Mein ZEN-Meister

Vor 9 Wochen erblickte unsere Tochter das Licht der Welt. Sehr schnell entdeckten sie und ich ein gemeinsames Ritual: Nachdem sie am späten Abend getrunken hat und von uns gewickelt worden ist, nehme ich sie auf den Arm und trage sie in den Schlaf. Allabendlich drehen wir so gemeinsam unsere Runden in ihrem Zimmer. Zunächst starren ihre wachen Äuglein noch aufgeregt in der Dunkelheit umher. Bis die Kleine sich dann schließlich in meinen Arm einkuschelt und ihre Augen nach und nach zufallen. Und irgendwann nur noch regelmäßiges, zufriedenes Atmen zurückbleibt. In diesen Momenten kann ich meine Dankbarkeit für dieses kleine Wesen kaum fassen.

Eines jedoch ist mir dabei aufgefallen: Je krampfhafter ich will, dass sie endlich schläft, desto länger dauert es, bis sie tatsächlich einschläft. Und oftmals ist ihr Schlaf dann auch nur ein oberflächlicher. Je mehr ich jedoch innerlich bei ihr und in dieser gemeinsamen Situation ankomme und je weniger ich die Absicht verfolge, sie in den Schlaf bringen zu wollen, desto schneller und desto besser schläft sie schließlich ein.

Ich glaube, das, was meine Tochter mich in diesen Situationen lehrt, ist Absichtslosigkeit. Die Fähigkeit, Dinge um ihrer selbst Willen zu tun. Und nicht, um irgendwann irgendetwas etwas zu erreichen.

Einer Gesellschaft, die durch Jahrhunderte des Kapitalismus geprägt ist, fällt es schwer, etwas mit Absichtslosigkeit anzufangen. Denn in der Regel hat alles, was wir tun, einen bestimmten Zweck zu erfüllen. Das Endziel solch einer materialistisch geprägten Gesellschaft ist immer Geld zu verdienen. Geld, um partizipieren zu können. Geld, um konsumieren zu können. Geld, um bestimmen zu können. Eine Tätigkeit hat nur noch den Wert, der dem fiskalischen Nutzen entspricht, den sie für mich einmal haben wird. Und so haben wir uns nach und nach eine Lebenseinstellung angeeignet, die unser gesamtes Leben in eine einzige Kosten-Nutzen-Rechnung zwängt. Ich tue etwas, damit ich irgendwann mal etwas davon habe.

Gelegentlich lese ich in den Gleichnissen des ZEN-Buddhismus und denen der christlichen Wüstenväter. In beiden monastisch geprägten Traditionen scheint die Tugend der Absichtslosigkeit einen hohen Stellenwert zu haben. Immer wieder werden die Schüler angehalten, Tätigkeiten um ihrer selbst Willen auszuüben und nicht, um dadurch ein in der Zukunft liegendes Ziel zu erreichen.

Das überspitzt sich schließlich bis hin zu folgendem Paradox: Auf der einen Seite wird den Schülern beigebracht, dass sie hart und diszipliniert dafür arbeiten müssen, um Erleuchtung zu erlangen. So gilt es, sich einem strikten Tagesablauf zu unterwerfen, regelmäßig in die Stille zu gehen und sich Disziplinen wie das Fasten aufzuerlegen. Doch auf der anderen Seite wird den Schülern beigebracht, dass dies alles nicht notwendig ist, um Erleuchtung zu erlangen. Viel mehr: Sie können Erleuchtung nur erlangen, wenn sie das Bedürfnis, erleuchtet zu sein, aufgeben. Sie müssen es also aufgeben, ihre monastischen Disziplinen mit dem Ziel auszuüben, Erleuchtung zu erlangen. Das entbindet sie nicht von der Notwendigkeit, diese Disziplinen zu üben. Lediglich ihre innere Einstellung zu diesen Disziplinen muss eine absichtslose sein.

Ein Paradox, das durch den Verstand nicht aufzulösen ist. Aber dadurch ist es nicht weniger wahr. Ganz im Gegenteil: Meine Erfahrung ist: Je tiefer und je reifer ein spiritueller Weg ist, desto höher ist die Fähigkeit, solche Paradoxe stehenlassen zu können. Und nicht rational auflösen zu müssen.

Doch warum eigentlich hat Absichtslosigkeit in diesen monastischen Traditionen solch einen hohen Stellenwert? Ich glaube, weil Absichtslosigkeit eine der großen Lehrerinnen ist, die uns in die Gegenwärtigkeit führen kann. Denn das Leben geschieht ausschließlich im gegenwärtigen Moment. Gott offenbart sich ausschließlich und vollkommen im gegenwärtigen Moment. Nicht im Rückblick auf die Vergangenheit und nicht im Vorgriff auf die Zukunft. Ausschließlich im Hier und Jetzt. Wenn ich aber etwas tue mit der Absicht, ein in der Zukunft liegendes Ziel zu erlangen, so verpasse ich den gegenwärtigen Augenblick. Und damit das Leben und auch Gott.

Während ich an diesem Artikel schrieb, stieg in mir die Frage auf, mit welcher Motivation ich eigentlich ins freimaurerische Ritual gehe. Tue ich dies nicht auch, um etwas zu erlangen? Sei es Selbsterkenntnis? Sei es Erleuchtung? Oder sei es auch nur ein meditativer Zustand? Könnte es nicht ein wesentlicher Bestandteil des freimaurerischen Weges sein, zu lernen, absichtslos ins Ritual zu gehen? Und absichtslos im Ritual zu verweilen? Weil sich nur so dieses Ritual in seiner ganzen Dimension entfalten kann?

Ich weiß es nicht sicher. Doch ich will diesen Impuls in mir weiter nachwirken lassen. Und bis dahin darf meine Tochter mich weiter Absichtslosigkeit lehren. Abend für Abend. Sie, meine kleine ZEN-Meisterin…

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13 Gedanken zu “Mein ZEN-Meister

  1. Lieber Hagen,

    zunächst einmal und an erster Stelle meinen herzlichsten Glückwunsch zur Geburt deiner kleinen Zenmeisterin. Danke für deine berührende Erzählung! Was für ein herzerwärmendes Bild, was da vor den Augen des Lesers entsteht.

    Unwillkürlich musste ich an meinen ersten Zenmeister denken. Das war noch vor der Geburt meiner Kinder. In meinem Fall war es mein Kater Gregor, der mich genau das lehrte, worum es dir auch in deinem Beitrag ging: Absichtslosigkeit, die sich ganz von selbst ergibt, wenn ich in der Präsenz des gegenwärtigen Augenblicks verschwunden bin.

    Man sagt, Zen entwickelte sich aus einem einzigen Augenblick. Buddha hätte wie gewohnt vor der Schar seiner Mönche eine seiner Lehrreden halten sollen, aber an diesem Tag schwieg er. Stattdessen ob er seine Hand, in der er eine Lotusblüte hielt. Keiner verstand, was er damit sagen wollte. Nur Mahakashyapa lächelte. Buddha überreichte Mahakashyapa die Blüte undsagte: „Was gesagt werden kann, habe ich euch gesagt, und was nicht gesagt werden kann, habe ich Mahakashyapa gegeben.“ Mahakashyapa wurde damit Buddhas Nachfolger und gleichzeitig die wirkliche Botschaft Buddhas: Die tiefste Erkenntnis ist jenseits von Worten und jenseits jedes Verstehens, das sich auf Worten aufbaut. Deine kleine Tochter lehrt auch ohne Worte und da du sie liebst und dadurch völlig offen bist für ihre Botschaft, kann ihre Botschaft auch so tief in dich eindringen.

    Ich erzählte dir einmal, dass ich es nicht so mit vorgegebenen Ritualen habe. ls das indische Dhyana mit Bodhidharma nach China kam waren die die Ch’an-Patriarchen reine Ikonoklasten. Sie vernichteten alles, was das Mark des Ch’an verschleiern wollte. Sie duldeten keinen Glauben, kein intellektuelles Verstehen, keine Lehre, keine Rituale, keine Ziele, kein Anstreben von Tugenden und Moral. Das Einzige, was für sie zählte, war gegenwärtige Präsenz. Sie waren noch ganz im chinesischen Taoismus verwurzelt. Präsent im Fluss des Tao zu sein war alles, worum es ihnen ging.

    Ich finde es wundervoll, wie deine Tochter dir genau diese Botschaft übergibt – so wie einst Buddha dem Mahakashyapa.

    Einen herzlichen Gruß
    Wilhelm

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  2. Vielen Dank, lieber Nitja, für Deine mal wieder so lieben Worte!

    Rückblickend erinnere ich mich auch, dass ich in meiner Kindheit beständig von ZEN-Meistern umgeben war. Doch erst im Rückblick verstehe ich, was meine Katzen mich zu lehren hatten.

    Es mag sein, dass ich mich von meiner Tochter lehren lasse, weil ich sie liebe. Bin ich mir sogar ziemlich sicher. Ich genieße diese allabendlichen Spaziergänge. Das ist Zeit, die sie und ich ganz exklusiv miteinander haben.

    Zu Deinen Anmerkungen zu „festen“ Ritualen. Diese sind für mich kein Selbstzweck, sondern lediglich Hilfsmittel, um Achtsamkeit und damit Gegenwärtigkeit zu lernen. Ich benötige diese „Krücke“, weil ich es verlernt habe darauf zu hören, was der Alltag und die Welt um mich herum mir mitzuteilen hat.

    Vielleicht kommt der Tag, an dem ich sagen kann, dass ich sie nicht mehr benötigte…

    Gesegnete Grüße!

    Hagen

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    • Lieber Hagen,

      ich kann dir nur aus ganzem Herzen zustimmen: Ohne Liebe keine Offenheit, ohne Offenheit kein Lernen. Unter Lernen verstehe ich hier nicht das Lernen, das auch geschieht, wenn wir das erste Mal auf eine heiße Herdplatte gefasst haben, sondern das Lernen im Bereich dessen, was man das Transzendente nennen könnte.

      Was nun die „festen“ Rituale betrifft – du weißt, das ist eher so eine heiße Herdplatte für mich gewesen: Wir können aus meiner Sicht gar nicht nicht-gegenwärtig sein. Ein Ritual kann unsere Aufmerksamkeit ausrichten, kann sie für eine bestimmte Zeit auf einen bestimmten materiellen oder geistigen Gegenstand konzentieren, bis die Konzentration wieder ganz von selbst abnimmt. Meditation bedeutet im Gegensatz dazu nicht Konzentration, sondern einfach bewusste Offenheit für alles, was einem gerade in Erscheinung tritt. Ich würde also vielleicht eher für Wachheit plädieren, Wachheit im Alltag. Beim Wickeln deiner Zenmeisterin, beim Essen kochen, beim Kloputzen, bei was auch immer. Alles mit liebevoller Aufmerksamkeit begleiten.

      „Krücken“ haben die verhängnisvolle Eigenschaft, dass man sich an sie gewöhnen kann, an Krücken oder sein Krankenlager. Joh 5 fällt mir ein. Jesus sagt zu einem Kranken: „Steh auf, nimm dein Bett und wandle! Und alsbald wurde der Mensch gesund, hob sein Bett auf und wandelte.“ Bekannt ist auch der Hinweis von Jesus: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ Das Gegenteil kann auch zutreffen. Du schreibst: „Ich benötige diese ‚Krücke‘, weil ich es verlernt habe darauf zu hören, was der Alltag und die Welt um mich herum mir mitzuteilen hat.“ Das ist, mit Verlaub, ein Glaubenssatz, der auf einer bestimmten Vorstellung beruht. Ich würde sie einmal in Frage stellen.

      Und jetzt bitte ich dich, mir meine Einmischungen nicht nachzutragen. Es scheint wohl so etwas wie eine Berufskrankheit von mir zu sein.

      Alles Liebe für dich und die Deinen.
      Herzlichst
      Nitya

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  3. Lieber Nitya!

    Mal wieder vielen, vielen Dank für Deine Worte!

    Du darfst Dich gerne „einmischen“. Zwar sind wir beide uns persönlich noch nie begegnet. Doch alleine auf Grund dessen, was Du auf Deinem Blog schreibst und auf Grund der Art und Weise, wie Du mir schreibst, habe ich Dir unlängst die Autorität eingeräumt, in mein Leben zu sprechen.

    Das heißt jetzt nicht, dass ich mit allem, was Du sagst, innerlich auch übereinstimme. Wohl aber, dass ich es Deinen Worten erlaube, mich in Frage zu stellen. Habe mich mehrfach dabei ertappt, dass mir Deine Impulse nachgehen und ich noch eine ganze Weile darauf „herumkaue“.

    Rituale haben für mich zweierlei Bewandtnis:

    Zu aller erst: Einer der längsten Wege meines Lebens ist der vom Kopf ins Herz (oder Intuition oder wie auch immer man es nennen will). Es fällt mir leicht, mich mit meinem Verstand mit Dingen auseinanderzusetzen. Aber wie dieses Wissen vom Kopf in den Bereich gelangen kann, in dem es sich auf einer intuitiven Ebene entfalten und schließlich auch mich von innen heraus transformieren kann, weiß ich nicht. Da waren und sind mir Rituale (nicht nur das freimaurerische!) eine wertvolle Hilfe, weil sie es vermögen, mich auf eine Weise, die ich nicht immer nachvollziehen kann, vom Kopf ins Herz zu führen.

    Dann ist es im freimaurerischen Ritual so, dass sich bei mir fast jedes Mal ein inneres Gefühl der Verbundenheit (mit dem Leben, mit dem was ist) einstellt, wenn ich an dem Ritual teilnehme. Auch das geschieht auf eine Art und Weise, die ich nicht erklären kann. Und eigentlich auch gar nicht erklären will.

    Du hast Recht, wenn Du sinngemäß sagst, dass ein Ritual immer nur ein temporäres Sich-Ausrichten sein kann.

    Daher ist das regelmäßige Praktizieren nur eine Seite der Medaille. Die andere ist mein tagtäglicher Gang in die Stille. Beides ergänzt sich. Zumindest für mich. Das freimaurerische Ritual erlebe ich als ein äußeres Symbol eines inneren Versenkens. Im freimaurerischen Ritual erlebe ich äußerlich, was ich beim Gang in die Stille innerlich erlebe: Nämlich ein Versenken in meinen innersten Ort der Stille. Der Ort, der der Mittelpunkt meines ursprünglichsten und tiefsten Wesenskern ist.

    (Ich glaube, mir ist gerade die Idee für einen weiteren Blog-Artikel gekommen ;-)).

    Soweit auf die Schnelle erstmal von mir.

    Gesegnete Grüße!

    Hagen

    Gefällt 3 Personen

  4. Lieber Hagen,

    herzlichen Dank für deine Antwort und für die Ernsthaftigkeit, mit der du deine Antwort artikuliert hast. Du schreibst: „Das heißt jetzt nicht, dass ich mit allem, was Du sagst, innerlich auch übereinstimme.“ Das wäre sicher ziemlich kontraproduktiv, wenn es anders wäre. Jeder von uns muss in seiner Einzigartigkeit seine ganz ureigene Sicht- und Seinsweise finden. Das freimaurerische Toleranzprinzip hat ja seine tiefe Bedeutung. Bisweilen kann es sein, dass die Sicht- und Seinsweise eines anderen für einen Impuls sorgt, der einen eine alte Vorstellung in Frage stellen lässt. Alles, was darüber hinausginge, wäre von Übel. Dass du auf irgendeinem Impuls gründlich herumkaust und ihn nicht einfach unzerkaut schluckst, wird dich sicher vor manchen Verdauungsproblemen bewahren. 😉

    Du sprichst deine Erfahrung mit Kopf und Herz an und die Schwierigkeit, die du damit hattest, den Kopf zwischendurch hinter dir zu lassen, um dich ganz dem Herzen zu öffnen. Das kann eine ganz wundervolle Erfahrung sein – und es kann verständlicherweise zur Folge haben, dass man diese wundervollen Erfahrungen immer wieder erleben möchte. „Werdet Vorübergehende!“, sagte Jesus im Thomasevangelium und meinte damit wohl etwas Ähnliches wie die buddhistische Nichtanhaftung. Ich übertrage das jetzt mal in meinem jugendlichen Leichtsinn auf JEDWEDE Erfahrung.

    Vielleicht taucht jetzt die Frage auf, ob es denn wohl so etwas wie eine Nicht-Erfahrung gibt. Ja, sage ich und verlängere mal die Reihe „Kopf und Herz“ um den Begriff „Gewahrsein“. Kann ich meines Denkens gewahr sein? Kann ich mir meines Fühlens gewahr sein? Natürlich. Kann ich mir des Gewahrseins gewahr sein? Die Antwort wird hier vermutlich ein Nein sein. Einfach, weil festgestellt werden muss, dass Gewahrsein im Gegensatz zu Gedanken und Gefühlen kein Objekt ist, das beschrieben werden könnte. Meine Finger, die gerade die Tasten bewegen, sind mögliche Objekte meiner Wahrnehmung, ebenso von mir aus meine Lust auf einen Kaffee oder meine Freude an diesem strahlenden Sommertag. Gewahrsein kann ich nicht wahrnehmen, ich kann es nur sein. Nein, nicht „kann“: Ich bin es. Und das bedeutet. ich kann mich nicht wahrnehmen, ich kann immer nur sein.

    Du schreibst: „Im freimaurerischen Ritual erlebe ich äußerlich, was ich beim Gang in die Stille innerlich erlebe: Nämlich ein Versenken in meinen innersten Ort der Stille. Der Ort, der der Mittelpunkt meines ursprünglichsten und tiefsten Wesenskern ist.“ Wenn dieser Ort ein Nicht-Ort ist, dieser Mittelpunkt ohne Mittelpunkt, dann stimme ich dir gerne zu. Du wirst das aus dem Zen kennen, deshalb muss ich es nicht erklären.

    Es macht Spaß, dir zu schreiben. 🙂
    Herzlichst
    Nitya

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    • Lieber Nitya!

      Mal wieder vielen Dank für Deine Impulse! Entschuldige bitte, dass ich ab und an ein wenig länger brauche, um darauf zu reagieren.

      Interessante Frage, inwieweit man selbst spirituelle Erfahrungen und Erlebnisse wieder loslassen muss, um weiterzukommen. Denn ist dieser aus diesen Erfahrungen und Erlebnissen entstandene Weg nicht der, der mich überhaupt erst an den Punkt geführt hat, darüber nachzudenken zu können, ihn wieder loszulassen?

      Das, was Du als das Buddhistische „Nicht-Anhaften“ beschrieben hast, ist wahrscheinlich dasselbe, wie das, was Richard Rohr als den „Fluss, der das Leben darstellt“ beschrieben hat. Ziel ist es hierbei, in den Fluss zu kommen und sich in ihm treiben zu lassen. Nicht mehr gegen ihn ankämpfen, ihn anschieben oder ihn aufstauen zu müssen. Hat man diesen Zustand des Sich-Treiben-Lassens erreicht, weiß man, dass man nichts von dem, was einem unterwegs begegnete, festhalten kann. Man muss es sogar loslassen, um zu sehen, wo einen der Fluss noch hintreiben kann.

      Während ich Dir das hier schreibe, wird mir bewusst, dass ich mir eine Art spirituelle Vitrine gebaut habe, in der ich meine spirituellen Erfahrungen und Erkenntnisse sammele und mir immer wieder gerne betrachte. Ist wie eine Form des Materialismus; des spirituellen Materialismus. Und ich merke auch, dass es mir schwer fällt, diese „Exponate“ wieder loszulassen. In dieser spirituellen Vitrine ist seit Jahren übrigens auch der Satz „Werdet Vorübergehende“ von Jesus Christus aus dem Thomasevangelium aufbewahrt (#FindeDenFehler).

      Bei Deiner Frage nach dem Gewahrseins des Gewahrseins verknoteten sich meine Gehirnwindungen kurzzeitig. Aber ich glaube auch, dass der Zustand, der dahinter liegt einfach „sein“ ist.

      Aus meiner heutigen Sicht würde ich sagen, dass dieser Zustand eins der Ziele meines spirituellen Weges darstellt.

      Ist dies auch der Zustand, an dem man „eins“ ist mit allem?

      Und ist der Nicht-Ort, von dem Du schreibst, der Platz, an dem ich dieses „Sein“ bzw. „Eins-Sein“ erfahre?

      Ich frage mich, ob man diesen Zustand des Seins – sollte man es jemals erreichen können – dann auch wieder loszulassen hat…

      Herzliche und gesegnete Grüße!

      Hagen

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      • Lieber Hagen,

        diesmal in aller Kürze, weil ich gleich weg muss. Du schreibst:

        (1) Bei Deiner Frage nach dem Gewahrseins des Gewahrseins verknoteten sich meine Gehirnwindungen kurzzeitig. Aber ich glaube auch, dass der Zustand, der dahinter liegt einfach „sein“ ist.

        (2) Aus meiner heutigen Sicht würde ich sagen, dass dieser Zustand eins der Ziele meines spirituellen Weges darstellt.

        (3) Ist dies auch der Zustand, an dem man „eins“ ist mit allem?
        (4) Und ist der Nicht-Ort, von dem Du schreibst, der Platz, an dem ich dieses „Sein“ bzw. „Eins-Sein“ erfahre?

        (5) Ich frage mich, ob man diesen Zustand des Seins – sollte man es jemals erreichen können – dann auch wieder loszulassen hat…

        zu 1: Ich würde sagen: Weder sein noch nicht sein.

        zu 2: Wenn du etwas zu deinem Ziel machst, hast du es automatisch zu einem Objekt gemacht. „Weder sein noch nicht-sein“ kann kein Objekt sein, das man erreichen könnte.

        zu 3: ich würde es nicht „eins“ nennen, sondern „nicht-zwei“. (Advaita)

        zu 4. Der Nicht-Ort kennt keine Erfahrungen. Erfahrungen setzen immer einen Erfahrenden voraus. Der Nicht-Ort kennt keinen Erfahrenden.

        zu 5. Loslassen kann man nur Objekte. „Weder sein noch nicht-sein“ kann weder festgehalten noch losgelassen werden.

        Lieber Hagen, verzeih mir den Telegrammstil. Mehr war jetzt zeitlich nicht zu schaffen.

        Herzlichst
        Nitya

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    • Vielen lieben Dank, Herzzentrale!

      Bitte habe Verständnis dafür, dass ich den Namen meiner Tochter hier nicht veröffentlichen möchte.

      Zwar schreibe ich auf meinem Blog sehr persönlich. Allerdings möchte ich dennoch eine gewisse Mindest-Anonymität gewahrt wissen.

      Sollten wir uns mal persönlich begegnen (was bestimmt sehr bereichernd wäre) würde ich Dir persönlich den Namen sicher gerne mitteilen. 😉

      Gesegnete Grüße!

      Hagen

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  5. Lieber Hagen, ich gratuliere Dir ganz herzlich und kann das, was Du schreibst, so gut nachvollziehen. Bei uns geht es gerade genauso. Und, ganz witzig, vor kurzem habe ich etwas zu einem ähnlichen Thema geschrieben, das nächste Woche erscheint…
    Alles Gute für Euch! 🙂

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    • Vielen Dank, liebe Christina!

      Ist ja spannend, dass Ihr gerade durch genau dieselbe Zeit geht! Und spannend auch, diese tiefe Erfahrung auf diese Weise mit Dir teilen zu können.

      Ganz herzlichen Glückwunsch dazu und alles Gute für das, was noch vor Euch liegt!

      Ich konnte in letzter Zeit nur relativ selten auf WordPress sein, aber ich mache mich gleich mal auf die Suche nach Deinem Artikel dazu. Bin gespannt!

      Gesegnete Grüße!

      Hagen

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