Freimaurertum benötigt Spiritualität und Gottesbezug

FREIMAURERTUM UND GOTT - EIN VORWORT (ZU TEIL 3/3):

Keine Frage ist so geeignet, heftigste Diskurse innerhalb des Freimaurertums auszulösen, wie die Frage nach Gott. Vereinfacht und überspitzt reichen die Positionen von "man kann nur ein Freimaurer sein, wenn man an einen wie auch immer gearteten Gott glaubt" bis hin zu "man kann nur ein Freimaurer sein, wenn man nicht an einen Gott glaubt".

Für die Leser meines Blogs ist es nicht schwer, mich innerhalb dieser Diskussion zu verorten: Für mich bedingt der Weg eines Freimaurers die Vorstellung eines Gottes; wenn auch nicht im dogmatischen Sinne. Diese Position hat ihre Berechtigung, ist aber nicht die einzig mögliche.

In zwei Blogartikeln hatte ich die Gelegenheit geben, auch die Positionen zu Wort kommen zu lassen, die sich nicht mit meiner Position decken oder dieser sogar konträr gegenüberstehen. Hierfür hatte ich die Freimaurer und Blogger Rene Schon und Jürgen Scheffler gewinnen können. Beide gehen den Weg des Freimaurers als bekennende Atheisten.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Frage nach Gott nicht nur geeignet ist, Kontroversen innerhalb des Freimaurertums auszulösen, sondern auch aufzuzeigen, welche Vielfalt innerhalb des Freimaurertums möglich ist. Wenn der Leser nach den beiden Artikel von Rene Schon und Jürgen Scheffler meinen Artikel zum Thema gelesen haben wird, wird er eine Vorstellung davon haben, über welche Bandbreite das Freimaurertum verfügt...

Doch genug der Worte. Vorhang auf für den letzten Teil; meinen eigenen Beitrag...

FREIMAURERTUM BENÖTIGT SPIRITUALITÄT UND GOTTESBEZUG

Für mich ist ein Freimaurertum ohne Gottesbezug schlichtweg nicht vorstellbar. Mein Eindruck ist, dass sich das freimaurerische Ritual und die freimaurerische Symbolik nur dann in ihrer ganzen Tiefe entfalten können, wenn man sich auch auf die esoterisch-spirituelle Dimensionen einlässt, die diesen innewohnt.

WENN ICH VON GOTT SPRECHE

Doch bevor ich mich aufmache, diese These zu belegen, sollte ich zunächst einmal umreißen, wovon ich überhaupt ausgehe, wenn ich diesen mächtigen und absolut missverständlichen Begriff „Gott“ gebrauche. Oder besser: Wovon ich eben nicht ausgehe.

Meines Erachtens ist Gott zu groß und zu umfassend, als dass ich ihn auch nur ansatzweise erkennen oder gar begreifen könnte. Ich glaube, Gott hat den Menschen der unterschiedlichen Kulturen zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Aspekte von sich offenbart. Die monotheistischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam – beispielsweise stellen Gott als personales Gegenüber in den Mittelpunkt. Ein Gott, der einen Willen hat, mit dem man kommunizieren kann und mit dem man eine Beziehung führen kann. Die unterschiedlichen Naturvölker betonen Gott als in der Natur offenbart. Die Mystiker der verschiedenen Religionen erleben Gott eher als Seins-Form, die alles durchzieht und umspannt und gleichzeitig im Inneren eines jeden Einzelnen existiert. Die spirituelle Lehre der Kabbalah bezeichnet Gott unter anderem als Urlicht. Hier trägt jeder Mensch einen Funken dieses Lichtes – den göttlichen Funken – in sich. In buddhistisch geprägten Vorstellungen ist Gott vielleicht am ehesten mit einer Art Energie vergleichbar. Wahrscheinlich gibt es so viele Gottesvorstellungen wie es Menschen gibt. Und jede dieser Gottesvorstellungen ist wahr. Aber keine dieser Vorstellungen ist absolut. Setzt man sie wie einzelne Puzzleteile aneinander, kann man eine Ahnung davon bekommen, wie Gott sein könnte.

Das Geschriebene verdeutlicht, dass es sich mir verbietet, über Gott dogmatisch theologische Aussagen zu treffen. Jede dogmatische Festlegung limitiert Gott. Wenn ich im Folgenden von Gott spreche, rede ich niemals von theologisch absoluten Glaubenssätzen. Ich bin mir bewusst, dass alles, was ich von Gott erkenne, niemals abschließend sein kann. Und ich bin mir bewusst, dass es ganz sicher andere Menschen gibt, die Facetten über Gott erkannt haben, die ich vielleicht noch nicht einmal erahne. Daher ist es eine meiner Lebensaufgaben, offen dafür zu bleiben, dass Gott sich jeder Zeit auf eine Art und Weise offenbaren kann, die ich niemals für möglich gehalten hätte.

Das vorausgesetzt, will mich an die Frage heranwagen, warum das Freimaurertum meines Erachtens immer auch eine spirituelle Dimension hat und daher einen Gottesbezug benötigt. Hierfür beginne ich mit einem kurzen Blick in die Geschichte des Freimaurertums.

VORLÄUFER DES HEUTIGEN FREIMAURERTUMS

Unumstritten ist, dass sich das Freimaurertum – wie wir es heute kennen – aus den Steinmetzbruderschaften der Bauhütten des Mittelalters herleitet und bei beidem einen Großteil seiner Bilder und Symbole entlehnt. Das gilt insbesondere für die ersten drei Grade der Johannisloge.

Die Vorläufer der Bauhütten wiederum sind im Mönchstum der Epoche der Romanik zu suchen. Hier ist insbesondere der Benediktinerorden zu nennen. Diese begangen bereits in der Vorromanik damit, die eigenen Klosteranlagen – insbesondere die klösterlichen Sakralbauten – zu erbauen. In der Romanik entwickelten sich diese „bauenden“ Mönche zu „reisenden“ Mönchen. Sie reisten von Klosterbaustelle zu Klosterbaustelle, um Klosterkirchen zu errichten. Unklar ist heute lediglich, ob die Mönche selber mit Hand anlegten oder ob sie die Bautätigkeiten koordinierten und überwachten. Aus diesen reisenden Mönchen wiederum gingen die Bauhütten und Steinmetzbruderschaften hervor, die im Mittelalter die gotischen Sakralbauten erschufen. Diese existierten und wirkten mit zunehmender Dauer organisatorisch unabhängig von den Mönchsorden.

Dies zeigt, dass das mittelalterliche Bauhandwerk tief verwurzelt war in der monastischen Spiritualität des Christentums. Es wäre eine künstliche Trennung, davon auszugehen, dass diese Bautätigkeiten keinen spirituellen Bezug bzw. keine spirituelle Ausrichtung gehabt hätten. Da ändert auch die Feststellung, dass die mittelalterlichen Bauleute ganz gewiss nicht nur sakrale Gebäude, sondern auch profan genutzte Gebäude errichtet haben, nichts dran.

ENTWICKLUNG ZUM HEUTIGEN FREIMAURERTUM

Am Johannistag des Jahres 1717 schließlich wurde in England die erste Großloge gegründet. Bis heute gilt dieser Tag als offizielles Gründungsdatum des noch heute existierenden Freimaurertums. Interessant hierbei ist, dass sich diese Großloge gründete, indem sich vier bereits existierende Logen zusammenschlossen. Daraus folgt, das bereits vor der offiziellen Gründung des Freimaurertums Freimaurerlogen existiert haben müssen.

Der Übergang von den praktisch bauenden Steinmetzbruderschaften des Mittelalters zum heutigen Freimaurertum ist von der offiziellen Geschichtsschreibung allerdings nur schwer nachzuzeichnen. Als sicher gilt, dass es einen, mehrere Jahrhunderte dauernden Prozess gab, in dessen Verlauf – aus unterschiedlichen Gründen – zunehmend Mitglieder in die Steinmetzbruderschaften aufgenommen wurden, die beruflich nicht dem praktizierenden Bauhandwerk entstammten.

Dies brachte zwei Entwicklungen mit sich: Zum einen änderte sich die Struktur der Mitglieder. Zum anderen wandelte sich die Tätigkeit des äußeren Erschaffens eines Bauwerkes hin zu einem im Inneren des Menschen stattfindenden Vorgang. Aus den praktisch bauenden Steinmetzbruderschaften wurde das heutige, sogenannte „spekulative“ Freimaurertum.

FREIMAURERISCHES RINGEN

Dieser nicht klar umreißbare Geburtsprozess des spekulativen Freimaurertums fiel mit den Epochen der Renaissance und der Aufklärung in eine äußerst spannende und von gegensätzlichen Strömungen geprägte Zeit. Grob vereinfacht stand das rational geprägte Postulat der Vernunft mit der Idee, dass der Mensch sich durch den Gebrauch des eigenen Verstandes aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien habe, auf der einen Seite. Und auf der anderen Seite schossen die unterschiedlichsten mehr oder weniger geheimen Verbindungen, Gesellschaften und Bünde, die sich um mehr oder weniger okkultes, esoterisches, spiritistisches oder mystisches Geheimwissen rankten, wie Pilze aus dem Boden.

Diese widerstreitenden gesellschaftlichen Strömungen fanden natürlich auch Eingang ins Freimaurertum. So wurden Freimauerlogen auf der einen Seite zu Orten der freien Meinungsäußerung, wo im geschützten Rahmen die revolutionären Ideen der Aufklärung diskutiert werden konnten. Gleichzeitig aber wurden Freimaurerlogen zu Orten, an denen Symbol und Ritual ein mystisches Erleben ermöglichten. Das gesellschaftliche Ringen zwischen Ratio und Intuition war in den Logen wie unter dem Brennglas zu erleben.

Leider war nicht immer der Wille und die Kraft vorhanden, dieses Spannungsfeld auszuhalten. Und so ringt das Freimaurertum seit seiner Gründung darum, was denn nun das rechtmäßige – sprich: „reguläre“ – Freimaurertum ausmacht und was nicht. Überspitzt und stark vereinfacht findet dieses freimaurerische Ringen zwischen den beiden folgenden Polen statt:

Den ersten Pol würde ich am ehesten als „humanistisches Freimaurertum“ umschreiben. Für diesen sind die drei ersten Grade der Johannismaurerei relevant. In diesen Graden erfolgt die Auseinandersetzung mit sich selbst, mit „der Welt da draußen“ und im dritten Grad schließlich die Konfrontation mit dem eigenen Tod. Dieser freimaurerische Weg ist beinahe ausschließlich auf das Diesseits ausgerichtet und eher rational geprägt. Er dreht sich vor allem um die Frage eines ethisch-moralischen Lebenswandels.

Den anderen Pool würde ich am ehesten als „esoterisch-spirituelles Freimaurertum“ umschreiben. Dieser baut auf den beschriebenen drei Johannisgraden in Form von unterschiedlichen weiterführenden Graden auf. Hier werden die Inhalte der ersten drei Grade aufgenommen, vertieft und um ihre esoterisch-spirituelle Dimensionen erweitert. Neben der Frage eines ethisch-moralischen Lebenswandels wird Freimaurertum hier auch als esoterisch-spiritueller Erkenntnisweg verstanden.

Wo zwischen diesen beiden Polen man sich verortet, kann ein jeder Freimaurer nur für sich selbst entscheiden. Und ich habe für beide dieser gegensätzlichsten Positionen nachvollziehbare und gut begründete Ausführungen lesen dürfen. Mein Eindruck ist, dass jeder Freimaurer der Argumentationslinie folgt, in der er sich am ehesten wiederfindet und die er am ehesten nachvollziehen kann.

DER CHRISTLICHE FREIMAURERORDEN

Die beschriebenen Entwicklungen führten dazu, dass es heute in Deutschland drei eigenständige und ganz unterschiedliche deutsche Großlogen gibt: Die „Großloge der Alten Freien und Angenommenen Freimaurer von Deutschland“ (AFuAM), „Die Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland“ (Freimaurerorden) sowie die „Große National-Mutterloge Zu den drei Weltkugeln“ (3WK). Diese finden sich neben weiteren Logen unter dem Dach der „Vereinigten Großlogen von Deutschland“ zusammen.

Besonders erwähnen möchte ich hiervon die AFuAM. Denn diese ist von der Mitgliederzahl her die mit Abstand größte der Großlogen. Die AfuaM bearbeitet ausschließlich ersten drei Grade der Johannisloge und ist vor allem humanistisch geprägt.

Ich selbst gehöre der zweitgrößten Großloge, dem Freimaurerorden, an. Dieser ist explizit christlich ausgerichtet. Jesus Christus, wie ihn die Bibel überliefert, wird hier als Obermeister angesehen. Er verkörpert das Ideal für jeden Ordensbruder. Dies gilt sowohl für den spirituellen Weg, den er gegangen ist; als auch für sein ethisch-moralisches Handeln. Weiter ist das gesamte Ritual auf Gott (wie jeder einzelne ihn für sich auch verstehen mag) ausgerichtet. Der Weg des Ordensfreimaurers erstreckt sich über 10 Grade.

Wenn ich im Weiteren auf den Inhalt des freimaurerischen Rituals und die Ausrichtung des freimaurerischen Weges eingehe, dann ist es wichtig im Hinterkopf zu behalten, dass ich hierbei von dem ausgehe, was mir im Christlichen Freimaurerorden begegnet. Für die anderen Richtungen kann ich nicht sprechen, weil ich dort nicht in der Tiefe drinstecke. Weiter muss berücksichtigt werden, dass ich aus der Sicht eines Freimaurers schreibe, der den 3. Grad – nämlich den des Johannismeisters – inne hat.

EINWEIHUNG UND RÜCKVERBINDUNG

Steigt man tiefer in das freimaurerische Ritual ein, merkt man schnell, dass es sich hierbei um einen althergebrachten Initiationsritus handelt. Versucht man diesen zu seinen Ursprüngen zurück zu verfolgen, so entdeckt man zunächst markante Parallelen zu den Initiationsriten der Mysterienbünde des Altertums. Einzelne Elemente des freimaurerischen Initiationsritus sind aber noch wesentlich älter. Sie finden sich bereits bei den archaischen Initiationsriten der Urvölker.

Ebendiese archaischen Initiationsriten hat der Franziskaner-Pater Richard Rohr Zeit seines Lebens studiert. Und hierbei machte er ganz interessante Entdeckungen: Unabhängig davon, in welcher Kultur der jeweilige Initiationsritus durchgeführt wurde, verfügte er über dieselben zentralen Wesensmerkmale: So galt es zunächst das egodominierte Falsche Selbst des Initianten zu erschüttern und sterben zu lassen. Dieses Sterben der alten Natur des Initianten wurde in dramatischer und kraftvoller Weise vollzogen. Auf den grausamen Tod erfolgte schließlich die machtvolle Auferstehung. Im Idealfall war durch dieses Ritual ein neuer Mensch geboren. Ein Mensch, der eingeweiht war in das „Große Mysterium des Lebens“; dadurch, dass er zurückverbunden worden war in die (spirituellen) Kreisläufe und Gesetzmäßigkeiten der Schöpfung. Ein Mensch, der in Berührung gekommen war mit seinem Wahren Selbst.

Dies zeigt, dass Initiationsriten immer über den kleinen menschlichen Ego-Horizont hinausweisen. Auf das „absolut Gute“. Auf das, was größer und umfassender ist, als es die egomane Natur des Menschen je sein könnte. Und in diesem „Großen Ganzen“ offenbart sich das, was der Mensch seit jeher „Gott“ nennt. Daher verweist ein Initiationsritus im Idealfall in letzter Konsequenz immer auch auf Gott. Täte er dies nicht, bliebe das launenhafte und selbstfixierte Ego des Menschen die einzige Richtschnur und der einzige Bezugspunkt im Ritual.

Die Idee, dass eine „Einweihung“ notwendig ist, um den Menschen „zurück zu verbinden“, impliziert, dass es mal einen Zustand gegeben haben muss, in dem der Mensch „verbunden“ war. Ein Zustand der Ursprünglichkeit, in dem der Mensch „eins“ war mit dem „Großen Mysterium“. Dieser Zustand ist verlorengegangen. Aus diesem Zustand ist der Mensch herausgefallen. Mythen wie die der Vertreibung aus dem Paradies im Alten Testament der Bibel erzählen uns davon. Initiation setzt im positivsten Falle genau an diesem Punkt an. Sie setzt den „Guten Anfang“, damit der Mensch sich auf den Weg machen kann. Auf seinen Weg nach hause. Auf seinen Weg zurück zur Vereinigung mit seinem Ursprung.

Und genau dieses Wissen hat der Christliche Freimaurerorden meines Erachtens bewahrt. Das Ziel des Weges des Ordensfreimaurers ist die Vereinigung mit seinem Ursprung. Dies zieht sich wie ein roter Faden durch sämtliche Grade, Symbole und Rituale. Und das, was ich als „Großes Mysterium“ und als „spirituelle Kreisläufe und Gesetzmäßigkeiten der Schöpfung“ beschreibe, wird im Freimaurerorden als „Göttliche Ordnung“ bezeichnet. An entscheidender Stelle ergeht im Ritual die Aufforderung an den Ordensfreimaurer, Gott die Ehre zu geben und sich in die göttliche Ordnung stellen. Es wird unmissverständlich klarstellt, dass es nicht das menschliche Ego ist, das hier im Mittelpunkt steht. Das Ritual des Freimaurerordens weist somit weit über das egodominierte Falsche Selbst des Menschen hinaus. In letzter Konsequenz weist es auf Gott. Auf Gott, den Ursprung allen Seins.

DIE ALTEN PFLICHTEN

Die Wurzeln des Freimaurertums sind folglich im Spirituellen zu suchen. Ein wie auch immer gearteter Gottesbezug war immer gegeben. Spätestens jedoch im spekulativen Freimaurertum ging dieses spirituelle Erbe eine Symbiose mit den Ideen der Aufklärung und des Humanismus ein. Zwei so gegensätzliche Richtungen in sich zu vereinen, ist jedoch nur dann möglich, wenn ein Weg gefunden wird, keine der beiden dogmatisch oder absolut zu verstehen. Das gilt für die spirituelle Seite genauso wie für die humanistische.

Einen wegweisenden und nachhaltig prägenden Ansatz, wie dies funktionieren könnte, verfasste der Reverend und Prediger an der Kirche der schottischen Presbyterianer in London, James Anderson, im Jahre 1723 in den sogenannten „Alten Pflichten“. Hierbei handelt es sich um „die erste gedruckte und veröffentlichte Sammlung von Gesetzen und Konstitutionen (Regeln) der Freimaurer“. Im Abschnitt „Von Gott und der Religion“ schreibt er dort etwas nieder, was noch heute tief in der DNA eines jeden Freimaurers verankert ist, dem ich bisher begegnet bin:

„Der Maurer ist als Maurer verpflichtet, dem Sittengesetz zu gehorchen; und wenn er die Kunst recht versteht, wird er weder ein engstirniger Gottesleugner, noch ein bindungsloser Freigeist sein. In alten Zeiten waren die Maurer in jedem Land zwar verpflichtet, der Religion anzugehören, die in ihrem Lande oder Volke galt, heute jedoch hält man es für ratsamer, sie nur zu der Religion zu verpflichten, in der alle Menschen Übereinstimmen, und jedem seine besonderen Überzeugungen selbst zu belassen.“

Besonders bemerkenswert finde ich hierbei die Idee der „Religion, in der alle Menschen übereinstimmen“. Es ist augenscheinlich, dass hiermit keine dogmatisch verstandene Religion gemeint sein kann. Denn wenn es um dogmatische Glaubenssätze und theologische Lehrgebäude geht, dann stimmen die Menschen nicht überein. Das sehen wir tagtäglich um uns herum. Und das seit Menschengedenken. Unterschiedliche Religionen, sprechen sich gegenseitig die Rechtgläubigkeit ab. Und innerhalb dieser Religionen wiederum sprechen sich unterschiedliche Richtungen gegenseitig die Rechtgläubigkeit ab. Und im Zweifel wird dies gewaltsam ausgetragen. Wahrscheinlich wurde in der Geschichte der Menschheit wegen keinen Anschauungen so viel Blut vergossen, wie wegen der religiösen. Nein, wenn von der „Religion, in der alle Menschen übereinstimmen“ gesprochen wird, kann keine wie auch immer geartete dogmatische Theologie gemeint sein.

EIN MYSTISCHER GOTTESBEGRIFF

Mich erinnert die Idee der „Religion, in der alle Menschen übereinstimmen“ an ein Gottesverständnis, wie man es oft bei den Mystikern der verschiedenen Religionen vorfindet. Denn in der Mystik wird Gott eher als ein universelles Sein verstanden, das die Schöpfung vollständig durchdringt. Und da jeder Mensch den Zugang zu diesem „Sein“ in seinem tiefsten Innersten trägt, ist die Mystik in erster Linie von spirituellem Erleben geprägt. Weniger durch theologische Glaubenssätze. Und ähnlich den Initiationsriten hat auch die mystische Erfahrung das Potential, den Menschen von innen heraus zu transformieren. Die Erfahrungen der Mystiker gleichen sich auffällig. Unabhängig davon, welcher Religion sie angehören. Denn das mystische Erleben geht weit über die Theologien und Dogmen der einzelnen Religionen hinaus. Die Mystiker der verschiedenen Religionen eint ihre mystische Erfahrung und das daraus resultierende Bewusstsein. Auch wenn die dogmatischen Aussagen der jeweiligen Religionen, denen sie angehören, sich konträr gegenüberstehen.

Es ist daher auch nicht erstaunlich, dass die Mystiker in ihren Religionen oftmals nur ein Randdasein fristeten oder – wie im Fall von Meister Eckhart – gar exkommuniziert wurden. In der heutigen Zeit sind die Mystiker des Islam – die Sufis – regelmäßig das Ziel islamistischer Terrorakte.

Wenn es tatsächlich so ist, dass sich die Idee der „Religion in der alle Menschen übereinstimmen“ von der Gottesvorstellung der (in diesem Fall christlichen) Mystiker ableitet, wäre dies ein weiteres Indiz für die spirituellen Wurzeln des Freimaurertums. Der gemeinsame Ausgangspunkt könnte wie bei den Vorläufern des mittelalterlichen Bauhandwerks wieder das christliche Mönchstum sein. Gingen aus ihm doch nahezu alle christlichen Mystiker hervor.

SUPREME BEING UND DREIFACH GROßER BAUMEISTER

Aus der Idee der „Religion in der alle Menschen übereinstimmen“ leitete sich im Laufe der Zeit das „Supreme Being“ ab. Dies stellt weltweit eine der Voraussetzungen dar, damit eine Freimaurerloge von der Großloge in England als „regulär“ anerkannt wird.

Im Christlichen Freimaurerorden findet das Supreme Being Ausdruck im „Dreifach Großen Baumeister der ganzen Welt“. Und genau wie das Supreme Being ist auch der Dreifach Große Baumeister der ganzen Welt weder theologisch noch dogmatisch definiert. Es ist an jedem Bruder selbst, diesen Begriff für sich zu füllen.

Und im Mikrokosmos meiner Loge erlebe ich, dass im Ritual der Bruder mit der kirchlich geprägten Vorstellung von Gott neben dem mit der buddhistisch geprägten, neben dem mit der gnostisch geprägten, neben dem mit der kabbalistisch, mystisch oder kontemplativ geprägten Vorstellung von Gott sitzt.

MEIN FREIMAURERISCHES MANIFEST

Mein Fazit: Die Wurzeln des Freimaurertums sind im Spirituellen zu suchen. Ein wie auch immer gearteter Gottesbezug war immer gegeben. Und für mich persönlich ist ein Freimaurertum ohne Gottesbezug schlichtweg nicht vorstellbar. Mein Eindruck ist, dass sich das freimaurerischen Ritual und die freimaurerische Symbolik nur dann in seiner ganzen Tiefe entfalten können, wenn man sich auch auf die esoterisch-spirituelle Dimensionen einlässt, die diesen innewohnt.

Aber: Das Revolutionäre am damals noch blutjungen spekulativen Freimaurertum war meines Erachtens, dass dieses spirituelle Erbe eine Vereinigung mit den humanistisch geprägten Idealen der Aufklärung einging. Und auch, wenn es in der Geschichte zu mancher Spannung führte, so ist das Zusammenführen und Aushalten dieser gegensätzlichen Pole, meiner Meinung nach, bis heute eine der größten Stärken des Freimaurertums.

Denn so wie sich im Menschen im Idealfall Vernunft und Gewissen ergänzen und gegenseitig austarieren, so kann dies auch im Freimaurertum durch seine aufgeklärt humanistische Seite und seine esoterisch-spirituelle Seite geschehen. Ein Freimaurertum, das seine esoterisch-spirituelle Seite ignoriert, droht immer auf der Ebene des Verstandes steckenzubleiben und nur an der trockenen Oberfläche von Symbol und Ritual zu kratzen. Und ein Freimaurertum, das seine aufgeklärt humanistische Seite ignoriert, läuft immer Gefahr, die Bodenhaftung und den konkreten Bezug zum alltäglichen Hier und Jetzt zu verlieren. Nur wenn beide Pole in Ausgleich und Einklang miteinander gebracht werden können, ist der freimaurerische Weg vollständig.

Und meine Erfahrung ist, dass genau das jeder „gesunde“ spirituelle Weg sowie jedes „gesunde“ Model der Persönlichkeitsentwicklung lehrt: Gegensätze werden nicht dadurch überwunden, dass man sie vernichtet. Gegensätze werden dadurch überwunden, dass man sie annimmt, ausgleicht und zur Vereinigung führt.

Daher empfinde ich persönlich es als vermessen, wenn Freimaurer ein Freimaurertum als „modern“ bezeichnen, das sämtliche spirituellen Bezüge sowie den Gottesbezug getilgt hat. Ein Freimaurertum ist modern zu nennen, wenn dessen Spiritualität und dessen Gottesbezug durch die Aufklärung geläutert worden sind. Das bedeutet, dass es von Dogmatismus und Aberglauben entschlackt ist, die Ideale von Aufklärung und Humanismus integriert hat und sich dennoch seiner spirituellen Verwurzelung und seines immanenten Gottesbezuges bewusst ist.

Ein fragwürdiges Bild?

Wenn man sich als Außenstehender mit dem Freimaurertum beschäftigt, ist so ziemlich das Erste, worauf man stößt, das Bild vom „Rauen Stein“ und vom „Behauenen Stein“ (oder auch Kubus).

Verkürzt dargestellt soll es die Arbeit des Freimaurers an sich selbst ausdrücken. Der Raue Stein beschreibt den unvollkommen Ist-Zustand des Freimaurers und der Behauene Stein das Ideal. Im übertragenen Sinne ist es eine Lebensaufgabe des Freimaurers, alle Ecken und Kanten von sich selbst abzuschlagen, bis ein makellos behauender Kubus übrig bleibt. Ein Stein, der im großen Tempelbau Verwendung finden kann. Je nachdem, welcher Richtung man innerhalb des Freimaurertums angehört, kann dieser Tempel für den „Tempel Salomons“ oder den „Tempel der Humanität“ stehen.

Dieses Bild ist den mittelalterlichen Steinmetzen der Dombauhütten entlehnt. Deren Aufgabe war es, grobe Gesteinsbrocken so lange mittels Hammer und Meißel zu behauen, bis diese in einem sakralen Bauwerk Verwendung finden konnten.

Jeder Suchende, der bei unserer Loge anklopft, wird mit diesem Bild konfrontiert. Und gerne wird diesem Bild noch ein moderner Anstrich verpasst: Mit der wohlklingenden Formulierung, wonach der freimaurerische Weg folglich im Grunde genommen nichts anderes darstellt, als ein Persönlichkeitsentwicklungstraining. Das Exklusive daran, so wird dann gerne weiter angereichert, ist, dass es das wohl älteste bekannte Persönlichkeitstraining der Menschheit ist. In der Regel nicken die Suchenden dann immer genauso eifrig wie artig mit ihren Köpfen. Denn wer kann schon etwas dagegen haben, an sich selbst arbeiten zu wollen?

Auch ich nickte seinerzeit genauso eifrig wie artig, als ich dieses Bild vorgesetzt bekam. Doch je länger ich mich mit diesem Bild auseinandersetze, desto mehr stellt sich mir die Frage, ob es wirklich so glücklich gewählt ist.

Denn ich frage mich, ob dieses Abschlagen der Ecken und Kanten des Rauen Steins letztendlich nichts anderes ist, als das künstliche Abtrennen von Bereichen meines Selbst, die ich – aus welchen Gründen auch immer – als nicht „würdig“ oder nicht wünschenswert identifiziert habe.

Ich habe auf meinem bisherigen Lebensweg recht schmerzhaft lernen müssen, dass es genau das Gegenteil bewirkt, wenn ich Bereiche meines Selbst, denen ich mich nicht zu stellen vermag, einfach unterdrücke oder sie eben abtrenne. Ich habe lernen müssen, dass es allgemein gültige psychologische Gesetzmäßigkeiten sind, wonach alles, was ich von mir selbst als „unerwünscht“ unterdrücke oder abtrenne, an anderer Stelle und in viel mächtigerer und destruktiverer Weise wieder hervorbrechen und sich entladen wird.

Der kürzlich verstorben Sänger Leonard Cohen singt in seinem bemerkenswerten Lied „Anthems“ die Zeile „There is a crack in everything, that is how the light gets in“. Es geht ein Riss durch alles und genau durch diesen scheint das Licht herein.

Dieser Riss – meine Unvollkommenheit, mein Schmerz, mein Hass, meine Angst, mein Egoismus, meine Rastlosigkeit, meine Sucht, meine Wut, mein Neid – genau dieser Riss ist der Ort, an dem das Licht hereinbricht. Das alles gehört zu mir. Das alles hat mich etwas zu lehren und erfüllt seinen Zweck auf meinem Weg. Schlage ich etwas davon ab, schlage ich einen Teil von dem ab, was meine Person ausmacht.

Das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass ethisch-moralisches Handeln irrelevant wäre. Oder dass es keine Werte gäbe, an denen man sein Leben ausrichten sollte. Lediglich der Umgang mit den Anteilen von mir, die diesem Bemühen zuwider laufen, ist ein anderer.

Es geht nicht darum, diese Anteile zu unterdrücken oder abzutrennen. Sondern es geht zunächst darum, diese Anteile anschauen zu können, ohne sie bewerten zu müssen, und schließlich anzunehmen. Nur wenn das geschieht, lerne ich darauf zu hören, was diese Anteile mir über mich zu sagen haben.

In der Männerarbeit nach Richard Rohr bezeichnen wir dies als Schattenarbeit. Es geht darum, den eigenen „Dunklen Bruder“ zu umarmen, anstatt ihn zu bekämpfen.

Wenn ich dies vermag, werden die Ecken und Kanten meines Rauen Steins zu dem Ort, an dem das Licht hindurchbricht. Dann wird mein Dunkler Bruder zum Lehrmeister über mich selbst. Schlage ich hingegen die Ecken und Kanten meines Rauen Steines ab bzw. spalte meinen Dunklen Bruder von mir ab, bringe ich mich um ganz entscheidende Lektionen meines Lebens.

Das sind die Gründe, weshalb sich mir die Frage stellt, ob dieses freimaurerische Bild des Weges vom Rauen Stein zum Behauenen Stein wirklich so gut gewählt ist. Oder ob es nicht sogar zweifelhaft – oder besser: fragwürdig – ist… ?

dunkler-bruder
(Bild von cac.org)

(Einschränkend muss ich zu mir sagen, dass ich mich aktuell im 3. Grad – dem des Johannismeisters – befinde. Der Weg eines Ordensfreimaurers, den ich gehe, erstreckt sich über 10 Grade. Wohl ist in den ersten drei Graden die gesamte freimaurerische Lehre enthalten. Dennoch lernt man in jedem Grad weitere, vertiefende und erweiternde Aspekte der einzelnen freimaurerischen Symbole kennen. Daher kann ich nicht sicher sagen, ob ich diesen Text genauso schreiben würde, wenn ich mich in einem höheren Grad befände.)

Die Sehnsucht der männlichen Seele

WIE ALLES BEGANN…

Im Dezember des letzten Jahres hatte mein Blog seinen 1-jährigen Geburtstag. Rechtzeitig dazu war er von insgesamt 46 Ländern aus 10000 Mal aufgerufen worden. Eine Marke, von der ich nie zu träumen gewagt hätte, sie nach so kurzer Zeit schon zu reißen.

Ich weiß noch, wie ich mit meinem Freund und Weggefährten Jörg am 1. Januar 2014 bei sternenklarer Nacht am Lagerfeuer bei Zigarre und Whisky zusammensaß und er von seinen Erfahrungen mit seinem Blog (http://www.schoepfungsspiritualitaet.de/) erzählte. Schon länger ging ich mit der Idee schwanger, eventuell auch mit dem Bloggen anzufangen. An diesem Abend fasste ich den Entschluss: „Ja, ich werde Blogger!“

Von da an dauerte es fast ein ganzes Jahr bis zu meinem ersten Artikel. Zunächst galt es zu recherchieren, was man alles zu bedenken hat und in welche Fallen man tapsen kann. Dann musste ich mir klar darüber werden, wie mein Blog heißen und wie er optisch aufgemacht sein soll. Schließlich begann ein schier endloses „Trial an Error“.

Doch wozu das alles? Wovon soll mein Blog erzählen? Für diese Frage muss ich etwas weiter ausholen…

SCHMERZHAFTE ERFAHRUNG

Vielleicht begann alles mit meinen Fragen nach „männlicher Spiritualität“. Welche spirituellen Bilder sind stark genug, um von der Sehnsucht der männlichen Seele zu erzählen und dem Mann Zugang zu seiner inneren Welt zu ermöglichen? Welche spirituellen Formen haben die Kraft, den Mann von innen heraus zu transformieren und sowohl seine liebevoll-zärtliche als auch seine archaisch-kriegerische Seite zu integrieren? Wie kann ein Mann Zugang zu seiner innersten kraftvollen Männlichkeit erhalten, ohne diese Kraft missbrauchen zu müssen?

Fragen, denen ich mich hatte stellen müssen. Denn auf sehr bittere und schmerzhafte Weise hatte ich lernen müssen, dass ein dogmatisch verstandener Glaube mit einem dualistischen Weltbild – das alles in Gut und Böse, Richtig und Falsch einteilt – das tiefste Sehnen der männlichen Seele nach authentischer und kraftvoller Spiritualität nicht zu stillen vermag. Es war eine Phase der Orientierungslosigkeit und es war eine Phase der Angst, die mein Leben zutiefst verunsicherte. Und in Frage stellte.

Doch in dieser Krise geschahen zwei Dinge: Zum Einen kam ich mit Literatur des Franziskaner-Paters Richard Rohr in Berührung. Zum Anderen begann ich, mich mit freimaurerischer Symbolik auseinanderzusetzen. Zwei Dinge, die weite Kreise ziehen sollten…

PATRIARCHAT UND FEMINISMUS

Seit den 70er-Jahren geht Richard Rohr genau dieser Frage nach authentischer und transformierender männlicher Spiritualität nach. Hierbei machte er die Beobachtung, dass Jahrhunderte des Patriarchats einen großen Verlierer hervorgebracht haben: Nämlich den Mann. Denn irgendwo im tagtäglichen Wettstreit um Macht, Geld, Sex und Prestige verschüttete bei den allermeisten Männern der Zugang zu ihrer inneren Welt. Die Leere, die zurückblieb überkompensierte „Mann“ mit dem äußeren Zur-Schau-Stellen von Status, Potenz und Stärke.

Auch der Feminismus – so notwendig und segensreich er auch ist – vermochte den Männern diesen Zugang nicht wieder freizulegen. Der Feminismus konnte zwar kranke männliche Strukturen benennen, in Frage stellen und zum Teil auch aufbrechen. Den Weg zu einer gesunden Männlichkeit kann er den Männern aber nicht abnehmen.

ARCHAISCHE INITIATIONSRITEN

Richard Rohr stellte bei seinen Nachforschungen fest, dass alle archaische Kulturen über Einweihungsriten für ihre (jungen) Männer verfügten. Initiationsriten. Doch interessanter war seine Feststellung, das diese Riten sich sowohl in ihren inhaltlichen Aussagen, als auch in ihren rituellen Ausgestaltungen erstaunlich glichen. Und das, obwohl sie zum Teil von ganz unterschiedlichen Kulturen auf ganz unterschiedlichen Kontinenten praktiziert wurden.

In all diesen Riten ging es darum, das Ego des jungen Mannes in seinen Grundfesten zu erschüttern. Ihn mit seinem eigenen Schatten, seiner Schwachheit und seiner Irrelevanz zu konfrontieren. Der Initiant durchlief rituell den Kreislauf des Werden und Vergehen allen Lebens. Er wurde verwundet und starb einen grausamen Tod. Der Mann, der auferstand, hatte eine Weihe erlebt. In etwas, das viel größer, weiter und allumfassender war, als sein ständig um sich selbst kreisendes Ego es je sein könnte. Nicht selten kehrte der junge Mann aus der Tiefe dieses Rituals mit einem neuen – seinem ureigensten – Namen zurück. Diese Erfahrung hatte das Potential, der Anfang der ganz persönlichen Heldenreise des Mannes zu werden.

VERLORENES ERBE

Weiter fiel Richard Rohr auf, dass in der westlichen Welt das Erbe dieser Männerinitiation verlorengegangen ist. Rudimentäre Überbleibsel finden sich vielleicht noch in der Idee der kirchlichen Taufe und Konfirmation bzw. in Taufe und Firmung.

Und das in einer Zeit, in der der Gedanke der Männerinitiation wohl aktueller ist denn je. Denn verfügt eine Gesellschaft über keine Übergangsriten mehr, die ihre Männer aus dem Gefängnis ihres egodominierten Falschen Selbst herausführen, bleiben viel zu viele innerlich trauernde und verängstigte Männer zurück. Da Männer aber oftmals schwer Zugang zu vermeintlich schwachen Gefühlen wie der Trauer oder Angst bekommen, manifestieren sich diese Emotionen viel zu oft als Wut. Richard Rohr prägte hierfür den Begriff des „Angry Young Man“. Angry Young Men – Treffender kann man posende Gangmitglieder, marschierende Neonazis, religiöse Selbstmordattentäter oder randalierende Punks wohl nicht beschreiben. Doch die Gewalt dieser (jungen) Männer ist tief in Angst und Trauer verwurzelt. Angst und Trauer, zu der sie selbst keinen Zugang mehr finden.

Also verglich Richard Rohr die unterschiedlichen Initiationsriten der verschiedenen Zeiten und Kulturen miteinander und extrahierte deren Gemeinsamkeiten. Hieraus entwickelte er einen Initiationsritus, der das alte Wissen bewahrt. Der aber ebenso den Mann des 21. Jahrhundert dort abholt, wo er steht.

Vor einigen Jahren durchlief ich diesen Ritus. Es war ein einschneidendes spirituelles Erlebnis. Es hat mich zutiefst berührt. Und meinen weiteren spirituellen Weg entscheidend geprägt. Sei es durch das Erleben des Verbunden-Seins mit allem, wie ich es bis dahin nicht gekannt hatte. Sei es durch die inneren Themen, die ich mit auf den Weg bekommen habe. Vielleicht sogar durch ein neues Bewusstsein für das Leben, in das ich eingetaucht bin.

WESEN DES FREIMAURERTUMS

Parallel dazu tauchte ich in die Welt des Freimaurertums ein. Irgendwie übte diese Bruderschaft eine seltsame Faszination auf mich aus. Und so las ich Buch um Buch zu diesem Thema. Vom abstrusesten Verschwörungsschinken bis hin zum trockensten wissenschaftlichen Schinken. Stetig davon angetrieben, unbedingt verstehen zu wollen, was das Wesen dieser Bruderschaft ausmacht. Ich merkte, wie ich mich für die Welt des Freimaurertums öffnete. Und wie ich innerlichen Zugang zu dieser Welt bekam.

Allerdings begriff ich erst durch die Literatur von Richard Rohr, dass ein wesentlicher Teil dessen, was das Wesen des Freimaurertums ausmacht, ein alter, überlieferter Initiationsritus ist. Diese Bruderschaft hat in ihrem Kern den Gedanken der Männerinitiation durch die Jahrhunderte hindurch bewahrt. Allerdings benutzt das Freimaurertum kaum noch archaische Bilder und Symbole, um dies auszudrücken. Sondern Bilder und Symbole, die den Dombauhütten und den Steinmetzbruderschaften des Mittelalters entlehnt sind.

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Doch wie kam es dazu, dass sich im Laufe der Geschichte diese beiden Linien – die der Inititiation und die der Steinmetze – im Freimaurertum kreuzten? Witzigerweise war es wieder Richard Rohr, der mir das fehlende Puzzleteil zu dieser Frage lieferte. In seinem Buch „Adams Wiederkehr“ beschreibt er fast schon beiläufig ein altes Ritual, das der Mönchsorden der Benediktiner in den ersten Jahrhunderten seines Bestehens praktiziert hat: Zur Feier des Gelöbnisses lag der Kandidat in ein Leichentuch gehüllt vor dem Altar, während um ihn herum Kerzen standen, die entzündet waren und Requiem gesungen wurden. Das Bild einer Beerdigung. Im Laufe der Zeremonie erstand der Kandidat aus diesem Grab auf und wurde in den Orden aufgenommen. Das alte initiantische Bild von Tod und Auferstehung. Richard Rohr erklärte dies damit, dass der Benediktiner-Orden, der einzige Mönchsorden ist, der auf Grund seines Alters noch mit archaischen Intitiationsriten in Berührung gekommen ist.

Und plötzlich setzte sich das Puzzle für mich zusammen. Denn die Benediktiner waren auch einer der Mönchsorden, die in der Zeit der Vorromanik mit dem Bau von Klosteranlagen – insbesondere der Klosterkirchen – begangen. In der Romanik entwickelten sich die „bauenden“ Mönche zu „reisenden“ Mönchen. Diese reisten von Klosterbaustelle zu Klosterbaustelle, um Klosterkirchen zu errichten. Hieraus wiederum gingen die Bauhütten und Steinmetzbruderschaften, die im Mittelalter die gotischen Sakralbauten erschufen, hervor. Diese aber existierten und wirkten mittlerweile organisatorisch unabhängig von den Mönchsorden. Bis zu der Zeit der Aufklärung wiederum entwickelte sich aus ihnen das spekulative Freimaurertum.

Der Mönchsorden der Benediktiner scheint also der Knotenpunkt zu sein, an dem sich der Gedanke der Männerinitiation mit dem Kirchenbauhandwerk verband. Als ich das begriffen hatte, fasste ich den Entschluss, an die Tore des Tempels der Bruderschaft der Freimaurer zu klopfen und um Einlass zu bitten.

WARUM NUN DIESER BLOG?

Ich glaube, es ist etwas ganz besonderes an unserer Zeit, dass Männer mit ganz unterschiedlichen spirituellen Hintergründen und Geschichten wieder beginnen, das alte Erbe der Initiation zu entdecken. Der Ritus nach Richard Rohr ist nur ein Beispiel dafür. Ich habe viele aufrichtige Männer kennenlernen dürfen, die sich wieder auf ihre ganz eigenen Heldenreisen begeben haben. Die sich ihren dunklen Seiten gestellt haben. Die in Demut die archaische Kraft und die Zerbrechlichkeit ihres Mann-Seins angenommen haben. Zentral in den Biographien dieser Männer war das Durchlaufen eines Initiationsritus.

Und dann ist da seit jeher diese alte Bruderschaft der Freimaurer inmitten der Gesellschaft, die das Erbe der Initiation seit einer so langen Zeit bewahrt. Und deren Wurzeln sich Jahrhunderte, vielleicht sogar Jahrtausende zurückverfolgen lassen.

Meine Erfahrung ist allerdings, dass das Freimaurertum für manch spirituell aufrichtig suchenden Mann bisweilen abschreckend daherkommt. So wirken die Grade, die ein Freimaurer durchläuft, oftmals hierarchisch. Und auch die äußeren Formen erwecken nicht selten einen elitären und starren Eindruck.

Trotzdem glaube ich, dass diese beiden so unterschiedlichen Traditionen der Männerinitiation sich gegenseitig ergänzen und bereichern können. Setzen sie doch bei denselben Fragen an, die sich die männliche Seele seit jeher stellt. Und geben Sie auf diese Fragen – bei näherer Betrachtung – doch auch ganz ähnliche Antworten. Und genau das ist es, wovon ich auf diesem Blog erzählen möchte…

Fast schon greifbar

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Als ich das Buch ausgelesen hatte, legte ich es neben mir auf den Nachttisch. Ich hielt kurz inne. Ich war bewegt. Von dem, was ich da gerade gelesen hatte. Bewegt. Und auf irgendeine Weise auch … dankbar. So recht greifen konnte ich es zunächst noch nicht.

Das Buch, das ich meine, ist das aktuell erschienene Werk von Philip Militz. Es heißt „Nicht von gestern – Freimaurer heute“. In diesem stellt der freimaurerische Blogger (http://www.freimaurer-in-60-minuten.de/) auf 168 Seiten 10 ganz unterschiedliche Freimaurer vor. Aber warum hat mich dieses Buch so angesprochen? Was macht dieses, optisch recht unscheinbar daherkommende, Büchlein aus?

Zum Einen sind es die ausgewählten Charaktäre, die Philip Militz in kleinen Geschichten vorstellt:
Von denen hat mich am stärksten die Gesichte von Kenan angesprochen. Kenan ist Freimaurer. Und Muslim. Außerdem ist der Kampfsporttrainer in einem sozial schwachen Stadtteil in Berlin. Dort arbeitet er mit „Problem-Kids“. Eine Pointe seines Lebensweges ist, dass er dadurch, dass er Freimaurer wurde, auch wieder Zugang zum Islam bekommen hat.
Innerlich schlucken ließ mich die Geschichte von Hannes. Hannes hat als Freimaurer Nazi-Deutschland erlebt und das KZ überlebt. Es war für ihn ein weiter Weg zurück in die „Normalität“. Das Erlebte hinterließ Spuren. Diese drückte er in Gedichten aus, aus denen eine authentische Tiefe spricht. Unwillkürlich musste ich an Dietrich Bonhoeffer denken, als ich Hannes‘ Gedichte las.
Oder die Geschichte des „begnadeten Künstlers“ Jens aus Schleswig-Holstein (http://www.jens-rusch.de/index.php/Hauptseite). Der der heimtückischen Krankheit Krebs von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. Als diese am mächtigsten war, schleppte er sich „an Schläuchen hängend“ ins freimaurerische Ritual. Mal für Mal. Dort fand er Ruhe, inneren Halt und neue Kraft. Schlussendlich lehrte diese Krankheit ihm Dankbarkeit und das Gebet. Und auch wenn er sie schließlich niederrang, so wäre er doch niemals so vermessen, sich als „geheilt“ zu bezeichnen.
Oder die Geschichte von Harry, der sich gegen eine „Karriere“ im Rotlicht-Milieu entschied und einen Imbiss in dem Hamburger Szene-Stadtteil „Schanzenviertel“ eröffnete.
Oder, oder, oder… Von eher humanistisch geprägten Freimaurern, über christlich-mystisch geprägte Freimaurer; von Jo Gerner aus „Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“ über Karlheinz Böhm bis hin zum „obersten Freimaurer Deutschlands“ kommen sie alle zu Wort. Eine bunte Mischung von Menschen.
Regelrecht geärgert hat mich, dass auch Axel Springer (Ja, auch der war Freimaurer.) ein Kapitel gewidmet ist. Das erste sogar. Denn ist nicht gerade seine Bild-„Zeitung“ Inbegriff für einen tendenziösen, einseitigen, teilweise menschenverachtenden, niedrigste menschliche Instinkte bedienenden und freiheitlich-demokratische Werte verhöhnenden Journalismus?! Aus Protest habe ich das Kapitel über ihn erst ganz zum Schluss gelesen. Und war angenehm überrascht, wie differenziert und ausgewogen Philip Militz sich diesem polarisierenden Bruder nähert.
Das würdige Schlusswort erhält eine Frau. Und zwar „FrauMaurer“ Sylvia (http://www.freimaurerinnen.de/blog/). Sie bringt die erfrischende weibliche Seite des Freimaurertums zum klingen. Und räumt mit dem Vorurteil auf, Freimaurertum sei nur was für Männer. Mein ganz persönlicher Eindruck ist, dass es den Herren Freimaurern und dem Freimaurertum an sich mehr als gut tut, von weiblichen Freimaurern hinterfragt und ergänzt zu werden.

Sie alle sind Charaktere, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Diese Vielfalt zeigt, wie breit gefächert das Freimaurertum ist. Doch was eint diese so unterschiedlichen Menschen? Außer, dass sie alle Teil einer, von außen betrachtet, recht seltsam wirkenden Bruderschaft sind? Sie allesamt sind Menschen, die nicht unachtsam durchs Leben gehen. Für die es mehr gibt als Spaß und Konsum. Die sich mit den essentiellen Themen des Lebens auseinandersetzen.

Und so verwundert es nicht, dass jeder der Portraitierten irgendwann auch auf das Thema „Tod“ zu sprechen kommt. Wohl das ultimative Lebensthema eines jeden Menschen. Diesem nähern sie sich von unterschiedlichen Seiten; jedoch angenehm unaufgeregt und versöhnlich. Und es ist wohl eine der Geschichten, die das Leben schreibt, dass drei der Portraitierten das Erscheinen des Buches nicht mehr erlebten. Auch dies trägt dazu bei, dass dieses Werk ein ganz besonderes ist.

Aber neben den vorgestellten Charakteren ist es auch die Art und Weise, wie diese vorgestellt werden, was dieses Buch ausmacht. Philip Milith legt ein feines Gespür für sein Gegenüber an den Tag. In einer sehr achtsamen und wertschätzenden Weise beschreibt er, was sein Gegenüber ausmacht und was dessen ureigensten Lebensthemen sind. Fast beiläufig werden immer wieder die Bezüge zum Freimaurertum hergestellt. Und so bekommt man eine Ahnung davon, was für ein Mensch das ist, der da Philip Militz gegenübersitzt. Und wie dieser Mensch sein Freimaurer-Sein lebt. Welche Facetten des Freimaurertums für ihn besonders wertvoll sind. Auf welche Weise er durch freimaurerische Symbolik und rituelle Arbeit berührt wird. Wo das Freimaurer-Sein ihn verändert hat. Und so wird diese so abstrakte Idee „Freimaurertum“ plötzlich sehr real und fast schon greifbar.

Philip Militz gelingt es darüber hinaus, durch die Art und Weise, wie er diese Aufeinandertreffen beschreibt, eine fast schon vertrauliche Kaminzimmer-Atmosphäre herzustellen. Mehrfach fühlte ich mich, als säße ich bei den Gesprächen direkt daneben.

Ich glaube, dass solche Bücher, in denen Freimaurer nicht nur über hochgeistige abstrakte Ideen reden, sondern sich in ihr Innerstes blicken lassen, Außenstehenden einen viel tieferen Einblick ins Freimaurertum gewähren, als es zum Beispiel eine Veröffentlichung der freimaurerischen Ritualtexte jemals könnte. Denn hier erfährt der Leser, was für Menschen es sind, die sich Freimaurer nennen. Was für Ängste diese Menschen haben und was für Hoffnungen. Was die Werte dieser Menschen sind und wie sich das Freimaurertum in ihren Leben auswirkt.

Am Ende blieb fast so etwas wie das Gefühl, die Menschen dieses Buches persönlich kennengelernt zu haben. Und so ergab es sich, dass ich Harry einfach anquatschte, als er mir mal im Schanzenviertel zufällig über den Weg lief. „Moin, Du bist doch Harry, oder?“ Was mit Harrys fragendem Blick begann, endete mit einer herzlichen Umarmung. Und dem Austausch unserer Handy-Nummern…