende Personen. Ungeduldig. Abgelenkt. Abwesend. Der tagtägliche, gleichgeschaltete und über das Oberflächliche nicht hinauskommende Trott. Menschen unachtsam für diese machtvolle Verwandlung, die sich überall um sie herum gerade vollzieht.

Dieser Morgen drängt vergangene Bilder an die Oberfläche. Vom Grund des tiefen und weiten Meeres meiner Erinnerung. Bilder von dem Moment, als ich in meinem eigenen Grab lag. Eingebettet inmitten der vier Himmelsrichtungen. Umgeben von der Präsenz des Todes. Schwarze Tränen regnete es an diesem Tag. Die Verwesung fraß sich zwischen meine Haut und meine Knochen. Im Westen hatte ich die Schwelle zum Heiligen Bezirk überschritten. Doch auf meinem Weg in den Osten war ich niedergestreckt worden. Vielleicht von mir selbst. Vielleicht von Gott. Die Zeit der Verwandlung war nahe…

Jetzt ist die Zeit der Verwandlung da. Hier im Schwellenraum. Es geschehe also.

Geschockt.

Sprengsätze explodierten. Gefüllt mit Metallsplittern. Direkt neben dem Bus. Dem Bus voller „Wahrer Liebe“ und „Schwarz-Gelber-Leidenschaft“. Glas zerbarst. Knochen splitterten. Danach: Blut. Blaulicht. Betroffene Gesichter. Mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizisten. Traumatisierte Opfer. Wie so oft in den letzten Wochen, Monaten und Jahren. Trotzige Statements der Solidarität. Aufgeregt hingehaltene Mikrofone. Und die allgegenwärtige Frage nach dem „Warum“.

Es war Ende der 80er Jahre, als die Schwarz-Gelben von Borussia Dortmund anfingen, sich in mein Herz zu spielen. Und seither erlebten wir gemeinsam Momente unendlicher Freude und Momente abgrundtiefer Trauer. Flüchtige Momente zugegebenermaßen. Aber Momente, die mein Herz fest an diesen Verein gekettet haben. Ketten, denen ich mich nur zu gerne ergebe.

Umso mehr traf es mich, als ich die Bilder dieses feigen Angriffs auf den Spielerbus von Borussia Dortmund über die Bildschirme flimmern sah. Meine Helden, die Spieltag für Spieltag auf dem Feld der Ehre den immer gleichen Kampf aufs neue Annehmen, das Ziel irgendwelcher Terroristen. „Traurig.“, „Geschockt.“ – Mehr brachte ich gestern Abend über Twitter nicht raus. Die Begegnung zwischen meinem BVB und dem AS Monaco wurde zunächst abgesagt und schließlich auf den Folgetag verschoben. Und als ich heute morgen auf den Titelseiten der Tageszeitungen die Bilder des beschädigten Mannschaftsbusses sah, riss es mir tiefe Furchen ins Herz.

Ich gebe zu, dass mich die Nachrichten von irgendwelchen Terrorakten zunehmend weniger berührt hatten. Es war, als stumpfe mit jedem Anschlag etwas in mir weiter ab. Ich erinnere mich noch allzu gut an die Trauer, die Ohnmacht und die Wut nach „Charlie Hebdo“ oder nach den Anschlägen in Paris, als unsere Fußballnationalmannschaft dort ein Freundschaftsspiel gegen Frankreich absolvierte. Den jüngsten Anschlag in Schweden hingegen nahm nur noch resigniert und eher nebenbei zur Kenntnis.

Und dann ist da ja auch noch die Sache mit der Saat und der Ernte. Nichts, rein gar nichts rechtfertigt solch abscheuliche Gewalt, wie sie islamistische Extremisten mittlerweile seit vielen Jahren über Europa bringen. Und doch erntet die westliche Welt mit diesem Terrorismus lediglich das, was sie in Jahrhunderten des Kolonialismus, des Imperialismus und des Kapitalismus selbst ausgesät hat.

Vielleicht haben die Menschen Recht, die behaupten, dass wir in dunklen Zeiten leben. Denn es gibt keine Bewegung ohne Gegenbewegung. Und mit jedem mordenden Islamisten erstarken die Rechten. Schon sind rechte Parolen wieder salonfähig. Schon ziehen die Rechten wieder in die Parlamente ein. Schon marschieren die Rechten wieder auf unseren Straßen. Der rechte Kampf um die Köpfe, die Straßen und die Parlamente wirkt plötzlich gar nicht mehr so ausweglos. Unsere Gesellschaft fällt zurück … in stumpfe Auge-um-Auge-Reflexe. Und genau dies ist das Gefährlichste, was der Terrorismus mit sich führt.

Und doch bin ich immer wieder aufs Neue überrascht, was für kraftvolle Reaktionen solch abscheuliche und widerwärtige Taten hervorrufen können. Nach „Charlie Hebdo“ sah ich das erste Mal, dass europäische Moslems ganz vorne mitmarschierten – gegen islamistischen Terrorismus und für Toleranz! Welch großartiges Zeichen der Solidarität! Auch, wenn es längst überfällig gewesen war.

Und gestern, kurz nach dem Anschlag, tauchte auf Twitter der Hashtag „#BedForAwayFans“ auf. Fans von Borussia Dortmund luden Fans des AS Monaco, die Aufgrund der Spielverlegung eine Nacht ohne Obdach gewesen wären, ein, bei ihnen zu übernachten. Bilder von Dortmund- und Monaco-Fans, die gemeinsam essen, trinken oder die Schals der jeweils anderen Mannschaft schwingen, wurden auf Twitter geteilt und geliked. Deutsche und Franzosen, Christen und Moslems. Was für eine zärtliche Geste! „Das ist Fußball!“, twitterte der AS Monaco auf Deutsch. „You’ll never walk alone!“, war an diesem Abend nicht nur eine biergeschwängerte Fanhymne … sondern Realität.

Als ich das alles mitbekam, musste ich schlucken. Ich spürte diesen übergroßen Kloß in meinem Hals und kämpfte mit der einen oder anderen Träne. Gefühlte Ewigkeiten standen mir diese Bilder vor Augen. Etwas so wundervolles habe ich im Fußball noch nie erleben dürfen.

Irgendwo in der Bibel las ich mal den sinngemäßen Satz: „Wo die Finsternis mächtig ist, ist das Licht umso mächtiger.“ Ich glaube, dass das stimmt…