Seid wie die Kinder

„13 Und sie brachten Kinder zu ihm (Jesus Christus), damit er sie anrühre. Die Jünger aber fuhren sie an.
14 Als es aber Jesus sah, wurde er unwillig und sprach zu ihnen: Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes.
15 Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.
16 Und er herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie.“
(Die Bibel, Markus 10, 13-16)

MAROTTE SPIRITUELLER LEHRER

„Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ Was für klare Worte, die Jesus Christus da wählt.

Auf der Idee, die in diesen Worten mitschwingt, kaue ich mittlerweile seit vielen Jahren herum. Denn so klar wie sich diese Worte auf den ersten Blick auch anhören, so unkonkret und beliebig sind sie auf den zweiten Blick. Denn Jesus hat bei dieser Aussage zwei „Fehler“ gemacht: Weder hat er konkretisiert, wie alt die Kinder sind, auf die er sich bezieht. Noch hat er definiert, welche kindlichen Eigenschaften er denn meint.

Es scheint so eine Marotte von spirituellen Lehrern zu sein, ihren Zuhörern nicht einfach nur „fertige Antworten“ zu servieren, sondern bei ihnen innere Prozesse anstoßen zu wollen. Und wahrscheinlich – so zunehmend mein Eindruck – wird auch am Ende dieser Prozesse keine „fertige Antwort“ stehen.

So ist es unsere mittlerweile gut ein Jahr alte Tochter, die mich auf die Fährte gesetzt hat, welche Intention Jesus mit dieser Aussage gehabt haben könnte. Drei Eigenschaften sind mir an ihr aufgefallen, die Jesus gemeint haben könnte.

DREI KINDLICHE EIGENSCHAFTEN

1) Urvertrauen

Beinahe jeden Morgen, wenn unsere kleine Tochter erwacht, lachen uns zwei große, strahlende Augen an. Lauthals ruft sie uns entgegen, wie sehr sie sich freut, Mama und Papa wiederzusehen. Und wie sehr sie sich auf den Tag freut, der vor ihr liegt. Sie kann es oft kaum erwarten, aus dem Bett zu kommen und dem neuen Tag, und was auch immer dieser für sie bereithalten mag, entgegenzueilen.

Und selbst, wenn sie auf Herausforderungen trifft, die ihre Fähigkeiten übersteigen, hat sie das Vertrauen, dass Mama und Papa größer sind als jede Herausforderung. Es sind dieselben Mama und Papa, in deren Arme sie sich flüchtet, wenn sie sich mal wieder wehgetan hat. Denn Mama und Papa sind auch größer als jeder Schmerz. Und egal, um welches Bedürfnis es auch geht, bei Mama und Papa wird es gestillt.

Mit jeder Pore ihres Seins strahlt unsere Tochter dieses unbedingte Urvertrauen aus. Urvertrauen, dass das Leben gut zu ihr ist. Urvertrauen, dass da jemand ist, der immer für sie da ist. Jemand, der ihr immer helfen kann.

2) Gegenwärtig sein

Die wundervollsten Momente sind für mich, wenn ich das Zimmer unserer Tochter betrete und sie mich gar nicht bemerkt, weil sie zu sehr in etwas vertieft ist. Ich liebe es, dann im Türrahmen stehen zu bleiben und ihr einfach nur zuzusehen. In diesen Momenten steht die Zeit für mich still. Und ich kann mein Glück über dieses kleine Wesen kaum fassen.

Es ist eine Gabe unserer Tochter, ganz und gar gegenwärtig sein zu können. Sie kann auf etwas so fokussiert sein, dass sie alles um sich herum vergisst. Ihre Aufmerksamkeit ist dann ungeteilt. Ganz bei ihr. Ganz in der Situation. Weder schweift sie umher, ob es noch irgendetwas anderes geben könnte, worauf sie ihre Aufmerksamkeit richten könnte. Noch grübelt sie über Vergangenes oder Zukünftiges nach.

Seit meine Tochter auf dieser Welt ist, schenkt sie mir diese Momente des Seins. Der erste dieser Momente hat sich tief in mir eingegraben. Es war ein oder zwei Tage nach ihrer Geburt. Ich saß an dem kleinen Tisch in unserem Krankenhauszimmer. Direkt am Fenster. Sie schlief in meinem Arm. Im Hintergrund lief „Mein Hurra“ von „Bosse“. Das Aroma des Kaffees, der vor mir auf dem Tisch stand, stieg in meine Nase. Und mein Blick verlor sich in den goldenen Sonnenstrahlen, die die morgendliche Landschaft vor dem Fenster durchfluteten. Wir saßen einfach nur da…

3) Alles ist ein Lehrmeister

Egal ob Spielzeug, Haushaltsutensil, Pflanze, Müll oder was auch immer. Alles wird von unserer Tochter – dieser kleinen Wissenschaftlerin – akribisch untersucht. Es wird eingehend betrachtet, in den Mund genommen, ausführlich mit den Händen abgetastet und mit anderen Gegenständen aneinandergeschlagen.

Denn jeder Gegenstand hat etwas zu lehren. Etwas über die Farben, die Formen, die Konsistenzen und die Eigenschaften, die Dinge haben können. Kein Gegenstand ist zu gering oder zu profan, um nicht ein Lehrmeister sein zu können.

Und unsere Tochter scheint offen dafür zu sein, sich darauf einzulassen, was diese Lehrmeister ihr mitzuteilen haben. Sie beurteilt sie nicht schon vorher oder steckt ihn in irgendeine Schublade bevor sie sich auf sie eingelassen hat. Sie scheint ihre Wahrnehmung dieser Gegenstände von ihrer Bewertung zu trennen.

Daher wohnt den Momenten, wenn ihr ein Gegenstand zum ersten Mal begegnet, auch immer ein Zauber inne. Wie sehr liebe ich diese Vorfreude auf ihrem Gesicht, wenn sie einen Gegenstand zum ersten Mal erblickt. Oft stößt sie regelrechte Jauchzlaute aus und bewegt sich sogleich, so schnell es ihr möglich ist, auf ihn zu. Unbändiger Stolz und Neugierde zieren ihr Gesicht, wenn sie ihn dann endlich in Händen hält.

ANFÄNGERGEIST

Unbedingtes Urvertrauen, die Fähigkeit gegenwärtig zu sein und alles, was das Leben mit sich bringt, als seinen Lehrmeister willkommen zu heißen… Ich glaube, dass Jesus Christus in der eingangs zitierten Bibelstelle diese Eigenschaften bzw. das Bewusstsein, das aus diesen Eigenschaften spricht, gemeint haben könnte, als er sagte, dass niemand ins Reich Gottes hineinkommt, der es nicht empfängt wie ein Kind.

Der Franziskaner-Pater Richard Rohr bezeichnet dieses Bewusstsein als „Anfängergeist“. In seinen Bibelauslegungen vertritt er weiter die Auffassung, dass Jesus, wenn er in den Evangelien vom „Reich Gottes“ oder vom „Himmelreich“ spricht, nicht nur einen jenseitigen Zustand meint, der erst nach dem eigenen Ableben eintritt. Vielmehr beschreibt Jesus einen Zustand, der schon in diesem Leben und in dieser Welt existiert. Und um in dieses Reich Gottes einzugehen, muss der Mensch lernen, aus diesem ursprünglichen, kindlichen Bewusstsein des Anfängergeistes heraus zu leben.

LANGSAMES STERBEN

Es gibt mir so unendlich viel, diesen Anfängergeist bei meiner Tochter erleben zu dürfen. Es sind tagtäglich unzählig viele kleine Situationen, die mich ganz tief berühren. Kleine Situationen, die ich in mir trage und von denen ich zehre.

Gleichzeitig aber schwemmt es in mir auch die Frage an die Oberfläche, wann ich selbst diesen Anfängergeist verloren habe. Wenn ich auf die Erinnerungsfetzen zurückblicke, die ich mein Leben nenne, dann erkenne ich, dass es ein schleichender Prozess des Sterbens gewesen sein muss.

Und daher weiß ich, so wundervoll es auch ist, dieses ursprüngliche kindliche Bewusstsein bei unserer Tochter zu beobachten, seit ihrem ersten Atemzug liegt es im Sterben. Es stirbt, je mehr Erfahrungen sie sammelt und je komplexer ihre Wahrnehmungsprozesse werden.

RÜCKKEHR

Dass Jesus in der eingangs zitierten Bibelstelle aber den Erwachsenen vorhält, dass niemand, der das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, ins Reich Gottes gelangen kann, zeigt mir aber, dass es einen Weg „zurück“ geben muss. Zurück zum unbedingten Urvertrauen. Zurück zu der Fähigkeit, gegenwärtig zu sein. Zurück zu der Fähigkeit, alles, was das Leben mit sich bringt, als Lehrmeister willkommen zu heißen.

Und auch das Bild der spirituellen Lehre der Kabbalah – wonach die Vereinigung mit dem eigenen Ursprung ein Ziel des eigenen Lebensweges ist – bekommt für mich durch die Idee, im Laufe seines Lebens zum ursprünglichen Anfängergeist zurückzukehren, eine weitere, wertvolle Facette.

Daher wünsche ich unserer Tochter die Weißheit, innezuhalten, wenn sie sich des Sterbens ihres Anfängergeistes bewusst wird. Die Stärke, umzukehren und sich auf den Weg zurück zu ihm zu machen. Und die Schönheit, die jedem Ursprung innewohnt.

Erhabener Tempel

Wir traten aus dem großen, tiefen Wald heraus auf eine Lichtung. Der Frühling hatte die ersten zarten Blätter und Halme hervorgelockt, die den Boden der Lichtung in ein frisches und saftiges Grün kleideten. Durchsetzt von zahllosen weißen Blüten. Diese verliehen dem ganzen Bild etwas Märchenhaftes. Aus dem grün-weißen Meer erhoben sich einzelne, altehrwürdige Baumriesen. Deren würdevoll mächtigen Kronen wurden langsam vom Frühling wachgeküsst.

Kein von Menschenhand erbauter Tempel hätte jemals so wundervoll und erhaben sein können, wie der Tempel, in dem wir gerade standen. Mein Weggefährte nickte. Er verstand.

Die Situation erinnerte mich an einen Satz, der die Männerarbeit nach Richard Rohr prägt. Dieser besagt, dass der Menschheit zwei Bibeln gegeben sind: Bei der einen Bibel handelt es sich um das dicke, alte Buch, das die Lehre sowie die Geschichte des Christentums enthält. Bei der anderen Bibel handelt es sich um die die Natur um uns herum.

Hieraus spricht das Wissen, dass das Wesen Gottes, die spirituellen Gesetzmäßigkeiten dieser Welt sowie die Kreisläufe des Lebens vollständig offenbart sind in der Schöpfung.

Von Menschen erdachte Rituale – so der Franziskaner-Pater Richard Rohr folgerichtig – können immer nur so sinnvoll sein, wie es ihnen gelingt, diese Gesetzmäßigkeiten und Kreisläufe abzubilden und auszudrücken. Gute Rituale verweisen in letzter Konsequenz immer auf die Schöpfung. Folglich können Rituale auch nie so kraftvoll sein, wie die Natur es seit jeher aus sich heraus bereits ist.

Auf eine tiefe und intuitive Weise begannen wir diese Wahrheit zu erahnen, als wir auf die Lichtung traten und uns ihrer Pracht bewusst wurden. Wir verharrten noch eine ganze Weile. In Schweigen versunken. Und ließen zu, dass sich dieses wundervolle Bild tief in unsere Herzen einbrennt.

Irgendwann setzten wir unseren Weg fort. Achtsamen Schrittes. Durch diesen so erhabenen Tempel, der uns von allen Seiten umgab.

#Gedanke: Dieser Tag

„Sieh, was der Tag Dir bringt
und welches Lied er für Dich singt,
es ist für Dich bestimmt.

Der Tag ist für dich vorgesehen,
lass ihn nicht vorübergehen.
Er kann dir alles geben,
die beste Zeit in deinem Leben.

Ein sorgenfreies Leben
wird es für Dich nicht geben.
Ganz gleich, ob es uns gefällt,
jeder Tag ist die Begegnung mit uns selbst.

Der Tag ist Dir geweiht,
verschwende keine Zeit.
Lebe jetzt und hier
und begrabe ihn tief in Dir.“

(Böhse Onkelz,
aus: Keine Zeit)

Hoffnung

Eine Spaziergängerin vergräbt die Hände in ihrem dicken Mantel. Mit aufgestelltem Fellkragen und gesenktem Kopf eilt sie von dannen. Dorthin, wo dicke Wände, beleuchtete Fenster und qualmende Schornsteine von Behaglichkeit, Wärme und Licht künden.

Meine Blicke gehen ihr nach und schweifen schließlich über die abendliche Weite der Felder und Wiesen. Der Wind bläst mir seinen eisigen Odem ins Gesicht. Und lässt mich erschaudern. Bis auf die Knochen. Und tiefer. Mein Atem kondensiert zu kleinen Wölckchen, bevor der Wind ihn aufnimmt und in alle Richtungen zerstreut. Das Leben kauert unter einer undurchdringlichen Schicht aus Frost und Eis vor sich hin. Kein Grün kleidet die Bäume, Sträucher und Hecken. Kein Wild wagt sich aus dem Dickicht. Kein Vogel kreist am Himmel.

Während ich noch zusehe, wie die Sonne am Horizont einen langsamen Tod stirbt, erkennen es meine Augen. Mit einem Mal. Und ganz klar: Die dunkelste Stunde liegt endlich hinter uns. Und seither erobert die Sonne mit jedem Tag einen Augenblick des Lichts zurück. Tag für Tag. Moment für Moment.

Es ist noch so unscheinbar. Und doch reicht es aus, dass etwas in mir geboren wird: Hoffnung. In mitten der dunkelsten Stunde nahm sie ihren Anfang. Hoffnung auf Zeiten voll Licht. Hoffnung auf Zeiten voll Wärme.

Diese Zeiten kann ich noch nicht sehen. Ich kann sie lediglich erahnen. Doch die Abendsonne, die noch so schwach und gebrechlich über den Feldern und Wiesen prangt, erzählt mir bereits von der Hoffnung auf diese Zeiten. Sie erzählte mir von Hoffnung.

*BAM!* Jo, das ist Freimaurerei!

Der Artikel „Geistesblitz: *BAM!* Jo, das ist Freimaurerei!“ von dem freimaurerischen Blogger Philip Militz hat mich dazu inspiriert, folgende Begebenheit niederzuschreiben, die mir ein Freimaurer-Bruder meiner Loge mal beim Käffchen erzählte. Dazu muss ich jedoch zunächst kurz etwas ausholen.

Eine Achillesferse des Freimauertums ist seine institutionalisierte Organisationsform. Diese macht es notwendig, dass Ämter zu besetzen sind, Sitzungen abzuhalten sind, Protokolle zu fertigen sind und Formalien einzuhalten sind. Dazu muss sie auch den Ansprüchen des deutschen Vereinsrechtes gerecht werden. Wenn man Freimaurer wird und sich auch engagieren will, merkt man relativ schnell, dass ein nicht unwesentlicher Anteil der eigenen Zeit für organisatorische Fragen draufgeht. Und bei solchen Fragen geht es ab und an auch um persönliche Eitelkeiten oder knallharte Machtpolitik.

Das alles schiebe ich vorweg, um die Frustration des Bruders, von dem ich erzählen möchte, nachvollziehbar zu machen. Viele Stunden war er mit eben solcher „freimaurerischen Orga-Scheiße“, wie er es selbst nannte, beschäftigt gewesen und hatte manch Auseinandersetzung führen müssen. Jetzt saß er erschöpft und niedergeschlagen im Restaurant des Logengebäudes und starrte in seinen Kaffee. Dies fiel einem anderen Bruder auf. Dieser setzte sich zu ihm. Der übliche „Wie geht’s – ach ja, muss ja“-Smalltalk war schnell hinter sich gebracht, als dieser Bruder ihn bat, doch mal kurz mitzukommen.

Beide stiegen die Treppenstufen empor bis zum Tempel des ersten Grades. Dieser lag noch vollkommen im Dunklen. Dort angekommen, schaltete der andere Bruder die Lichter des Sternenhimmels an der Decke des Tempels ein. Und auch das Licht im Osten des Tempels. Jetzt setzten sich beide danieder. Und schwiegen einfach nur. Über ihnen strahlten die Sterne des Himmels. Und der Altar im Osten war in dämmriges Licht getaucht. Ansonsten war es dunkel. So saßen sie beide da. Stille legte sich über sie und breitete sich in ihnen aus.

Und mit dieser Stille wurden sie sich wieder bewusst. Sich selbst und auch dem Ort, an dem sie sich gerade befanden. Dieser Moment ließ sie sich ganz neu darauf besinnen, welche Plätze sie in der freimaurerischen Bruderkette einnehmen und ausfüllen. Ich weiß nicht, wie lange beide dort so gesessen hatten, als der andere Bruder schließlich meinte: „Ich gehe gerne hierher, wenn mir der ganze freimaurerische Orga-Trubel über den Kopf wächst. Ganz alleine. Um mich zu sammeln. Um mich zu erinnern, weshalb ich das alles hier überhaupt mache.“

Mein Bruder war derart berührt von diesem Moment, dass er mir Monate später, als ich meinen Unmut über die „freimaurerische Orga-Scheiße“ mit ihm teilte, mir diese Geschichte erzählte, als sei sie erst gestern geschehen…