Eine Nachlese

UNGELÖSTE FRAGEN

Letzten Monat habe ich einen Blogartikel über das Buch „Wörter machen Götter“ des Freimaurer-Bruders Klaus-Jürgen Grün geschrieben.

In dem Buch hatte sich Bruder Grün kritisch mit Religion und Gottesglauben auseinandersetzt und die Idee eines atheistisch humanistischen Freimaurertums dargelegt. In Zuge dessen sprach er dem christlichen Freimaurerorden jegliche Regularität ab und bedachte ihn mit Schlussfolgerungen und Formulierungen, die mindestens geeignet waren, Brüder des Freimaurerordens vor den Kopf zu stoßen.

Und so löste dieses Buch auch heftigste Auseinandersetzungen zwischen Freimaurern aus dem christlichen Lager und Freimaurern aus dem humanistischen Lager aus. Auch mich hatte einiges, was ich aus diesem Buch las, verletzt. In meinem Blogartikel versuchte ich nachzuspüren, was genau dieses Buch in mir auslöste und warum.

Das Schreiben des Artikels wiederum, aber auch die durch ihn losgetretenen Diskussionen ließen nochmal ganz neue Fragen in mir aufsteigen. Fragen, die ich lange nicht so recht greifen konnte. Und denen ich mich mit diesem Artikel annähern möchte…

WAS IN MIR UND WARUM?

Ein Freimaurer-Bruder brachte es ziemlich treffend auf den Punkt, als er in einem Online-Forum schrieb: „Ich verstehe nicht, wie jemand, der fest im Glauben verankert ist, sich von Meinungsäußerungen, die sich gegen seinen Glauben richten, provoziert fühlen kann. Kann man denn Gott beleidigen? Kann man sich persönlich angegriffen fühlen, sofern jemand etwas gegen seine Religion sagt?…“

Noch deutlicher wurde der von mir sehr geschätzte Nitya: „…Lieber Hagen, für deine Gefühle bist ganz allein du verantwortlich … Und wenn du dich verletzt fühlst, ist dies nur ein Impuls zu schauen, was da verletzt wird. Verletzt werden können immer nur Vorstellungen, denen du glaubst. Du – kannst nicht verletzt werden….“

Ich konnte es nicht leugnen: Durch die Worte von Bruder Klaus-Jürgen Grün fühlte ich mich tatsächlich gekränkt und persönlich angegriffen. Doch warum überhaupt? Denn, wenn Nitya und besagter Freimaurer-Bruder Recht hatten, hätte da gar nichts in mir sein dürfen, was hätte verletzt werden können. Was genau ist es also, was sich in mir verletzt fühlte? Und warum tat es dies?“

WORAUF RICHTE ICH MEINE ENERGIE?

Ein Freimaurer-Bruder meiner Loge, zu dem sich in den letzten Jahren eine von Tiefe und Vertrautheit geprägte Beziehung entwickelt hat, stellt mir gerne die Frage, worauf ich meine Energie richte.

Dahinter steht die Idee, dass es Dinge gibt, die mir gut tun, weil sie mir Energie geben und Dinge, die mir nicht gut tun, weil sie mir Energie rauben. Und in vielen Bereichen meines Lebens habe ich die Wahl. Ich kann selbst entscheiden, worauf ich meine Aufmerksamkeit – und damit meine Energie – richte. Und worauf eben nicht.

Die Auseinandersetzungen um das Buch von Bruder Grün taten mir augenscheinlich nicht gut. Folglich haben sie mir Energie geraubt. Trotzdem habe ich Zeit, Kraft und Herzblut investiert, um in diesen Auseinandersetzungen mitzumischen. Und das aus freien Stücken. Doch was war mein innerer Antrieb? Was war ausschlaggebend, dass es mir so verlockend erschien, mich in etwas hineinzugeben, was mir nicht gut tut?

DOCH NUR FUNDAMENTALISMUS

In der gesamten Diskussion um das Buch von Bruder Klaus-Jürgen Grün ging es ausschließlich um im Kopf erdachte Anschauungen. Da haute der Atheist dem Gläubigen seine theoretischen Konstrukte in fundamentalistischer Weise um die Ohren. Und umgekehrt nicht minder.

Ich selber bin in meiner Jugend christlich fundamentalistisch geprägt worden. Mein Glaube war „durch ein kompromissloses Festhalten an religiösen Grundsätzen gekennzeichnet“ (vergleiche Wikipedia). Es gab Glaubenssätze, die ich für wahr zu halten hatte, Regeln, die ich zu befolgen und Handlungen, die ich zu vollziehen hatte. Das gesamte Leben war eingeteilt in „gut und schlecht“, in „richtig und falsch“, in „schwarz und weiß“. Und folglich sämtliche Menschen in „die und wir“.

Es war für mich ein langer, schwerer und sehr schmerzhafter Weg heraus aus diesen fundamentalistischen Strukturen. Seither habe ich mich viel damit auseinandergesetzt, wie fundamentalistische Mechanismen funktionieren.

Hierbei habe ich vor allem eine relativ plumpe Erfahrung gemacht: Fundamentalistisch geprägte Diskussionen haben keinen Mehrwert. Punkt. Ich weiß nicht, ob ich schon jemals erlebt habe, dass Menschen sich durch fundamentalistische Diskussionen näher gekommen wären. Auf jeden Fall aber habe ich schon viel zu oft erleben müssen, wie Menschen sich dadurch entzweien. Fundamentalismus trennt. Immer. Egal, ob religiöser Fundamentalismus, atheistischer Fundamentalismus, humanistischer Fundamentalismus oder welcher Fundamentalismus auch immer.

Und mit meinem Blogartikel habe ich mich in eben solch eine fundamentalistische Auseinandersetzung gestürzt. In eine Auseinandersetzung, die von ihrer Art und ihrem Inhalt her ausschließlich dazu geeignet war, Menschen zu entzweien und zu verletzen. Ausgerechnet ich als gebranntes Kind bin in diese Falle getappt. Wie nur konnte mir das passieren?

DAS EIGENTLICHE PROBLEM

Die spirituellen Lehrer, denen ich nur zu gerne meine Aufmerksamkeit widme, sagen sinngemäß alle dasselbe: Der Mensch ist in seinem innersten Wesen einfach nur „Sein“. Seine tiefste Essenz ist Liebe. „Sein“ und „Liebe“ – beides sind Begrifflichkeiten, die so weit, so unfassbar und so allumfassend sind, dass sie nicht durch fundamentalistische Definitionen zu beschreiben, zu begreifen oder auch nur zu auszudrücken wären.

Das zeigt, dass die Diskussionen um das Buch von Bruder Grün schlichtweg irrelevant sind. Sie finden lediglich an der Peripherie dessen statt, was ist. Denn sie bewegen sich ausschließlich auf der Ebene der erdachten Definitionen. Menschen definieren, wo sich ihre Anschauungen voneinander unterscheiden. Und zwangsläufig bringt das mit sich, dass sie anfangen, sich selbst zu definieren; z.B. als Christ, als Atheist, als Humanist, als Agnostiker usw..

Durch diese Selbst-Kategorisierungen aber beschneiden und verstümmeln die Menschen ihr wahrstes und innerstes Wesen. Und mir scheint, je verstümmelter das eigene Wesen, desto vehementer und absoluter wird dieses nach außen als die „einzige Wahrheit“ vertreten.

UNGELÖSTE FRAGEN

Zusammengefasst sagt es wahrscheinlich mehr über mich aus, als mir lieb sein kann, dass das Buch von Bruder Klaus-Jürgen Grün mich überhaupt verletzen konnte und ich mich auch noch genötigt sah, in dieser ganzen Auseinandersetzung mitzumischen.

Als mir dies zu dämmern begann, war mein spontaner Impuls, es sofort mit wohlig spirituell klingenden Worten zu erklären, zu rechtfertigen, zu relativieren. So blumige Formulierungen wie „Wahres Selbst“ und „Falsches Selbst“ hätte ich ganz gewiss dafür gewählt. Und mit jeder Erklärung wären die Fragen, die das alles in mir aufgeworfen hatte, wohl abstrakter geworden. Und ein Stück von mir weggerückt. Irgendwann dann wäre meine kleine Welt ganz sicher wieder in Ordnung gewesen. Und ich hätte mir selbst auf die Schulter klopfen können, was ich mal wieder für hochtrabendes Zeug von mir gegeben habe.

Diesem Impuls will ich ganz bewusst widerstehen. Daher schildere ich hier zwar welche Fragen aktuell in mir wüten. Ich will es mir aber verkneifen, voreilige Antworten zu geben. Denn wenn ich ehrlich bin, habe ich auch gar keine Antworten. Ich lasse diese Fragen zu. Sie dürfen sein. Ohne dass ich sie „wegmachen“ muss. Und vielleicht finden mich irgendwann auch die Antworten auf sie…

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Wörter und Götter und so

NICHTS NEUES UNTER DER SONNE?

Im Januar 2018 erschien das Buch „Wörter machen Götter“ des Freimaurers Klaus-Jürgen Grün. Ein Buch, in dem er Stellung bezieht. Nicht nur für ein humanistisch atheistisch geprägtes Freimaurertum. Sondern auch explizit gegen den christlichen Freimaurerorden (Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland – GLLvD). Ein Buch, das polarisiert und innerhalb des deutschen Freimaurertums für verbitterte Auseinandersetzungen und Anfeindungen gesorgt hat.

Bruder Grün gehört der vorwiegend humanistisch ausgerichteten freimaurerischen Richtung der „Alten freien und angenommenen Maurer von Deutschland“ (AfuaM) an. Bereits in der Vergangenheit hat er Veröffentlichungen verschiedenster Art herausgebracht, die sich von einem humanistischen Standpunkt aus kritisch mit den Fragen der Religion und des Gottesglaubens auseinandersetzen. Nur konsequent stellt er auch die esoterisch spirituellen Bezüge im Lehr-, Symbol- und Ritualgebäude der ersten drei Johannisgrade des Freimaurertums in Frage. Folgerichtig hinterfragt er dasselbe in den unterschiedlichen Systemen der (Hoch-) Grade, die auf die ersten drei Johannisgrade folgen (können). Denn in diesen werden regelhaft die esoterisch spirituellen Aspekte des Freimaurertums aufgegriffen, vertieft und erweitert.

Die Auseinandersetzungen, ob der freimaurerische Weg einen wie auch immer gearteten Gottesbezug benötigt und ob Symbol und Ritual des Freimaurertums immer auch eine esoterisch spirituelle Dimension innewohnen muss, sind so alt wie das Freimaurertum selbst. Auch heute werden sie geführt. Viel zu häufig. Gerne auch voller Inbrunst. Und nicht selten kräftig unter die Gürtellinie (siehe hier).

Ich selbst habe mich auf meinem Blog zu diesem Thema klar positioniert (siehe hier). Doch ich habe auch die freimaurerischen Standpunkte, die konträr zu den meinen stehen, als gleich-berechtigt auf meinem Blog zugelassen (siehe hier und hier).

Das Streitthema, zu dem Bruder Klaus-Jürgen Grün sich äußert, ist also kein neues. Und auch sein Werk „Wörter machen Götter“ ist nicht seine erste Verlautbarung dazu. Warum also hat es nun solch einen Wirbel ausgelöst und so viel Unfrieden in das deutsche Freimaurertum getragen?

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich selbst habe das Buch von Bruder Grün nicht gelesen. Doch kenne ich mittlerweile seitenweise Zitate daraus und habe auch mehrere Rezensionen gelesen. Das langt nicht, um fundiert inhaltlich zu diskutieren. Aber es langt, um mir ein Bild über den Stil dieses Buches zu machen. Und um Fragen zu stellen…

POTENTIAL DER VERLETZUNG

Ich glaube, das, was am schwersten an dem Buch von Bruder Grün wiegt, ist, dass er dem gesamten christlichen Freimaurerorden pauschal jegliche Regularität abspricht. Dies tut er mit einer Absolutheit und einer Vehemenz, die jeden Andersdenkenden automatisch ausgrenzt. Und damit verlässt er die Ebene der gleichberechtigten Begegnung und des gleichberechtigten Austausches. Er stellt ein Über-Unter-Verhältnis her. Dadurch schafft er die gleiche Ausgangssituation, wie sie religiöse Fundamentalisten gegenüber Ungläubigen schaffen. Auf der einen Seite steht der „Gläubige“, der im Besitz der „absoluten Wahrheit“ über etwas ist. Und auf der anderen Seite steht der „Ungläubige“, der einen großen Makel hat, so lange er diese Wahrheit nicht vollständig übernommen hat. Das treibt Bruder Klaus-Jürgen Grün so weit, sich sogar anzumaßen, selber besser beurteilen zu können, wie der einzelne Ordensfreimaurer das eigene Ordensritual und den Begriff des „Dreifach großen Baumeisters“ zu verstehen und für sich auszufüllen und zu leben hat.

Weiter wählt er bezogen auf den Freimaurerorden eine Wortwahl, die vor allem dazu geeignet ist, die Gefühle religiöser Menschen zu verletzen. Und auch so manche Schlussfolgerung, die er bezüglich des Freimaurerordens zieht, ist bestenfalls plakativ und provozierend; schlimmstenfalls aber irgendwo zwischen übler Nachrede und Rufmord anzusiedeln.

So überrascht es nicht, dass mir einiges, was ich aus diesem Buch las, tiefe und schmerzhafte Stiche versetzt hat. Es verlangte mir einiges an Impulskontrolle ab, mich nicht ebenfalls mit wehenden Fahnen und gewetzten Messern in die entflammten Kontroversen zu stürzen.

Eine bittere Erkenntnis, die mir die ganzen vorangegangenen Auseinandersetzungen um Gott und Spiritualität innerhalb des Freimaurertums gebracht hatten, war, dass Fundamentalismus kein Merkmal ist, das sich nur in den Religionen finden lässt. Viel zu oft hatte ich erleben müssen, dass humanistische und atheistische Brüder dieselben Argumentationsweisen, denselben Absolutheitsanspruch und dieselbe Toleranzfähigkeit an den Tag legten wie religiöse Fundamentalisten. In diesen Fällen war lediglich das religiöse Dogma durch ein nichtreligiöses ersetzt worden. Und das Buch von Bruder Grün setzt leider ein dickes Ausrufezeichen hinter diese Beobachtung.

Wie es scheint sind auch die „Vereinigten Großlogen von Deutschland“ (VGL) zu einer ganz ähnlichen Einschätzung über dieses Buch gekommen. In der VGL haben sich die fünf eigenständigen Großlogen, die die Johannisgrade auf deutschem Boden bearbeiten, zusammengefunden. Unter anderem auch die Großloge AfuaM und der christliche Freimaurerorden. Und der Senat der VGL – in dem die Großloge AfuaM aus Proportsgründen die Mehrheit stellt – hat das Buch einstimmig als „Hetzschrift“ eingeordnet.

AUS DER GESCHICHTE NICHTS GELERNT?

Das letzte Mal, dass eine freimaurerische Richtung einer anderen freimaurerischen Richtung die Rechtmäßigkeit in derart massiver Weise abgesprochen hat, war in den Zeiten des aufstrebenden Nationalsozialismus. Doch damals war es genau umgekehrt. Damals war es der christliche Freimaurerorden, der seinen humanistischen Brüdern die Existenzberechtigung absprach. Dies geschah auch, um sich dem Nationalsozialismus bis zur Aufgabe der eigenen Identität anzubiedern.

Das Ende vom Lied ist hinlänglich bekannt. Wenn überhaupt, dann lieferte das Verhalten des Freimaurerordens lediglich den Feinden des gesamten Freimaurertums Munition. Und schlussendlich wurden alle Richtungen des Freimaurertums verboten und verfolgt.

Meinem Verständnis nach ist der christliche Freimaurerorden damals seinen humanistischen Brüdern gegenüber schuldig geworden. Inwiefern dies aufgearbeitet worden ist und eine Aussöhnung stattgefunden hat, kann ich (noch) nicht abschließend beurteilen.

Doch dieses freimaurerische Kapitel hat mich sensibilisiert für die Verantwortung, die jeder einzelne Freimaurer für das trägt, was er öffentlich von sich gibt. Das gilt ganz besonders für die heutige Zeit, in der am rechten politischen Rand und in Reihen konservativ dogmatischer Christen wieder die wirrsten Verschwörungstheorien entstehen und verbreitet werden, woran „die Freimaurer“ denn so alles Schuld seien. Bruder Klaus-Jürgen Grün war sich seiner Verantwortung offenbar nicht bewusst, als er sein Buch schrieb.

TRENNENDES UND VERBINDENDES

Manchmal habe ich den Eindruck, es gibt für Menschen nur zwei grundsätzliche Arten, miteinander umzugehen. So kann man entweder betonen, was einen verbindet. Oder man kann betonen, was einen trennt. Was für die Menschheit im Allgemeinen gilt, gilt für die Bruderschaft der Freimaurer im Besonderen.

Und von dem Moment an, wo Dogmatismus Spiel kommt, wird immer das Trennende betont. Denn Dogmatismus geht von einer „feststehenden Definition oder einer grundlegenden, normativen Lehraussage“ aus, „deren Wahrheitsanspruch als unumstößlich festgestellt wird“ (vergleiche Wikipedia). Das bringt mit sich, dass jede Anschauung und jeder Mensch, der mit dieser Lehraussage nicht konform geht, ausgegrenzt wird.

Bruder Grün spricht mit seinem Buch ganz klar die Sprache eines Dogmatikers. Er betont das Trennende. Und absolutiert diesen Standpunkt. Er stellt sein Dogma über brüderliche Begegnung. Ebenso gut hätte er ein Buch darüber schreiben können, was das christliche und das humanistische Freimaurertum verbindet. Dieses Buch wäre wahrscheinlich um einiges länger und umfangreicher geworden. Stattdessen ergießt er sich darin zu betonen, was beide Lager voneinander trennt.

Und er sieht in diesen Unterschieden nichts, was bereichert oder im positiven Sinne herausfordert. Sondern nur etwas, was ausgelöscht gehört. Das zeigt, dass er von einer Art gleichgeschalteter Einheitsfreimaurerei auszugeht. Und in dieser hat nur Platz, wer einer humanistisch atheistischen Überzeugung anhängt, wie Bruder Klaus-Jürgen Grün sie definiert.

VIELFALT UND VERWURZELUNG

Das ist wahrscheinlich der Punkt, an dem ich am weitesten mit ihm auseinanderliege. Für mich sind die unterschiedlichen und bisweilen auch gegensätzlichen Facetten, die sich im Freimaurertum wiederfinden, eine der größten Stärken dieser Bruderschaft. Für mich ergänzen und bereichern diese sich gegenseitig.

Denn das, was diese unterschiedlichen Brüder miteinander verbindet, ist das Erleben des freimaurerischen Rituals und der freimaurerischen Symbolik. Und dies verbindet auf einer viel tieferen Ebene, als dass der Buchstabe des Dogmas jemals dringen könnte. Das ist meines Erachtens das „berühmte“ freimaurerische Geheimnis.

Aus diesem Grund bin ich gerne bereit, die Spannungen, die diese freimaurerische Vielfalt mit sich bringt, auszuhalten und mitzutragen. Und mit dieser inneren Haltung begegne ich auch den freimaurerischen Brüdern, die mir – wie Bruder Grün – absprechen, ihr Bruder zu sein. Natürlich erfordert dies ein hohes Maß an Ausdauer und Leidensfähigkeit und auch eine gewisse Frustrationstoleranz. Aber die Begegnungen und der Austausch, die es mit sich bringt, wiegen das allemal auf.

Wahrscheinlich wäre es sehr viel einfacher, mich in meiner eigenen freimaurerischen Wagenburg zu verschanzen und alles zu bekämpfen, was meine kleine, heile Welt in Frage stellt. Es wäre der Weg des geringsten Widerstands. Der Weg, den Bruder Klaus-Jürgen Grün mit seinem Buch gewählt hat. Aber dieser Weg ist eben nicht meiner.

Nur um eines ganz klar zu sagen: Dieses bewusste Aushalten und Annehmen der Spannungen zwischen den unterschiedlichen freimaurerischen Richtungen hat nichts mit Beliebigkeit, Gleichgültigkeit oder Ignoranz zu tun. Natürlich habe ich eine ganz klare Verwurzelung in der Lehrart des christlichen Freimaurerordens. Und diese Verwurzelung ist bewusst gewählt. Ich kann sie begründen und ich schätze sie. Trotzdem sehe ich in den anderen Lehrarten keine Bedrohung für meinen eigenen freimaurerischen Weg. Sondern etwas, das meinen Weg ergänzt, bereichert und im positiven Sinne herausfordert. In dem Freimaurertum, für das ich stehe, haben Atheisten ebenso Platz wie Gottesgläubige, die unterschiedlichen Agnostiker ebenso wie ganze Bandbreite der spirituell Suchenden, Gnostiker und Mystiker. Und so weiter. Der viel zitierte Satz „Einheit in Vielfalt“ ist für mich keine hohle Phrase, sondern gelebte Wirklichkeit.

Und dieser Satz findet für mich organisatorischen Ausdruck in der VGL. Meines Erachtens tut es dem christlichen Freimaurerorden und der Großloge AfuaM nur gut, durch diesen Dachverband in regelmäßiger Kommunikation zu stehen und sich immer wieder miteinander auseinandersetzen zu müssen. Ohne die VGL bestünde die Gefahr, dass beide Großlogen zu sehr in ihrem eigenen Saft schmoren.

BLUTENDE WUNDEN UND OFFENE FRAGEN

Mein Bruder und Freund René Schon meinte zu mir, dass Bruder Grün in seinem Buch interessante und schlüssige Thesen in Bezug auf die Gottesfrage bringt. Das stelle ich nicht in Abrede. Ich las an verschiedener Stelle, dass Bruder Klaus-Jürgen Grün ein „brillanter Geist“ sein soll. Doch ein Buch ist grundsätzlich nicht nur nach seinem Inhalt zu bewerten, sondern auch nach seinen Auswirkungen.

Und diese sind überwiegend destruktiver Natur. Denn dieses Buch hat schmerzhafte Kreisläufe der gegenseitigen Verletzungen angestoßen. Es hat Gräben gerissen zwischen Menschen, die sich als Brüder begegnen sollten. Es hat die „freimaurerische Ökumene“ um Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte, zurückgeworfen. Die Wunden, die es gerissen hat, werden noch lange bluten. Und die Narben wird man noch wesentlich länger sehen.

Für mich bleibt die Frage, welche Absicht Bruder Grün verfolgt hat. Er bringt ein Buch heraus, das von seinem Inhalt und von seiner Machart her geeignet ist, maximalen Flurschaden innerhalb des deutschen Freimaurertums anzurichten. Welche Folgen dieses Werk haben wird, muss ihm vorher bewusst gewesen sein. Schließlich ist er lange genug Freimaurer und kennt die unterschiedlichen Richtungen gut genug, um das abschätzen zu können.

War es seine Absicht, möglichst viele Brüder, die er unmöglich alle persönlich kennen konnte – Brüder wie mich -, stumpf zu verletzen? Oder suchte er den Skandal, um gute Verkaufszahlen zu generieren? Oder nutzt er das Buch, um eine persönliche Fehde auszutragen? Glaubt er tatsächlich, dass seine destruktive Art und Weise geeignet ist, das deutsche Freimaurertum in seine Richtung zu verändern? Wollte er nur einen Impuls setzen, der ihm letztendlich komplett entglitten ist? Oder wollte er den Bruch zwischen dem christlichen Freimaurerorden und der Großloge AfuaM herbeizuführen; mit dem Ziel, dass einer oder sogar beide die VGL verlassen?

Egal, was die Motive von Bruder Klaus-Jürgen Grün auch gewesen sein mögen, der Kollateralschaden, den dieses Buch mit sich bringt, steht in keinem Verhältnis zu dem Nutzen, den es haben könnte. Es zeigt sich wieder mal: Der Zweck heiligt nicht die Mittel.