Hoffnung

Eine Spaziergängerin vergräbt die Hände in ihrem dicken Mantel. Mit aufgestelltem Fellkragen und gesenktem Kopf eilt sie von dannen. Dorthin, wo dicke Wände, beleuchtete Fenster und qualmende Schornsteine von Behaglichkeit, Wärme und Licht künden.

Meine Blicke gehen ihr nach und schweifen schließlich über die abendliche Weite der Felder und Wiesen. Der Wind bläst mir seinen eisigen Odem ins Gesicht. Und lässt mich erschaudern. Bis auf die Knochen. Und tiefer. Mein Atem kondensiert zu kleinen Wölckchen, bevor der Wind ihn aufnimmt und in alle Richtungen zerstreut. Das Leben kauert unter einer undurchdringlichen Schicht aus Frost und Eis vor sich hin. Kein Grün kleidet die Bäume, Sträucher und Hecken. Kein Wild wagt sich aus dem Dickicht. Kein Vogel kreist am Himmel.

Während ich noch zusehe, wie die Sonne am Horizont einen langsamen Tod stirbt, erkennen es meine Augen. Mit einem Mal. Und ganz klar: Die dunkelste Stunde liegt endlich hinter uns. Und seither erobert die Sonne mit jedem Tag einen Augenblick des Lichts zurück. Tag für Tag. Moment für Moment.

Es ist noch so unscheinbar. Und doch reicht es aus, dass etwas in mir geboren wird: Hoffnung. In mitten der dunkelsten Stunde nahm sie ihren Anfang. Hoffnung auf Zeiten voll Licht. Hoffnung auf Zeiten voll Wärme.

Diese Zeiten kann ich noch nicht sehen. Ich kann sie lediglich erahnen. Doch die Abendsonne, die noch so schwach und gebrechlich über den Feldern und Wiesen prangt, erzählt mir bereits von der Hoffnung auf diese Zeiten. Sie erzählte mir von Hoffnung.

Der Ruf der Zugvögel

Ich setze den Fuß vor die Tür. Hinaus in den Nebel. Kälte umfängt mich. Und Dunkelheit. Mein Blick verliert sich in dichtem Grau.

Der Ruf des Zugvogels. Von irgendwoher. Weit oben. Weit entfernt. Der Zuvogel kehrt zurück. Und mit ihm die Hoffnung. Auf das, was hinter dem Nebel liegen mag. Auf das, was hinter der Kälte liegen mag. Auf das, was hinter dem Dunkel liegen mag.

Ich halte kurz inne. Ich verharre einen Moment. Und atme tief ein. Mit einem Mal schmecken meine Lungen ein wenig der Milde des Frühlings.

Und plötzlich nehme ich sie wahr. Die vielen kleinen Vorboten dessen, was vor uns liegt. Die ersten Knospen brechen hervor. Hier und da trotzen Schneeglöckchen dem mit Raureif überzogenen Boden. Noch ganz zart. Doch unaufhaltsam.

Und hinter dem Nebel schimmert nicht mehr das Schwarz des Winters. Sondern das Gold des Sommers. Noch ganz unscheinbar und schwach. Doch unumkehrbar.

Der Ruf des Zugvogels verliert sich nach und nach in der Ferne. Doch die Antworten auf seinen Ruf kann ich plötzlich überall um mich herum wahrnehmen…

Stille Nacht – Heilige Nacht?

Eigentlich wollte ich hier noch gar nichts schreiben, bevor mein Blog nicht komplett fertiggestellt ist. Aber ich habe das Gefühl, dass mich die (Vor-) Weihnachtszeit mal wieder regelrecht in den Wahnsinn zu treiben droht; oder halt an die Tastatur. Ich habe mich für letzteres entschieden.

Im Grunde arbeitet die Advents- und Weihnachtszeit mit kraftvollen und archetypischen Bildern, die, so glaube ich, die Macht haben, den Menschen im Innersten zu berühren und zu transformieren.

Es ist die dunkelste Zeit im Jahr. Die Tage sind so kurz und die Nächte so lang und tief, wie sonst nie. Es ist die Zeit der Kälte, die Zeit der Finsternis und die Zeit des Todes. Der Frost hat alles Leben unter sich begraben. Wir befinden uns im Winter; im Norden des Lebens.

Die Adventszeit fordert uns auf, inmitten dieser Dunkelheit und Trostlosigkeit auszuharren; diesen Schwellenraum außerhalb unserer Wohlfühlzone nicht zu verlassen oder „weg machen“ zu müssen. Es ist dieselbe Aufforderung, die bei den alten Initiationsriten an den Initianten gestellt wurde: „Stell Dich der Finsternis. Halte die Finsternis aus. Und das, ohne dass Du weißt, ob diese Finsternis je ein Ende nehmen wird.“ Auch in jeder Heldenreise kommt die Zeit, in der der Held in irgendeiner Weise durch das „dunkle Tal“ wandern muss, ohne zu wissen, ob er aus diesem jemals wieder herauskommen wird.

Aber der Winter ist auch die Zeit, in der unter der Eisschicht das heranreift, was im Frühling mal hervorbrechen wird. Daher fordert uns die Adventszeit inmitten dieser Finsternis auch auf, zu erwarten, dass das Licht geboren wird.

Und zu Weihnachten, in der längsten und tiefsten Nacht des Jahres, wird dann das, was wir noch nicht sehen können, geschehen: Das kleine Kind wird geboren werden: Jesus Christus, der später in der Bibel „Das Licht der Welt“ und „Der Morgenstern“ genannt werden wird. Der Morgenstern ist der Stern, der am Himmel erscheint, kurz bevor der neue Tag anbricht. Der, der verkündet, dass die Dunkelheit ein Ende hat, und dass das Licht kommt. In der antiken Mythologie war dieser Morgenstern einst Luzifer, der Lichtbringer.

Daher ist die Aufgabe des Advents zweierlei: Zum einen fordert er uns auf, die Dunkelheit auszuhalten. Zum anderen richtet er unseren Blick aus auf die Geburt des Lichtes. Diese Geburt kann aber erst stattfinden, wenn die Nacht am tiefsten ist.

Ich glaube, dass unserer Gesellschaft die Fähigkeit, Dunkelheit zu ertragen, Finsternis auszuhalten, weitestgehend verloren gegangen ist. Wir haben eine Ideologie, die die egomanen subjektiven Bedürfnisse des Individuums über alles stellt. Ein Gesellschaftssystem, das auf Schmerzvermeidung und Sicherheit ausgelegt ist. Zumindest für die, die es sich leisten können. Und ein Wirtschaftssystem, das uns einredet, dass wir jedes Bedürfnis sofort befriedigen, jeden Mangel augenblicklich ausfüllen dürfen und müssen. „Ich will – alles – und das sofort!“

Und so verwundert es nicht, dass immer mehr Menschen alles tun, um die Finsternis des Winters zu vermeiden. Wenn es zu unangenehm wird, suchen wir uns flüchtige Befriedigung, flüchtige Ablenkung, flüchtiges Glücksgefühl. Dann greifen wir zu den Weihnachtssüßigkeiten – die es ja schon seit September zu kaufen gibt – kippen uns Glühwein hinter die Binden, schmücken unsere Häuser und Wohnungen mit hellen und bunten Lichtern und hören kitschige, inhaltslose Weihnachtsmusik. Viel Aufwand, nur um die dunkle Jahreszeit, die uns mit unserem Tod und unserer Endlichkeit konfrontiert, nicht wahrnehmen zu müssen.

Advent und Weihnachten sind mittlerweile oftmals nicht viel mehr als der hohle und belanglose Abklatsch einer idealisierten Heilen Welt. Die kitschige Weihnachtsromantik unserer Gesellschaft verkommt mehr und mehr zu einer Flucht vor der Realität, als dass sie uns noch mit unseren ureigensten Lebensthemen in Berührung kommen ließe.

Es ist ein Gesetz der Psychologie, dass alles, was man verdrängt, weil man es nicht erträgt, in viel mächtigerer und destruktiverer Weise an anderer Stelle wieder hervorbrechen wird. Wenn ich das bedenke, dann stelle ich mir die Frage, was für Aussichten eine Gesellschaft hat, die alles, was mit Tod, Finsternis und Endlichkeit zu tun hat, verdrängt?

Und was muss geschehen, damit eine Gesellschaft sich der archetypischen und transformierenden Botschaft der Advents- und Weihnachtszeit wieder bewusst wird?