Ein fragwürdiges Bild?

Wenn man sich als Außenstehender mit dem Freimaurertum beschäftigt, ist so ziemlich das Erste, worauf man stößt, das Bild vom „Rauen Stein“ und vom „Behauenen Stein“ (oder auch Kubus).

Verkürzt dargestellt soll es die Arbeit des Freimaurers an sich selbst ausdrücken. Der Raue Stein beschreibt den unvollkommen Ist-Zustand des Freimaurers und der Behauene Stein das Ideal. Im übertragenen Sinne ist es eine Lebensaufgabe des Freimaurers, alle Ecken und Kanten von sich selbst abzuschlagen, bis ein makellos behauender Kubus übrig bleibt. Ein Stein, der im großen Tempelbau Verwendung finden kann. Je nachdem, welcher Richtung man innerhalb des Freimaurertums angehört, kann dieser Tempel für den „Tempel Salomons“ oder den „Tempel der Humanität“ stehen.

Dieses Bild ist den mittelalterlichen Steinmetzen der Dombauhütten entlehnt. Deren Aufgabe war es, grobe Gesteinsbrocken so lange mittels Hammer und Meißel zu behauen, bis diese in einem sakralen Bauwerk Verwendung finden konnten.

Jeder Suchende, der bei unserer Loge anklopft, wird mit diesem Bild konfrontiert. Und gerne wird diesem Bild noch ein moderner Anstrich verpasst: Mit der wohlklingenden Formulierung, wonach der freimaurerische Weg folglich im Grunde genommen nichts anderes darstellt, als ein Persönlichkeitsentwicklungstraining. Das Exklusive daran, so wird dann gerne weiter angereichert, ist, dass es das wohl älteste bekannte Persönlichkeitstraining der Menschheit ist. In der Regel nicken die Suchenden dann immer genauso eifrig wie artig mit ihren Köpfen. Denn wer kann schon etwas dagegen haben, an sich selbst arbeiten zu wollen?

Auch ich nickte seinerzeit genauso eifrig wie artig, als ich dieses Bild vorgesetzt bekam. Doch je länger ich mich mit diesem Bild auseinandersetze, desto mehr stellt sich mir die Frage, ob es wirklich so glücklich gewählt ist.

Denn ich frage mich, ob dieses Abschlagen der Ecken und Kanten des Rauen Steins letztendlich nichts anderes ist, als das künstliche Abtrennen von Bereichen meines Selbst, die ich – aus welchen Gründen auch immer – als nicht „würdig“ oder nicht wünschenswert identifiziert habe.

Ich habe auf meinem bisherigen Lebensweg recht schmerzhaft lernen müssen, dass es genau das Gegenteil bewirkt, wenn ich Bereiche meines Selbst, denen ich mich nicht zu stellen vermag, einfach unterdrücke oder sie eben abtrenne. Ich habe lernen müssen, dass es allgemein gültige psychologische Gesetzmäßigkeiten sind, wonach alles, was ich von mir selbst als „unerwünscht“ unterdrücke oder abtrenne, an anderer Stelle und in viel mächtigerer und destruktiverer Weise wieder hervorbrechen und sich entladen wird.

Der kürzlich verstorben Sänger Leonard Cohen singt in seinem bemerkenswerten Lied „Anthems“ die Zeile „There is a crack in everything, that is how the light gets in“. Es geht ein Riss durch alles und genau durch diesen scheint das Licht herein.

Dieser Riss – meine Unvollkommenheit, mein Schmerz, mein Hass, meine Angst, mein Egoismus, meine Rastlosigkeit, meine Sucht, meine Wut, mein Neid – genau dieser Riss ist der Ort, an dem das Licht hereinbricht. Das alles gehört zu mir. Das alles hat mich etwas zu lehren und erfüllt seinen Zweck auf meinem Weg. Schlage ich etwas davon ab, schlage ich einen Teil von dem ab, was meine Person ausmacht.

Das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass ethisch-moralisches Handeln irrelevant wäre. Oder dass es keine Werte gäbe, an denen man sein Leben ausrichten sollte. Lediglich der Umgang mit den Anteilen von mir, die diesem Bemühen zuwider laufen, ist ein anderer.

Es geht nicht darum, diese Anteile zu unterdrücken oder abzutrennen. Sondern es geht zunächst darum, diese Anteile anschauen zu können, ohne sie bewerten zu müssen, und schließlich anzunehmen. Nur wenn das geschieht, lerne ich darauf zu hören, was diese Anteile mir über mich zu sagen haben.

In der Männerarbeit nach Richard Rohr bezeichnen wir dies als Schattenarbeit. Es geht darum, den eigenen „Dunklen Bruder“ zu umarmen, anstatt ihn zu bekämpfen.

Wenn ich dies vermag, werden die Ecken und Kanten meines Rauen Steins zu dem Ort, an dem das Licht hindurchbricht. Dann wird mein Dunkler Bruder zum Lehrmeister über mich selbst. Schlage ich hingegen die Ecken und Kanten meines Rauen Steines ab bzw. spalte meinen Dunklen Bruder von mir ab, bringe ich mich um ganz entscheidende Lektionen meines Lebens.

Das sind die Gründe, weshalb sich mir die Frage stellt, ob dieses freimaurerische Bild des Weges vom Rauen Stein zum Behauenen Stein wirklich so gut gewählt ist. Oder ob es nicht sogar zweifelhaft – oder besser: fragwürdig – ist… ?

dunkler-bruder
(Bild von cac.org)

(Einschränkend muss ich zu mir sagen, dass ich mich aktuell im 3. Grad – dem des Johannismeisters – befinde. Der Weg eines Ordensfreimaurers, den ich gehe, erstreckt sich über 10 Grade. Wohl ist in den ersten drei Graden die gesamte freimaurerische Lehre enthalten. Dennoch lernt man in jedem Grad weitere, vertiefende und erweiternde Aspekte der einzelnen freimaurerischen Symbole kennen. Daher kann ich nicht sicher sagen, ob ich diesen Text genauso schreiben würde, wenn ich mich in einem höheren Grad befände.)

Die Sehnsucht der männlichen Seele

WIE ALLES BEGANN…

Im Dezember des letzten Jahres hatte mein Blog seinen 1-jährigen Geburtstag. Rechtzeitig dazu war er von insgesamt 46 Ländern aus 10000 Mal aufgerufen worden. Eine Marke, von der ich nie zu träumen gewagt hätte, sie nach so kurzer Zeit schon zu reißen.

Ich weiß noch, wie ich mit meinem Freund und Weggefährten Jörg am 1. Januar 2014 bei sternenklarer Nacht am Lagerfeuer bei Zigarre und Whisky zusammensaß und er von seinen Erfahrungen mit seinem Blog (http://www.schoepfungsspiritualitaet.de/) erzählte. Schon länger ging ich mit der Idee schwanger, eventuell auch mit dem Bloggen anzufangen. An diesem Abend fasste ich den Entschluss: „Ja, ich werde Blogger!“

Von da an dauerte es fast ein ganzes Jahr bis zu meinem ersten Artikel. Zunächst galt es zu recherchieren, was man alles zu bedenken hat und in welche Fallen man tapsen kann. Dann musste ich mir klar darüber werden, wie mein Blog heißen und wie er optisch aufgemacht sein soll. Schließlich begann ein schier endloses „Trial an Error“.

Doch wozu das alles? Wovon soll mein Blog erzählen? Für diese Frage muss ich etwas weiter ausholen…

SCHMERZHAFTE ERFAHRUNG

Vielleicht begann alles mit meinen Fragen nach „männlicher Spiritualität“. Welche spirituellen Bilder sind stark genug, um von der Sehnsucht der männlichen Seele zu erzählen und dem Mann Zugang zu seiner inneren Welt zu ermöglichen? Welche spirituellen Formen haben die Kraft, den Mann von innen heraus zu transformieren und sowohl seine liebevoll-zärtliche als auch seine archaisch-kriegerische Seite zu integrieren? Wie kann ein Mann Zugang zu seiner innersten kraftvollen Männlichkeit erhalten, ohne diese Kraft missbrauchen zu müssen?

Fragen, denen ich mich hatte stellen müssen. Denn auf sehr bittere und schmerzhafte Weise hatte ich lernen müssen, dass ein dogmatisch verstandener Glaube mit einem dualistischen Weltbild – das alles in Gut und Böse, Richtig und Falsch einteilt – das tiefste Sehnen der männlichen Seele nach authentischer und kraftvoller Spiritualität nicht zu stillen vermag. Es war eine Phase der Orientierungslosigkeit und es war eine Phase der Angst, die mein Leben zutiefst verunsicherte. Und in Frage stellte.

Doch in dieser Krise geschahen zwei Dinge: Zum Einen kam ich mit Literatur des Franziskaner-Paters Richard Rohr in Berührung. Zum Anderen begann ich, mich mit freimaurerischer Symbolik auseinanderzusetzen. Zwei Dinge, die weite Kreise ziehen sollten…

PATRIARCHAT UND FEMINISMUS

Seit den 70er-Jahren geht Richard Rohr genau dieser Frage nach authentischer und transformierender männlicher Spiritualität nach. Hierbei machte er die Beobachtung, dass Jahrhunderte des Patriarchats einen großen Verlierer hervorgebracht haben: Nämlich den Mann. Denn irgendwo im tagtäglichen Wettstreit um Macht, Geld, Sex und Prestige verschüttete bei den allermeisten Männern der Zugang zu ihrer inneren Welt. Die Leere, die zurückblieb überkompensierte „Mann“ mit dem äußeren Zur-Schau-Stellen von Status, Potenz und Stärke.

Auch der Feminismus – so notwendig und segensreich er auch ist – vermochte den Männern diesen Zugang nicht wieder freizulegen. Der Feminismus konnte zwar kranke männliche Strukturen benennen, in Frage stellen und zum Teil auch aufbrechen. Den Weg zu einer gesunden Männlichkeit kann er den Männern aber nicht abnehmen.

ARCHAISCHE INITIATIONSRITEN

Richard Rohr stellte bei seinen Nachforschungen fest, dass alle archaische Kulturen über Einweihungsriten für ihre (jungen) Männer verfügten. Initiationsriten. Doch interessanter war seine Feststellung, das diese Riten sich sowohl in ihren inhaltlichen Aussagen, als auch in ihren rituellen Ausgestaltungen erstaunlich glichen. Und das, obwohl sie zum Teil von ganz unterschiedlichen Kulturen auf ganz unterschiedlichen Kontinenten praktiziert wurden.

In all diesen Riten ging es darum, das Ego des jungen Mannes in seinen Grundfesten zu erschüttern. Ihn mit seinem eigenen Schatten, seiner Schwachheit und seiner Irrelevanz zu konfrontieren. Der Initiant durchlief rituell den Kreislauf des Werden und Vergehen allen Lebens. Er wurde verwundet und starb einen grausamen Tod. Der Mann, der auferstand, hatte eine Weihe erlebt. In etwas, das viel größer, weiter und allumfassender war, als sein ständig um sich selbst kreisendes Ego es je sein könnte. Nicht selten kehrte der junge Mann aus der Tiefe dieses Rituals mit einem neuen – seinem ureigensten – Namen zurück. Diese Erfahrung hatte das Potential, der Anfang der ganz persönlichen Heldenreise des Mannes zu werden.

VERLORENES ERBE

Weiter fiel Richard Rohr auf, dass in der westlichen Welt das Erbe dieser Männerinitiation verlorengegangen ist. Rudimentäre Überbleibsel finden sich vielleicht noch in der Idee der kirchlichen Taufe und Konfirmation bzw. in Taufe und Firmung.

Und das in einer Zeit, in der der Gedanke der Männerinitiation wohl aktueller ist denn je. Denn verfügt eine Gesellschaft über keine Übergangsriten mehr, die ihre Männer aus dem Gefängnis ihres egodominierten Falschen Selbst herausführen, bleiben viel zu viele innerlich trauernde und verängstigte Männer zurück. Da Männer aber oftmals schwer Zugang zu vermeintlich schwachen Gefühlen wie der Trauer oder Angst bekommen, manifestieren sich diese Emotionen viel zu oft als Wut. Richard Rohr prägte hierfür den Begriff des „Angry Young Man“. Angry Young Men – Treffender kann man posende Gangmitglieder, marschierende Neonazis, religiöse Selbstmordattentäter oder randalierende Punks wohl nicht beschreiben. Doch die Gewalt dieser (jungen) Männer ist tief in Angst und Trauer verwurzelt. Angst und Trauer, zu der sie selbst keinen Zugang mehr finden.

Also verglich Richard Rohr die unterschiedlichen Initiationsriten der verschiedenen Zeiten und Kulturen miteinander und extrahierte deren Gemeinsamkeiten. Hieraus entwickelte er einen Initiationsritus, der das alte Wissen bewahrt. Der aber ebenso den Mann des 21. Jahrhundert dort abholt, wo er steht.

Vor einigen Jahren durchlief ich diesen Ritus. Es war ein einschneidendes spirituelles Erlebnis. Es hat mich zutiefst berührt. Und meinen weiteren spirituellen Weg entscheidend geprägt. Sei es durch das Erleben des Verbunden-Seins mit allem, wie ich es bis dahin nicht gekannt hatte. Sei es durch die inneren Themen, die ich mit auf den Weg bekommen habe. Vielleicht sogar durch ein neues Bewusstsein für das Leben, in das ich eingetaucht bin.

WESEN DES FREIMAURERTUMS

Parallel dazu tauchte ich in die Welt des Freimaurertums ein. Irgendwie übte diese Bruderschaft eine seltsame Faszination auf mich aus. Und so las ich Buch um Buch zu diesem Thema. Vom abstrusesten Verschwörungsschinken bis hin zum trockensten wissenschaftlichen Schinken. Stetig davon angetrieben, unbedingt verstehen zu wollen, was das Wesen dieser Bruderschaft ausmacht. Ich merkte, wie ich mich für die Welt des Freimaurertums öffnete. Und wie ich innerlichen Zugang zu dieser Welt bekam.

Allerdings begriff ich erst durch die Literatur von Richard Rohr, dass ein wesentlicher Teil dessen, was das Wesen des Freimaurertums ausmacht, ein alter, überlieferter Initiationsritus ist. Diese Bruderschaft hat in ihrem Kern den Gedanken der Männerinitiation durch die Jahrhunderte hindurch bewahrt. Allerdings benutzt das Freimaurertum kaum noch archaische Bilder und Symbole, um dies auszudrücken. Sondern Bilder und Symbole, die den Dombauhütten und den Steinmetzbruderschaften des Mittelalters entlehnt sind.

MISSING LINK

Doch wie kam es dazu, dass sich im Laufe der Geschichte diese beiden Linien – die der Inititiation und die der Steinmetze – im Freimaurertum kreuzten? Witzigerweise war es wieder Richard Rohr, der mir das fehlende Puzzleteil zu dieser Frage lieferte. In seinem Buch „Adams Wiederkehr“ beschreibt er fast schon beiläufig ein altes Ritual, das der Mönchsorden der Benediktiner in den ersten Jahrhunderten seines Bestehens praktiziert hat: Zur Feier des Gelöbnisses lag der Kandidat in ein Leichentuch gehüllt vor dem Altar, während um ihn herum Kerzen standen, die entzündet waren und Requiem gesungen wurden. Das Bild einer Beerdigung. Im Laufe der Zeremonie erstand der Kandidat aus diesem Grab auf und wurde in den Orden aufgenommen. Das alte initiantische Bild von Tod und Auferstehung. Richard Rohr erklärte dies damit, dass der Benediktiner-Orden, der einzige Mönchsorden ist, der auf Grund seines Alters noch mit archaischen Intitiationsriten in Berührung gekommen ist.

Und plötzlich setzte sich das Puzzle für mich zusammen. Denn die Benediktiner waren auch einer der Mönchsorden, die in der Zeit der Vorromanik mit dem Bau von Klosteranlagen – insbesondere der Klosterkirchen – begangen. In der Romanik entwickelten sich die „bauenden“ Mönche zu „reisenden“ Mönchen. Diese reisten von Klosterbaustelle zu Klosterbaustelle, um Klosterkirchen zu errichten. Hieraus wiederum gingen die Bauhütten und Steinmetzbruderschaften, die im Mittelalter die gotischen Sakralbauten erschufen, hervor. Diese aber existierten und wirkten mittlerweile organisatorisch unabhängig von den Mönchsorden. Bis zu der Zeit der Aufklärung wiederum entwickelte sich aus ihnen das spekulative Freimaurertum.

Der Mönchsorden der Benediktiner scheint also der Knotenpunkt zu sein, an dem sich der Gedanke der Männerinitiation mit dem Kirchenbauhandwerk verband. Als ich das begriffen hatte, fasste ich den Entschluss, an die Tore des Tempels der Bruderschaft der Freimaurer zu klopfen und um Einlass zu bitten.

WARUM NUN DIESER BLOG?

Ich glaube, es ist etwas ganz besonderes an unserer Zeit, dass Männer mit ganz unterschiedlichen spirituellen Hintergründen und Geschichten wieder beginnen, das alte Erbe der Initiation zu entdecken. Der Ritus nach Richard Rohr ist nur ein Beispiel dafür. Ich habe viele aufrichtige Männer kennenlernen dürfen, die sich wieder auf ihre ganz eigenen Heldenreisen begeben haben. Die sich ihren dunklen Seiten gestellt haben. Die in Demut die archaische Kraft und die Zerbrechlichkeit ihres Mann-Seins angenommen haben. Zentral in den Biographien dieser Männer war das Durchlaufen eines Initiationsritus.

Und dann ist da seit jeher diese alte Bruderschaft der Freimaurer inmitten der Gesellschaft, die das Erbe der Initiation seit einer so langen Zeit bewahrt. Und deren Wurzeln sich Jahrhunderte, vielleicht sogar Jahrtausende zurückverfolgen lassen.

Meine Erfahrung ist allerdings, dass das Freimaurertum für manch spirituell aufrichtig suchenden Mann bisweilen abschreckend daherkommt. So wirken die Grade, die ein Freimaurer durchläuft, oftmals hierarchisch. Und auch die äußeren Formen erwecken nicht selten einen elitären und starren Eindruck.

Trotzdem glaube ich, dass diese beiden so unterschiedlichen Traditionen der Männerinitiation sich gegenseitig ergänzen und bereichern können. Setzen sie doch bei denselben Fragen an, die sich die männliche Seele seit jeher stellt. Und geben Sie auf diese Fragen – bei näherer Betrachtung – doch auch ganz ähnliche Antworten. Und genau das ist es, wovon ich auf diesem Blog erzählen möchte…

Symbolik des Todes

„Stellen Sie Ihre profanen Gespräche ein … Kleiden Sie sich maurerisch.“ Diese Aufforderung ergeht feierlich und bestimmt zugleich. Und sogleich legt sich ein Schweigen auf uns. Zylinder werden aufgesetzt, weiße Handschuhe übergestreift.

Hiernach ziehen wir in den Tempel ein. In Zweierreihen. Still. In uns gekehrt. Achtsamen Schrittes.

Der Tempel ist in die Farben der Trauer und in die Symbolik des Todes gehüllt. Trauerloge. Heute gilt es all jenen zu gedenken, die im letzten Jahr von uns gegangen sind. Noch einmal die Erinnerung zulassen. Und den Schmerz, der so untrennbar in sie eingewebt ist.

Das Ritual der Trauerloge findet jedes Jahr um Totensonntag und Volkstrauertag statt. Und jedes Jahr erinnert sie mich auf’s Neue daran, dass wir nun endgültig in der dunklen Jahreszeit angekommen sind.

Die Tag-Nacht-Gleiche des September liegt lange hinter uns. Die bunten Blätter des Oktober rotten auf dem Boden vor sich hin. Und auch die einst so prachtvoll goldene Sonne fristet ein seltsam kraftloses und fahles Dasein am Firmament. Die Nächte dafür sind tiefschwarz und ihre kalten Schatten reichen bis weit in den Tag hinein.

Dunkelheit. Das freimaurerische Ritual bewahrt mich nicht vor dieser Finsternis. Es begleitet mich hinein. In das Herz dieser Finsternis. Und damit hilft es mir, mich der Realität dieser Finsternis zu stellen. Sie nicht zu verdrängen, sondern bewusst hindurch zu gehen.

Wenn die Brüder den Tempel nach dem Ritual der Trauerloge wieder verlassen, wird noch immer ein Schweigen auf ihnen ruhen. Doch dieses Schweigen wird anders sein. Nachdenklicher. Kontemplativer.

Wo Faschismus beginnt

BILDER DER GEWALT

Asylunterkünfte brennen. Die Braunen marschieren wieder. Um diesen Fremden zu zeigen, dass sie unerwünscht sind. Flüchtlinge, heimatlos und traumatisiert. Als die Polizei eingreift, fliegen Flaschen, Steine, Feuerwerkskörper. Barrikaden werden errichtet und in Brand gesteckt. Die Zahl der verletzten Polizisten wird in den zweistelligen Bereich gehen. Bürgerkriegsähnliche Bilder werden später von den Nachrichtensendern ausgestrahlt werden. Bilder, von denen ich gehofft hatte, sie in Deutschland nie wieder mitansehen zu müssen.

In den darauffolgenden Tagen wird sich auch die AntiFa berufen fühlen, aufzumarschieren. Den braunen Schläger-Trupps folgen die schwarz-roten. Auch diese werden zur Gewalt greifen. Alles wieder auf dem Rücken der Polizeibeamten. Die Bilder später in den Nachrichten werden denen der Nazi-Ausschreitungen erschreckend ähneln.

Ein x-beliebig anderer Ort in einem x-beliebigen Land zu einer x-beliebigen Zeit: Ein junger Mann holt unter seinem Mantel eine Schnellfeuerwaffe hervor. Lädt durch, legt an, drückt ab. Wieder und wieder. Im Namen Allahs. Sein einziger Vorsatz: Möglichst viele mit in den Tod zu reißen. Menschen, deren einziger Fehler es ist, die falschen Weltbilder für wahr zu halten. Oder in der falschen Gegend geboren worden zu sein. Vielleicht sind sie einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Nur wenige Minuten wird es dauern. Doch diese werden ausreichen, um ein ganzes Land in Schockstarre zu versetzen.

WIE KONNTE ES SOWEIT KOMMEN?

Das, was an diesen Taten so schockiert, ist die Empathielosigkeit, die die Gewalttäter ihren Opfern gegenüber an den Tag legen. Wie kann es dazu kommen, dass Menschen ihre natürliche Hemmschwelle, einem anderen Menschen Gewalt anzutun, verlieren? Wieviel Indoktrination braucht es, zu legitimieren, einen anderen Menschen zu töten? Wie lange muss ein Mensch konditioniert werden, bis er im Gegenüber nur noch den Angehörigen einer feindlichen Weltanschauung oder den Vertreter eines verhassten Systems sieht? Und nicht mehr einen Menschen. Mit denselben Bedürfnissen, den denselben Hoffnungen und denselben Ängsten.

Wenn man im Gegenüber nicht mehr den Menschen sehen kann und dessen Würde einer Anschauung unterordnet, ist – meines Erachtens – der Punkt erreicht, an dem Faschismus seinen Anfang nimmt. Hierbei ist es völlig unerheblich, ob diese Anschauung politischer oder religiöser Natur ist. Ein Wesensmerkmal faschistischer Systeme war und ist immer auch die Empathielosigkeit bestimmter menschlicher Gruppierungen gegenüber.

WAS WIR ERNTEN

In fast allen spirituellen Traditionen findet man das Prinzip von Saat und Ernte. Vereinfacht besagt dieses, dass man mit allem, was man sagt, tut und unterlässt oder auch denkt und fühlt, eine Saat ausstreut. Diese wird irgendwann aufgehen und Früchte hervorbringen. Entsprechend der Saat können diese Früchte konstruktiver oder destruktiver Natur sein.

Dies vorausgesetzt, frage ich mich, was für eine Welt wir uns aktuell erschaffen. Was wird die Menschheit ernten, wenn das, was sie aussät, abscheulichste Gewalttaten sind? Wenn diese Taten heroischer sind, je brutaler sie sind und je mehr Opfer sie hervorbringen. Denn mit jeder Gewalttat bleiben ganze Scharen von verwundeten, trauernden und zornigen Menschen zurück. Verletzt an Leib und Seele.

Wenn Wunden aber eins benötigen, um zu heilen, so ist es vor allem Zeit. Doch genau diese scheint der Menschheit nur so durch die Finger zu rinnen. Wir befinden uns in einer – sich immer schneller drehenden – Spirale aus Gewalt und Gegengewalt. Die Wunden der ersten Tat sind noch nicht verheilt, da reißt die Reaktion auf diese Tat schon wieder neue.

Und je weiter man in der Menschheitsgeschichte zurückblickt, desto schwieriger ist es zu benennen, wer irgendwann mal den Anfang dieses Kreislaufs gesetzt hat. Kaum noch zu bestimmen, wer die Schuld an dem trägt, was wir aktuell erleben.

Trotzdem aber wird jede dieser Gewalttaten als Rechtfertigung genommen, zu verurteilen. Endlich hat manch Otto-Normal-Verbraucher einen Grund, „diese Ausländer“ – die ihm ja eh schon immer irgendwie suspekt waren – ablehnen zu dürfen. Und so sieht man im Flüchtling auch nicht mehr das heimatlose Kriegsopfer mit einer erschütternden Lebensgeschichte. Sondern nur noch einen Faktor, der uns Geld kostet.

DER WEG DES FRIEDENS

Diese Zeit brüllt uns förmlich ins Gesicht: Wo sind die Menschen, die die Fähigkeit besitzen, die Dinge differenziert zu betrachten und in einen größeren historischen Rahmen einzubetten? Die in der Lage sind, verschiedene Standpunkte einzunehmen und zu verstehen. Die nicht gleich ganze Menschengruppen stigmatisieren, weil einzelne von ihnen Gewalttaten begangen haben. Die nicht nur nach Begründungen suchen, das Andersartige zu bekämpfen. Sondern es wagen, empathisch zu sein und sich in dessen Situation hinein zu versetzen. Die die Spannung aushalten, für erlittenes Unrecht keine Vergeltung zu üben; weil Gewalt gegen Menschen für sie kein probates Mittel darstellt. Die dieses Unrecht trotzdem ganz klar benennen und aufzeigen können. Ohne jedoch es missbrauchen zu müssen, die eigene Schuld zu relativieren. Die Menschen, für die jeder Mensch eine Würde hat. Nicht nur der, der ihrer Wertegemeinschaft, ihrer Religion oder ihrem Volk angehört.

Eigentlich braucht die Menschheit genau die Werte, die auch schon Jesus Christus vor etwa 2000 Jahren von den Menschen einforderte: Seinen Nächsten – insbesondere seinen Feind – zu lieben wie sich selbst. Erst den Balken im eigenen Auge zu entfernen, bevor man auf den Splitter im Auge des Nächsten zeigt. Jeden so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte.

Konsequent zu Ende gedacht bedeuten diese Forderungen nichts anderes, als das eigene Ego von seinem Thron zu stoßen und sich seiner inneren dunklen Seite zu stellen.

Dahinter verbirgt sich das Wissen, dass ich nur dann empathisch sein kann, wenn ich mein Ego entmachtet habe. Denn das Ego ist der angstmotivierte Anteil in mir, der nach Macht und Anerkennung von außen strebt. Der Teil, der die Kontrolle behalten will und in den Krieg zieht, wenn diese bedroht ist. Es ist der Teil in mir, der auf Vergeltung drängt, wenn er angegriffen worden ist.

Außerdem verbirgt sich dahinter das Wissen, dass es keinen äußeren Feind gibt. Das, was ich an anderen bekämpfe, ist letztendlich nur Projektion meines eigenen, unerlösten Anteils. Mein eigener Schatten. Und anstatt, diesen Feind außerhalb von mir zu suchen, muss ich den Blick nach innen richten. Ich muss lernen, meine Schattenseite zu betrachten und auszuhalten und so aus dem Unbewussten ins Bewusste zu holen. Sie zu umarmen, anstatt sie zu bekämpfen.

Dieser Weg nach innen ist der beschwerlichere, als der nach außen gerichtete Angriff. Vielleicht sagte der Christliche Mystiker Thomas Merton deshalb, dass es ein viel heldenhafteres Opfer verlangt, Frieden zu stiften, als den Krieg zu erklären.

Aber genau solche Helden braucht unsere heutige Zeit nötiger denn je! Menschen, die sich auf diesen inneren Weg des Friedens begeben, anstatt auf den äußeren Weg des Krieges!

Männer-Initiation 2015

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In der Zeit, als die Religion noch nicht institutionalisiert war, kannte sie jede Kultur: Initiationsriten. Der junge Mann durchlief Rituale, die ihn mit seinem Tod und mit seinem Schatten konfrontierten. Rituale, die ihn die Frage nach seiner tiefsten Identität als Mann stellen ließen. Oftmals waren diese Rituale der Beginn der ganz persönlichen Heldenreise des jungen Mannes zu sich selbst. Zu seinem Platz im Mysterium des Lebens, in dieser Welt und in der Gemeinschaft der Menschen. Er wurde in etwas initiiert, das viel umfassender und größer war als er und sein kleines Ego.

Unsere westliche Welt hat das alte Wissen um die Notwendigkeit der Initiation des Mannes vergessen. Zurückgeblieben sind orientierungslose Männer; unfähig ihr Innerstes auszudrücken. Eingezwängt zwischen den Rollenklischees vom Softi und vom Macho. Männer, die nur schwer Zugang bekommen zu ihrer archaisch-kriegerischen Seite, ebenso wie zu ihrer liebevoll-zärtlichen. Wütende Männer, ängstliche Männer.

Eines der Lebensthemen des Franziskaner-Paters Richard Rohr ist die Frage, welche spirituellen Formen der männlichen Seele entsprechen. Welche Formen sind notwendig, damit der Mann mit seinem tiefsten Innersten in Berührung kommen kann?

Richard Rohr verglich die unterschiedlichen Initiationsriten der verschiedenen Kulturen und Zeiten miteinander. Er stellte fest, dass diese sich in ihren grundsätzlichen Aussagen und Zielrichtungen überraschend ähnelten. Und unterschieden sich auch die verwendeten Rituale und Symbole äußerlich, so waren die inneren Wege, die sie die jungen Männer gehen ließen, doch die gleichen.

Aus diesem Wissen und nach diesem Vorbild entstand ein neuer Initiationsritus. Ein Ritus, der den Mann den alten Weg von Leid, Tod und Auferstehung gehen lässt. Ein Ritus, der ihn mit seiner dunklen Seite konfrontiert. Ein Ritus, der den Mann mit seinem tiefsten Innersten in Berührung kommen lässt. Ein Ritus, der letztendlich den Startpunkt markiert für die ganz persönliche Heldenreise des Mannes.

Der Verein Männerpfade (http://maennerpfade.org/node/1) wird vom 02. – 06. September in Süddeutschland wieder eine Männer-Initiation nach Richard Rohr durchführen.

Höre in Dich hinein, Mann! Vielleicht ist diese Initiation genau der nächste Schritt auf Deinem spirituellen Weg?!